Sommerfest im Hospiz: Mitarbeiterinnen zeigen Besuchern das Haus und erzählen vom Alltag der Bewohner

Willkommen im Lilge-Simon-Stift

Schönebeck. Ein kleines Buch mit Einband liegt im Eingangsbereich des Hospiz Lilge-Simon-Stift aus. Fotos sind darin zu sehen.
08.08.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Doris Friedrichs

Schönebeck. Ein kleines Buch mit Einband liegt im Eingangsbereich des Hospiz Lilge-Simon-Stift aus. Fotos sind darin zu sehen. Namen von ehemaligen Bewohnern stehen darin, ihre Lebenszeit. Auch letzte Grüße sind zu lesen. Wer möchte, kann an diesem Tag in dem Buch blättern, kann sich durch das Haus führen lassen und im weitläufigen Garten unter alten Bäumen Musik und Kulinarisches genießen. Anlass ist das Sommerfest der Einrichtung. Zahlreiche Besucher nehmen die Gelegenheit wahr, Team und Haus kennen zu lernen.

Gisela Gilster ist Besucherin. Ihre Mutter sei Gast im Hospiz Brücke in Walle gewesen, und nun habe sie sich das Haus in Schönebeck mal anschauen wollen. „Eine verstorbene Freundin wollte, dass für das Hospiz hier gespendet wird. Auch deshalb wollte ich es mir ansehen.“ Ihr Eindruck vom Hospiz sei sehr positiv, erzählt die Lesumerin. „Die Helligkeit, die angenehmen Farben, die offene Küche und die Weite des Geländes gefallen mir gut. Und man wird hier sehr freundlich empfangen.“

Der freundliche Empfang beginnt schon im Garten der Einrichtung bei Kaffee, Kuchen und weiteren kulinarischen Angeboten. Bänke und Tische bieten Gelegenheit zum Verweilen. Es gibt auch Stehtische unter Sonnenschirmen. Sonnenblumen als Dekoration vermitteln Heiterkeit. Dazu trägt auch die Musik bei, unter anderem gibt es afrikanische Klänge der Bremerhavener Gruppe „Yankadiba“. Deren Trommeln sind schon von Weitem zu hören. Fröhliche Klänge, um Leute herzulocken, sagt Einrichtungsleiterin Alena Schütte. „Viele Menschen trauen sich nicht, hierher zu kommen. Wir wollen mit unserem Sommerfest den Rahmen schaffen, sich in angenehmer Atmosphäre mit dem Thema Sterben auseinanderzusetzen.“

Gebaut wurde die Einrichtung auf dem Gelände der ehemaligen Villa Hügel und im Januar vor zweieinhalb Jahren eröffnet. Eine großzügige Spende der Erblasserin Ruth Simon-Lilge machte es möglich. Von Beginn an ist das Hospiz in der Verwaltung der Johanniterhaus Bremen gGmbH. Acht geräumige Einzelzimmer mit eigenem Sanitärbereich stehen den Gästen zur Verfügung, außerdem zwei Zimmer den Angehörigen.

Die Führung beginnt im sogenannten Raum der Stille gleich gegenüber des Eingangs. „Der Raum ist deshalb im Eingangsbereich, damit er auch genutzt wird“, begründet Alena Schütte den Standort. „Wenn die Tür zu ist, weiß man, dass dort Menschen für sich sein wollen.“

Die zweite Tür im Raum, ausgestattet mit kunstvoll gestaltetem Glasbogen über dem Rahmen, ist aus der alten Villa Hügel. Auf einer Säule direkt vor einer großen Fensterfront steht eine Skulptur, „Die Sinnende“, die aus dem Gerhard-Marcks-Haus stammt. „Sie passt hier gut her, weil man mit dem Blick in den Garten seine Gedanken schweifen lassen kann“, meint Alena Schütte, die Krankenschwester gelernt und zusätzlich eine Palliativ-Care-Ausbildung absolviert hat. „Der Raum wird auch für Gespräche genutzt.“

Der Raum der Stille ist in angenehmen Grün- und Pink-Tönen gehalten – so wie viele Wände und Möbel in den Gemeinschaftsräumen des Hauses, das sich hell und lichtdurchflutet präsentiert. „Viele Gäste, die zu uns kommen, haben ganz andere Vorstellungen davon, wie es hier aussieht“, weiß Alena Schütte von Gesprächen, die sie mit den Betroffenen und ihren Angehörigen vor der Aufnahme im Hospiz geführt hat. „Wir wollen den Gästen ihre letzte Lebenszeit so angenehmen wie möglich machen. Viele, die zu uns kommen, sagen, dass sie jetzt endlich aufatmen können.“

Die Weitläufigkeit, Helligkeit und angenehme Atmosphäre spiegeln sich auch im großzügigen Wohnzimmer des Hauses ­wider, wo die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen werden können. Auch das Wohnzimmer bietet eine Sicht auf den Garten – und auf die offene Küche, die den Gästen jederzeit Gelegenheit gibt, mit der Köchin ins Gespräch zu kommen. Zudem können die Gäste im Bett ins Wohnzimmer gefahren werden und auf Wunsch weiter auf die Terrasse.

Die Gästezimmer sind erst einmal mit dem Notwendigsten eingerichtet: Bett, Kleiderschrank, ein paar Regale, zwei Sessel, ein Tisch und ein Fernsehgerät, das auf einer drehbaren Platte steht, sodass das Fernsehprogramm sowohl von der Sitzecke als auch vom Bett aus verfolgt werden kann. Auch hier lassen die Fenster viel Licht in den Raum. Ein Fenster befindet sich sogar in der Decke, sodass die Gäste vom Bett aus in den Himmel schauen können.

„Spartanisch eingerichtet sind die Räume deshalb, damit sich die Gäste so viel Individualität, wie sie wollen, in ihrem Zimmer schaffen können“, erzählt Alena Schütte. Auf der Terrasse des Zimmers, in das Alena Schütte die Besucher führt, ist noch ein ­rotes Vogelhaus am Geländer befestigt. „Jemand hat mal sein kurz zuvor gekauftes Sofa mitgebracht. Und auch eine Katze hatten wir schon mal hier.“

Betreut würde jeder Gast ganz individuell. Das koste viel Zeit und könne nicht ausschließlich mit einem festen Pflegeteam geleistet werden, sondern bedürfe vieler ehrenamtlicher Helfer. So kümmern sich 15 hauptamtliche Pflegekräfte und 20 Freiwillige um die Menschen in der Schönebecker Einrichtung. „Hospizarbeit wird sehr vom Ehrenamt getragen und ist daraus gewachsen“, erklärt Alena Schütte, die seit zehn Jahren in dem Bereich arbeitet.

Für die palliative Betreuung der Gäste sind die Ärzte der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) aus dem Klinikum Links der Weser und dem Diako zuständig. „Sie kommen regelmäßig ins Haus und sind auch über eine 24-Stunden-Rufbereitschaft erreichbar“, sagt die 31-Jährige. Und wie verkraften sie und ihr Team die seelische Belastung? „Wir haben regelmäßig Supervision für alle Mitarbeiter. Und wir stützen uns gegenseitig. Man trägt das nicht alleine.“

Derzeit ist das Haus ausgelastet. Die Nachfrage nach Zimmern sei groß, so die Einrichtungsleiterin. In ganz Bremen stehen für ­Erwachsene nur 16 Hospiz-Plätze zur Verfügung, neben dem Lilge-Simon-Stift eben noch im Hospiz Brücke. Die Finanzierung des Hauses übernehmen zu 95 Prozent die Krankenkassen. Fünf Prozent der Kosten, immerhin rund 80 000 Euro im Jahr, müssen über Spenden eingeworben werden.

Zurück geht die Führung in den Eingangsbereich und zum Buch mit den Namen der Verstorbenen. Eine Kerze steht daneben. „Die zünden wir an, wenn jemand gestorben ist, und sie brennt so lange, bis der Verstorbene das Haus verlassen hat“, erzählt Alena Schütte. „Viele sagen, dass es schön hier ist, obwohl sie in dem Moment auch stutzen, ob man das überhaupt sagen kann. Ich finde, man kann.“

„Wir stützen uns gegenseitig.“ Alena Schütte, Leiterin
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