Vor 50 Jahren präsentierte Henrich Focke seine Forschungseinrichtung Windstille im Fluglabor

Bremen. Heinrich Focke hat vor 50 Jahren, am 28. November 1963, seinen Windkanal erstmals einem Fachpublikum vorgestellt.
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Windstille im Fluglabor
Von Ralf Michel

Zum Focke-Windkanal könnte Kai Steffen viel erzählen. Über die Wiederentdeckung des privaten Fluglabors des Luftfahrtpioniers Henrich Focke, die mühsame Restaurierung und Umwandlung in ein Museum. Oder auch über den Streit des Fördervereins mit den Erben Fockes. Doch heute möchte Steffen nur eines: Daran erinnern, dass Focke auf den Tag genau vor 50 Jahren, am 28. November 1963, seinen Windkanal erstmals einem Fachpublikum vorgestellt hat.

Mit dem Konkurs der Borgward-Werke endete 1961 die Geschichte der von Henrich Focke in Bremen entwickelten Luftfahrzeuge. 71 Jahre alt war er da. Ein Flugpionier im Ruhestand, der aber von den ungelösten Problemen der Aerodynamik einfach nicht lassen konnte. In einer ehemaligen Tischlerei im Hinterhof der Emil-Waldmann-Straße richtete sich Focke einen Windkanal ein. Freunde und Kollegen durften schon vorher mal reinschnuppern, aber dem Fachpublikum – aerodynamische und flugtechnische Prominenz aus ganz Deutschland – präsentierte Focke sein privates Forschungslabor genau heute vor 50 Jahren, am 28. November 1963.

Dass der Windkanal auch jetzt noch, oder besser: wieder funktioniert, ist in erster Linie Kai Steffen zu verdanken, dem Vorsitzenden des Fördervereins Focke Windkanal. In den Memoiren Fockes stieß er 1997 auf das Forschungslabor. Seine Neugier war geweckt, und über Kontakte zur Familie des 1979 verstorbenen Flugpioniers wurde er schließlich unweit vom Hauptbahnhof fündig, wo der Windkanal zwei Jahrzehnte im Dornröschenschlaf dämmerte.

Der Zustand des Versuchslabors war allerdings alles andere als märchenhaft. Mehrere Oberlichter des flachen Hinterhofgebäudes waren kaputt, jahrelang hatte es hereingeregnet, erzählt Jan Fiete Bressem vom Förderverein. Wasserschäden, wohin man blickte, dazu jede Menge Schimmel und Moos. Eines der defekten Fenster befand sich über dem Raum, den Focke als Archiv nutzte. All seine Unterlagen, Messprotokolle und vieles mehr – ein einziger Klumpen Pappmaschee. „Ehrlich gesagt, wir haben Probleme, nachzuvollziehen, was genau er alles hier gemacht hat.“

Auf jeden Fall hat Focke weiter geforscht. Mag der Windkanal auch aus einfachsten Mitteln mit Sperrholz, Leisten Pappe und Blumendraht entstanden sein – er hat funktioniert und wissenschaftliche Arbeit ermöglicht, betont Bressem. Noch heute nutzen gelegentlich Studenten die gleichmäßige Strömung in der Messstrecke zu Forschungen über den Auf- und Abtrieb an Tragflächen von Flugzeugen.

„Schöne Idee, aber nicht zu retten“

Bis dahin war es allerdings ein langer Weg. Jahrelang versuchte Steffen vergeblich, Geld zur Instandsetzung des Versuchslabors aufzutreiben. „Schöne Idee, aber nicht zu retten“, habe er immer wieder gehört. Von seiner Überzeugung, den Windkanal zu erhalten, konnte ihn dies aber nicht abbringen. „Henrich Focke ist der Begründer der Bremer Luftfahrtindustrie. Und hier haben wir sein komplettes privates Forschungslabor.So etwas kann man doch nicht einfach aufgeben.“

Mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit hatte Steffen letztlich Erfolg. Er fand Sponsoren und Förderer; der Denkmalschutz stieg ein. Die notwendigen Gelder flossen, um das Labor nicht nur originalgetreu zu restaurieren, sondern es zu einem kleinen Museum auszubauen. 2005 erhielt der Förderverein dafür den Deutschen Preis für Denkmalschutz. Bremens oberster Denkmalschützer, Landeskonservator Georg Skalecki, nennt den Windkanal ein „hochinteressantes und einzigartiges Zeugnis“, gleichermaßen für die Persönlichkeit Henrich Fockes wie für die Wurzeln der Flugindustrie Bremens und Deutschlands.

Doch auch diese positive Einschätzung ändert nichts daran, dass es zwischen dem Förderverein und Fockes Tochter Sigrid Hopf über die Zukunft der Anlage zum Zerwürfnis kam. Vor zwei Jahren sei der Streit regelrecht eskaliert, berichtet Skalecki, der sich hütet, Partei zu ergreifen. „Wir sehen beide Seiten – die Interessen der Eigentümer und das unglaubliche Engagement des Vereins.“ Viel passiert sei seither nicht, aber zumindest kehrte wieder Ruhe ein, umschreibt Skalecki den Status quo.

Dem umtriebigen Förderverein hilft das wenig. Die ungewisse Zukunft des Museums blockiere alle Ideen zur Nutzung des Windkanals, sagt Steffen. 50 Jahre nach der offiziellen Präsentation ist es wieder windstill geworden im privaten Versuchslabor von Henrich Focke.

Der Windkanal in der Emil-Waldmann-Straße4 kann jeden ersten Sonntag im Monat besichtigt werden. Zwischen 12 und 17 Uhr beginnen zu jeder vollen Stunde kostenlose Führungen.

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