Neue Bremensie

„Willehad ist Namensgeber der Stadt“

Osvald Prepeliczay aus Schwachhausen hat sich im Ruhestand intensiv mit der Geschichte der Stadt Bremen bis zum 15. Jahrhundert beschäftigt und ein Buch über interessante Episoden geschrieben.
03.12.2017, 10:09
Lesedauer: 4 Min
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„Willehad ist Namensgeber der Stadt“
Von Detlev Scheil
„Willehad ist Namensgeber der Stadt“

Die Figur zu Füßen des Rolands.

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Herr Prepeliczay, die Stadtführer erzählen zumeist, die kleine Figur zu den Füßen des Rolands sei der Krüppel, dem die Bremer die Bürgerweide zu verdanken hätten. Sie bezweifeln diese Deutung?

Osvald Prepeliczay: Ja. Ich habe etwa zehn Jahre in alten, vergilbten Archivbeständen geforscht. Das Ergebnis war, dass fast jeder etwas anderes in der Figur zu Rolands Füßen gesehen hat. Der Krüppel kam erst nach der Veröffentlichung von „Bremens Volkssagen“ so richtig ins Spiel. Der Autor Friedrich Wagenfeld, der von 1810 bis 1846 lebte, brachte in seinem Werk die Gräfin Emma und den Krüppel zusammen und hat einen davon gemacht, wie man so schön sagt.

Was ist wirklich zu Füßen Rolands zu sehen?

Ganz genau weiß man es nicht, aber die stimmigste Überlegung geht von einem unterlegenen Friesenhäuptling aus. Die Friesen hatten Kaufmannsschiffe überfallen und einen Aufstand vor den Toren Bremens angezettelt. Sie warteten dann auf Verbündete, die aber nicht kamen. In den frühen Morgenstunden wagten sie noch einmal einen Angriff, der aber missglückte. Soldaten haben die beiden Friesenhäuptlinge gefesselt nach Bremen gebracht. Dort sind sie unter reger Anteilnahme der Bevölkerung von einem Vogt schuldig gesprochen und dann geköpft worden. Die Darstellung eines Friesenhäuptlings, dem der Roland auf den Ärmeln steht, versinnbildlicht, dass dieser Feind Bremens nie wieder gegen die Stadt aufstehen können soll.

In Ihrem Buch schildern Sie auch, wie Sie sich intensiv mit der Blickrichtung von Roland beschäftigt haben. Meistens heißt es ja, der Roland schaue auf den Dom, um dem Erzbischof die Stirn zu bieten.

Das ist dummes Zeug, denn er schaut gar nicht zum Dom hin, sondern in Richtung Kunsthalle. Ich habe einen Kompass angelegt und zeige in meinem Buch mit einer roten Linie, dass sein Blick eindeutig zur Kunsthalle geht. Wenn man die Linie weiterverfolgt, endet sie nach Auffassung einiger Forscher in Jerusalem. Sie meinen, dass diese Blickrichtung eine bestimmte Botschaft aussenden sollte. Ich kann das nicht abschließend beurteilen, eine schlüssige Begründung konnte ich für diese Ansicht bisher nicht finden.

Ihrem Buch ist ein neuer Erklärungsversuch zu entnehmen, woher der Stadtname Bremen stammt. Wie kamen Sie darauf?

Der Historiker Herbert Schwarzwälder, den ich sehr schätze, hat ja die Erklärung angeführt, dass der Wortstamm „brim“ ein altes Wort für „Rand“ ist. Also ein Ort, der an den Rändern – der Düne oder des Ufers – lag. Letztlich hat Schwarzwälder das nach meinem Eindruck aber ironisch abgewertet. Für mich war das ein Schlüsselerlebnis, als ich auf Willehad stieß, den ersten Bischof Bremens. Er kam ursprünglich aus einer Gegend am südlichen Rand von Schottland. Dort musste Willehad als junger Student und Mönch immer durch ein bestimmtes Tor eines Festungsturms gehen. Dieser Wachturm hieß Bremenium, das hat mir auch die Universität in Cambridge auf Anfrage bestätigt. Wir wissen, dass Karl der Große Willehad das Recht überlassen hat, dem Ort, den er missionierte, einen Namen zu geben. Da hat er sich an seine Heimat erinnert und ihn Bremen genannt. Das kommt mir stimmig vor. Auch Hans Kloft, der Vize-Präsident der Wittheit zu Bremen, findet diese Entdeckung interessant, wie er mir sagte.

Sie schreiben, dass Ihnen bei den Recherchen Abenteuerliches begegnet ist. Was meinen Sie damit?

Zum Beispiel die Darstellung der Emma, die immer mit Lesum in Verbindung gebracht wird. Doch es gibt keinen einzigen Nachweis dafür. Auch der viel zitierte Ritt mit ihrem Neffen ist geschichtlich nicht belegt. Nachweisbar ist nur, dass der Neffe – nicht ihr Schwager – eine hochwertige Ausbildung als Soldat genossen hat. Er sollte bei Gefahr seine Leute zusammentrommeln und gegen Gegner wie die Wikinger kämpfen. Außerdem gehen so manche Historiker unsauber mit Daten um. Nennt die Quelle die Amtszeit zum Beispiel eines Bischofs, übernimmt der nächste Historiker das als seine Lebensspanne, ohne zu bemerken, dass dann der Bischof schon in seinem Geburtsjahr berufen worden sein müsste. Solche falschen Übernahmen gibt es viele. Sogar der namhafte Christian Nicolaus Roller, Verfasser einer Geschichte der Stadt, hat falsch abgeschrieben. Es gab im Laufe der Zeit aber auch gezielte Fälschungen.

Welcherart Fälschungen waren das?

Es ist erwiesen, dass Johannes Hemeling, der ab 1390 Dombaumeister und ab 1405 Bürgermeister war, einige wichtige Urkunden gefälscht hat. Das war in dieser Zeit offenbar gang und gäbe. Hemeling beauftragte eine Fälscherwerkstatt in Hemelingen, die für gute Arbeit hinsichtlich der Schrifttype, der Schriftgröße und so weiter bekannt war. Er hat die bremische Geschichte so umgemodelt und verfälscht, wie es ihm passte. Hemeling war es sicherlich auch, der nachträglich das Schild „vryheit do ik ju openbar…“ am Roland hat anbringen lassen.

Warum kam das Schild nachträglich?

Ich habe auch mit Bildhauern gesprochen, die so ein Schild, das wie aufgesetzt wirkt, für sehr ungewöhnlich halten, für nicht „einkomponiert“. Die Roland-Statue wurde 1404 aufgestellt, Hemeling hat das Schild aber erst 1420 anbringen lassen, um Bremen als Reichsstadt, was es zu der Zeit gar nicht war, publik zu machen.

Warum war Hemeling das so wichtig?

Es war eine Prestigesache. Bremen sollte aufgewertet werden. Am bedeutendsten war damals Köln. Einige Bremer Ratsherren konnten es nicht aushalten, nicht mithalten zu können.

Im Buch erklären Sie auch, warum sich das Stadtsiegel plötzlich veränderte.

Ja, zu sehen war auf diesem ersten Bremer Stadtsiegel links der Bischof und rechts der Kaiser. Später, ab 1366, waren sie vertauscht. Erzbischof Albert II., der einen verschwenderischen Lebensstil pflegte, hatte sich das Rathaussiegel unter den Nagel gerissen. Er wollte es nur hergeben gegen 20 000 Silbermark, doch das Geld hatte Bremen nicht. Heute wären das etwa zwei Millionen Euro. Die Ratsherren setzten Albert II. schließlich so unter Druck, dass er das Siegel herausgab. Um den zwischenzeitlichen Machenschaften des Erzbischofs entgegenzuwirken, wurde das Siegel dann zerbrochen, für ungültig erklärt und ein neues gemacht. Albert II. war es auch, der den ursprünglichen hölzernen Roland verbrennen ließ.

Sie berichten auch über andere dramatische Ereignisse?

Ich gehe zum Beispiel auch ausführlich auf die Pest ein, die 1347 in Bremen wütete, und nenne viele Details, die nicht im Internet zu finden sind. Überhaupt gehen die Darstellungen im Buch weit über das hinaus, was man im Internet finden kann. Das gilt auch für die Abbildungen. Und alle Fakten entsprechen dem letzten Stand der Bremen-Forschung.

Das Gespräch führte Detlev Scheil.

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