Uni-Theatergruppe Incognito zeigt ab Freitag die Kriegsgroteske „Eine Stille für Frau Schirakesch“

Willkommen zur Steinigung

Horn-Lehe. In 77 Minuten wird auf dem Marktplatz von Tschundakar die Steinigung von Frau Schirakesch beginnen. Zu diesem Thema hat die Moderatorin Hilda Ludowsky zu ihrer Talkshow eingeladen, und zwar Gäste, die, bis auf eine Ausnahme, alle in dem Land waren, in dem Tschundakar liegt.
04.02.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von KRISTINA BELLACH
Willkommen zur Steinigung

Joel Bose als General, Mia Haack als Heidrun Loubna und Khadidaih als Ruth.

Petra Stubbe

In 77 Minuten wird auf dem Marktplatz von Tschundakar die Steinigung von Frau Schirakesch beginnen. Zu diesem Thema hat die Moderatorin Hilda Ludowsky zu ihrer Talkshow eingeladen, und zwar Gäste, die, bis auf eine Ausnahme, alle in dem Land waren, in dem Tschundakar liegt. Welches Land in dem neusten Stück der Uni-Theatergruppe Incognito gemeint ist, ist unschwer zu erraten: Afghanistan. Und auch das geheuchelt betroffene Blabla der Talkshow-Kandidaten kommt einem ungemein bekannt vor. Überhaupt nimmt Theresia Walsers Satire „Eine Stille für Frau Schirakesch“ kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, den Polit-Talk, der über den Bildschirm flimmert, als das zu enttarnen, was er ist: hohles Gerede, das primär auf Selbstdarstellung abzielt.

Während die Gäste auf besagte Stille für Frau Schirakesch warten, mit der die Talkshow beginnen soll, entbrennt ein Wettstreit der narzisstischen Selbstdarstellungskünstler – allen voran General Gert, dem aber auch Heidrun und Ruth als Kandidatinnen eines Schönheitswettbewerbs in nichts nachstehen. „Hat es schon angefangen?“, fragt eine blonde Schönheit. Damit meint sie aber mitnichten die Steinigung. Nein, es geht um ihre eigenen körperlichen Ausdünstungen. Anscheinend beginnt sie in Extremsituationen wie dieser zu schwitzen. Während sie sich Luft zufächernd mit ihrem „starren Schwitzgesicht“ beschäftigt ist und nebenbei ihre Konkurrentin anzickt, sucht General Gert das Podest. Eine große Rede möchte er schwingen, von seinen ruhmreichen Taten und seiner humanitären Situation, mit der er die Einwohner von Tschundakar vermeintlich beglückt hat. „Der ist einfach unheimlich selbstverliebt“, sagt Joel Bose über seine Rolle. Doch all sein Stolz auf Tradition und Militär hielten ihn in einer früheren Zeit gefangen, meint der Student aus Horn-Lehe.

Mit einem pathetischen „Noch 77 Minuten und dann ist Stille!“, versucht Hilda Ludowsky den Fokus wieder auf das eigentliche Ereignis zu setzen. Doch prompt wird ihr das Ruder entrissen, von denen, die meinen, in Tschundakar schreckliche Dinge erlebt zu haben. „Sie haben uns die Bikiniparade verboten!“, ruft eine der Schönheiten durch ihre Erinnerung ungemein empört. Die einzige, die nichts sagt, ist die Soldatin Rose, die nach einem Auslandseinsatz in Tschundakar schwer traumatisiert, von ihrem Vater zur Show begleitet wird. „Was Rose erlebt hat, dafür reicht das Wort erleben gar nicht“, ruft einmal ihr Vater. Und keiner hört zu. Stattdessen geben die Kandidaten skurrile Äußerungen von sich wie diese: „Seit ich in Tschundakar war, bin ich nicht mehr mehr die, die ich mal war – das ist das Schöne an allem Entsetzlichen.“

Auf ihre Quote bedacht und auf die Stille wartend, mit der die Show beginnt und Frau Schirakesch gesteinigt wird, versucht die Moderatorin, die Kandidaten aus ihrem kleinen Orbit heraus und näher an das Thema zu bekommen: „Wie würden Sie das finden, wenn auf dem Marktplatz von Bremen eine Frau, bis an die Hüften eingebuddelt ...“ – und erhält keine Antwort.

Obwohl das Stück aus dem Jahre 2004 ist, sei es heute aktueller denn je. „Es hat ganz viel mit der Gegenwart zu tun und passt sehr gut in unsere Zeit“, erklärt Regisseur Franz Josef Eggstein aus der Neustadt, den bei dieser Inszenierung Kollege Roland Klahr und Laure Achouline-Cousin unterstützen. Eggstein und Klahr, die schon oft gemeinsam gearbeitet haben, sind seit zehn Jahren Lehrbeauftragte für Praktische Theaterarbeit im Institut für Presseforschung, Medien und Kommunikation (IPKM) Schon seit ihrem Studium der Sozialpädagogik von 1978 bis 1985, das sie mit Diplom abschlossen, gehört das Duo, was Theater angeht, zusammen. Nach dem Studium wirkten sie für zwei Jahre bei der Bremer Shakespeare-Company mit – Eggstein arbeitete dabei an verschiedenen Inszenierungen mit. Parallel waren sie als Regisseure in der Theaterarbeit mit Studierenden an der Uni tätig. 2006 wagten sich der heute 60-jährige Eggstein mit Klahr an ein neues Projekt. So entstand im Fachbereich Kulturwissenschaften zunächst die praktische Theaterarbeit. Daraus entwickelte sich über die Jahre die Theatergruppe Incognito, die 2011 gegründet wurde. Mittlerweile ist sie als Verein organisiert. Und sie ist für die General Studies freigeschaltet, sodass jeder Studierende Credit Points erwerben kann. Seit 1985 hat die Gruppe 21 Stücke aufgeführt.

„Einerseits ist das Stück total absurd“, findet Franziska Sheik aus Mitte in der Rolle von Hilda Ludowsky zu sehen. „Es hat auch viel Substanz, ist aber unangenehm lustig dabei, und zwar so, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.“

Die Premiere der Inszenierung von Theresia Walsers Stück „Eine Stille für Frau Schirakesch“ ist am Freitag, 5. Februar, um 20 Uhr im Theatersaal der Universität am Mensasee, Bibliothekstraße 1. Danach ist das Stück am 6., 7., 9., 12., 13. und 14. Februar jeweils um 20 Uhr zu sehen. Der Eintritt kostet acht, ermäßigt sechs Euro. Karten gibt es an der Abendkasse, per E-Mail an f.eggstein1@web.de und unter Telefon 53 05 89.

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