Forschung

Wie Zugvögel ihren Weg finden

Bremen. Die Frage, wie Zugvögel sich orientieren, beschäftigt Forscher schon lange. Eine neue Untersuchung unterstreicht die Bedeutung des Erdmagnetfeldes. Vögel entwickeln demnach magnetische Karten.
26.02.2013, 11:20
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Wie Zugvögel ihren Weg finden
Von Jürgen Wendler

Bremen. Manche Vögel, darunter Haussperlinge und Spechte, halten sich das ganze Jahr über in ihrer vertrauten Umgebung auf. Sie werden deshalb als Standvögel bezeichnet. Andere Arten ziehen zum Überwintern in andere Gebiete und legen dabei häufig große Entfernungen zurück. Die Frage, wie sie sich dabei orientieren, beschäftigt Forscher schon lange. Eine neue Untersuchung unterstreicht die Bedeutung des Erdmagnetfeldes. Vögel entwickeln demnach magnetische Karten.

Küstenseeschwalben, Weißstörche und Mauersegler sind dafür bekannt, dass sie besonders große Strecken von vielen Tausend Kilometern zurücklegen. Küstenseeschwalben zum Beispiel brüten in der Nordpolarregion und fliegen zum Überwintern ans andere Ende der Welt, das heißt in die Antarktis. Störche und Mauersegler aus Mitteleuropa zieht es bis in Gebiete, die im südlichen Teil Afrikas liegen. Damit gelten sie ebenso wie die Küstenseeschwalben als sogenannte Langstreckenzieher.

Andere Arten legen deutlich kürzere Strecken zurück und werden dementsprechend als Kurzstreckenzieher bezeichnet. Fachleute nennen in diesem Zusammenhang unter anderem das Rotkehlchen. Während manche der in Mitteleuropa heimischen Vertreter dieser Art das ganze Jahr über in der Region bleiben, also Standvögel sind, fliegen andere zum Überwintern ins südliche Europa. Viele Rotkehlchen aus Nordeuropa sind im Winter im wärmeren Mitteleuropa anzutreffen.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell sind jetzt der Frage nachgegangen, wie sich Rotkehlchen orientieren. Von ihren Erkenntnissen berichten die beiden Forscher Richard Holland und Barbara Helm im „Journal of the Royal Society Interface“. Wie sie erläutern, entscheidet bei sehr jungen Vögeln das Erbgut darüber, in welche Richtung sie bevorzugt fliegen. Neben solchen angeborenen Faktoren sei der Magnetsinn von Bedeutung. Das heißt: Die Vögel sind in der Lage, sich an den Magnetfeldlinien der Erde zu orientieren. Forscher vermuten zudem, dass die Tiere dabei gemachte Erfahrungen verarbeiten und im Laufe der Zeit eine Art von innerer Landkarte aufbauen, die ihnen fortan bei der Orientierung hilft.

Die Studie von Richard Holland und Barbara Helm liefert Hinweise, dass diese Vermutung richtig ist. Die Forscher hatten Rotkehlchen während des Vogelzuges an einem Rastplatz mit kleinen Radiotransmittern ausgestattet, mit deren Hilfe sie Informationen über die Zugrichtung gewinnen konnten. Außerdem störten sie kurzzeitig den Magnetsinn der Tiere, indem sie sie einem starken magnetischen Puls aussetzten. Wie sich zeigte, konnten sich die älteren Rotkehlchen daraufhin schlechter orientieren. „Der Puls hat wohl die magnetischen Karten der Rotkehlchen zurückgesetzt“, mutmaßt Holland. „Sie mussten sich deshalb auf andere Umweltinformationen verlassen und verflogen sich dann.“

Jungtiere verhalten sich anders

Bei jungen Vögeln hingegen, die zum ersten Mal zum jährlichen Vogelzug aufbrechen wollten, verschlechterte sich den Erkenntnissen der Wissenschaftler zufolge das Orientierungsvermögen durch den magnetischen Puls nicht. Die Forscher ziehen daraus den Schluss, dass die Jungtiere aufgrund fehlender Erfahrung noch keine magnetische Karte entwickelt hatten. Der Magnetsinn werde demnach maßgeblich durch die Erfahrungen beim Vogelzug beeinflusst.

Dass Vögel über einen Magnetsinn verfügen, ist seit den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts bei zahlreichen Experimenten belegt worden. Entsprechende Hinweise fanden sich nicht nur bei Rotkehlchen, sondern zum Beispiel auch bei Gartengrasmücken, Tauben und Haushühnern. Eine zentrale Rolle spielte bei den Forschungsarbeiten der vergangenen Jahre die Frage, wie die Tiere das Erdmagnetfeld wahrnehmen. Noch immer sei nicht endgültig geklärt, wo das Sinnesorgan für die Magnetfeldwahrnehmung sitze, sagt Holland. Eine Möglichkeit seien ferromagnetische Teilchen im Schnabel. Diskutiert würden aber auch entsprechende Systeme im Auge oder Gleichgewichtsorgan der Vogelohren. In der Netzhaut von Gartengrasmücken fanden Forscher sogenannte Cryptochrome, bestimmte Moleküle, die sie mit der Magnetfeldwahrnehmung in Verbindung bringen. Außerdem wurde ein als „Cluster N“ bezeichneter Bereich im Gehirn von Zugvögeln gefunden, der nachts besonders aktiv ist. Dieses Hirnareal sei wichtig, wenn sich die Tiere bei ihren nächtlichen Flügen am Magnetfeld der Erde orientierten, erklärten Wissenschaftler. Bei Rotkehlchen zeigte sich, dass sie nicht mehr in der Lage waren, ihren Magnetkompass zu nutzen, wenn der Hirnbereich deaktiviert war.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+