Mehr als nur Erinnerung

Wilhelm und Helene Kaisen-Stiftung feiert 25-jähriges Bestehen

Vor 25 Jahren wurde die Wilhelm und Helene Kaisen-Stiftung gegründet. Laut Satzung hat die Stiftung aber nicht nur den Zweck, die Erinnerung an den Politiker und seine Frau wachzuhalten.
19.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wilhelm und Helene Kaisen-Stiftung feiert 25-jähriges Bestehen
Von Frank Hethey

Wenn Hartmut Müller Gäste durchs Kaisen-Haus führt, kann es schon mal vorkommen, dass vom Nachbargrundstück laute Schreie zu hören sind. „Dann sehen die Leute mich groß an und wollen wissen, was da los ist“, sagt der frühere Leiter des Bremer Staatsarchivs. Seine Antwort: Das ist Kevin, ein junger Mann, der im benachbarten Kaisen-Stift wohnt. Kevin leidet unter einer seltenen psychischen Krankheit, immer wieder hat er mit aggressiven Schüben zu kämpfen.

Seine Schreie lassen sich auch als Stichwort verstehen. Als Stichwort dafür, dass die Wilhelm und Helene Kaisen-Stiftung keineswegs nur einen historischen Zweck erfüllt, sie nicht nur die Erinnerung an den langjährigen, 1979 verstorbenen Bürgermeister und seine sozial engagierte Frau wachhalten soll. Von Anfang an war auch der Bau einer Einrichtung für behinderte Kinder und Jugendliche auf dem unbebauten Teil des Grundstücks geplant. „Dieses Vorhaben sah die Stiftung sogar als vorrangig an“, sagt Müller. In der öffentlichen Wahrnehmung gehe das leicht unter. „Es gehört aber alles zusammen.“

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Inzwischen existiert die Stiftung seit fast 25 Jahren: Am 29. Juli 1995 unterschrieben Ilse und Franz Kaisen die Stiftungsurkunde, am 1. August wurde der Gründungsakt vermeldet – pünktlich zum 50. Jahrestag der Amtseinführung Kaisens als Bürgermeister und Präsident des Senats. Zu diesem Zeitpunkt lebten die beiden Kaisen-Kinder noch in ihrem Elternhaus, der Siedlerstelle in Borgfeld. Und doch wurde schon damals der Grund gelegt für das heutige Aufgabenfeld der Stiftung: das Wohnhaus der Familie als Gedenkstätte öffentlich zugänglich zu machen, in der Scheune als Nebengebäude eine Dokumentationsstätte zu schaffen und eine soziale Einrichtung für Behinderte zu errichten.

Dass Ilse und Franz Kaisen so viel an der Behindertenfürsorge lag, hatte seinen guten Grund. Franz, das zweite von vier Kaisen-Kindern, war 1922 behindert zur Welt gekommen. „Seine Schwester wusste, was es bedeutete, ein behindertes Kind in der Familie zu haben“, sagt Müller, seit Gründung der Stiftung im dreiköpfigen Vorstand. Ihr ganzes Leben lang kümmerte sie sich um den Bruder, sie selbst blieb unverheiratet und kinderlos. Mit zunehmendem Alter stellte sich jedoch die Frage, was aus dem Anwesen einmal werden sollte – mit der Gründung der Stiftung war der Weg vorgezeichnet.

Bau der Behinderteneinrichtung

Weil Ilse Kaisen auch nach dem Tod ihres Bruders 1998 noch bis 2005 allein in ihrem Elternhaus lebte, wurde zunächst der Bau der Behinderteneinrichtung umgesetzt: 1997 bezogen die ersten Kinder das neue Kaisen-Stift, das seit drei Jahren vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) betrieben wird.

Einige Sorgen hat der Stiftung das damals gebaute Stiftsgebäude gemacht. An sich sollte ein Erweiterungsbau hinzukommen, ein Architekt hatte schon Pläne ausgearbeitet. Doch zur Überraschung des Vorstands zerschlug sich die Hoffnung auf öffentliche Gelder für das Vorhaben. „Vom Senat bekommen wir keinen Cent“, sagt Horst Brüning, im Vorstand der Mann für die Finanzen. Damit waren die schönen Pläne über den Haufen geworfen, nun muss sich die Stiftung mit einer abgespeckten Version begnügen. Durch einen Umbau, der zugleich zur Grundsanierung genutzt wird, soll das Stiftsgebäude den veränderten Bedürfnissen der Behindertenbetreuung angepasst werden, die Gesamtkosten in Höhe von einer halben Million Euro muss die Kaisen-Stiftung allein tragen. Wegen der Corona-Pandemie mussten die Bauarbeiten gestoppt werden, bevor sie richtig angefangen hatten, seit einer Woche läuft die Arbeit jetzt wieder.

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Für die Stiftung ist die Finanzierung ein erheblicher Kraftakt, der auch durch eine moderate Mieterhöhung nicht aufgefangen werden kann. Durch die Millionenkredite für den Bau der Einrichtung schreibt die Stiftung ohnehin rote Zahlen. „Die Stiftung hat immer Schulden gehabt, sie lebt ausschließlich von Spenden“, sagt Brüning. Doch zum Glück hätten sich immer wieder Gönner gefunden. Sein Ehrgeiz: Er will den Vorstand erst verlassen, wenn die Stiftung schuldenfrei ist.

Diesem selbstgesteckten Ziel ist Brüning mittlerweile ein gutes Stück näher gekommen. Die Stiftung hat den Pachtvertrag für ein rückwärtiges Grundstück, das derzeit als Pferdekoppel genutzt wird, zum August 2021 gekündigt. Danach soll das Grundstück bebaut werden. Anfangs war eine Senioreneinrichtung geplant, davon hat die Stiftung aber wieder Abstand genommen. Nun sollen auf dem Gelände bis 2022 preisgünstige Mikroapartments entstehen, als Zielgruppe hat die Stiftung vor allem Studierende im Blick. Verkaufen darf die Stiftung das Areal laut Satzung nicht, deshalb soll es in Erbpacht vergeben werden. „Davon versprechen wir uns dauerhafte Einnahmen“, sagt Brüning.

Das zweite Satzungsziel

Noch lebte Ilse Kaisen in ihrem Elternhaus, als nebenan im März 2001 die Dokumentationsstätte eröffnet wurde. Womit sechs Jahre nach Gründung der Stiftung das zweite Satzungsziel umgesetzt wurde. Der Schreibtisch, an dem Kaisen so lange gearbeitet hat, wechselte ebenso in die frühere Scheune wie das Kaisen-Porträt von Hermann Zeidler, das bis dahin im Dienstzimmer von Bürgermeister Hans Koschnick (SPD) seinen Platz hatte.

Hinzu kamen landwirtschaftliche Exponate, das Staatsarchiv als Hüterin des Kaisen-Nachlasses steuerte Originaldokumente bei. Mit der Dokumentationsstätte soll laut Müller aber nicht nur das Ehepaar Kaisen gewürdigt werden. „Es geht darum, die Nachkriegsgeschichte zu dokumentieren.“ Nicht zuletzt auch die Bremer Nachkriegsgeschichte, die nach seinem Eindruck in den Schulen zu kurz kommt.

Ein wenig länger dauerte es, bis auch das Wohnhaus satzungsgemäß für die Öffentlichkeit zugänglich wurde. Erst zehn Jahre nachdem Ilse Kaisen ausgezogen war, konnte das Siedlerhaus im September 2015 als Teil der Dokumentationsstätte eröffnet werden. „Als Authentikum ergänzt es die Scheune in idealer Form“, sagt Müller. Ältere Besucher erkennen in dem Haus viele Alltagsgegenstände von früher wieder. „Allein schon die Weckgläser lösen Erinnerungen aus.“ Aber auch Kinder lernen dazu – so etwas wie ein WC-Spülkasten unter der Decke sei ihnen meist fremd, so Müller.

Zum Repertoire der Stiftung gehört auch die jährliche, diesmal wegen der Corona-Pandemie allerdings ausgefallene Kaisen-Lesung im Rathaus am 22. Mai, seinem Geburtstag. Seit 2016 wird immer im Dezember eine Matinee in der Scheune veranstaltet.

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