Bremer erzählt vom Wingsurfen „Alles um einen herum ist ruhig und man schwebt“

Durch ein Internet-Video wurde der Bremer Ralf Glende auf das Wingsurfen aufmerksam. Im Interview erklärt er den Wassersport-Trend und wie man lernt, mit Flügel und Foilboard übers Wasser zu fliegen.
24.01.2021, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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„Alles um einen herum ist ruhig und man schwebt“
Von Nina Willborn

Wenn Sie Leuten vom Wingsurfen erzählen, glauben die dann, dass Sie sich versprochen haben und eigentlich Windsurfen meinen?

Ralf Glende: Oh, das kommt durchaus vor. Wingsurfen, oder auch Wingfoilen, ist ja noch nicht so populär. Das ist erst vor rund zwei Jahren als Trend im Wassersport aufgekommen. Wobei, ganz neu ist es nicht, das gab es auch schon mal in den 80er Jahren. Damals hat es sich aber nicht durchgesetzt. Auch, weil das Material anders war und es noch keine Hydrofoils gab. Die machen es uns jetzt leicht, mit ihnen können wir auch mit wenig Wind fahren.

Was ein Hydrofoil ist, müssten Sie bitte mal kurz erklären.

Es ist ein Brett, an das im hinteren Bereich eine Art Schwert montiert ist und daran wiederum sind Tragflächen. Eigentlich funktioniert es wie bei einem Flugzeug, nur was da die Aerodynamik ist, ist beim Foilen die Hydrodynamik. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit, also wenn man genug Auftrieb hat, heben die Tragflächen das Brett aus dem Wasser.

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Aha. Und seit wann sind Sie Wingsurfer?

Ich habe im August 2019 damit angefangen. Im Mai war ich zum Wellenreiten auf Gran Canaria, und da hat mir ein alter Skateboard-Kumpel ein Video geschickt, in dem die Firma Naish ihr neues Wing-Material vorgestellt hat. Erst dachte ich ‚naja, geht so‘, aber dann konnte man im zweiten Teil des Videos das Foil sehen und wie man damit über das Wasser gleitet. Das wollte ich dann unbedingt ausprobieren, habe mir noch im Urlaub einen Wing, also den Flügel, bestellt. Dann gab es aber Lieferengpässe und ich musste noch zwei Monate warten, bis ich loslegen konnte.

Losgelegt haben Sie wie?

Ich habe mit dem Wing erst mal an Land experimentiert. Ich musste ja lernen, wie sich das Ding im Wind verhält, wie ich es am besten händele. Als zweiten Schritt habe ich ein normales SUP-Brett genommen, eins mit großem Volumen, und bin mit dem Wing aufs Wasser gegangen. Da habe ich erst mal das Hin- und Herfahren geübt und Höhe zu halten. Also dass man ungefähr da wieder ankommt, wo man losgefahren ist. Als ich halsen und wenden konnte, bin ich auf das Foilboard umsteigen.

Und es hat direkt funktioniert?

Das war learning by doing. Ich hatte natürlich erst mal Schwierigkeiten. Aber mit dem Foil aus dem Wasser zu kommen, geht eigentlich schnell. Bei mir war‘s beim dritten Versuch so, dass ich zumindest ein paar Meter gleiten konnte. Damit man grundsätzlich ein Gefühl für das Foil bekommt, kann man sich auch von einem Boot ziehen lassen. So machen es die Surfschulen. Die Kunst ist später, die Wenden und Halsen durchzufahren. Aber wenn man zum ersten Mal merkt, wie das Foil seine Auftriebskraft entfaltet, wie man schneller und schneller wird und sich aus dem Wasser hebt, ist das schon ein sensationelles Gefühl.

Beschreiben Sie mal bitte, wie es anfühlt, so übers Wasser zu gleiten.

Toll! Absolut faszinierend am Foilen ist, dass man aus dem Wasser kommt und gar nichts mehr hört. Es kommt einem vor, als sei man in einem Fesselballon. Alles um einen herum ist ruhig und man schwebt. Beim Windsurfen oder beim Kiten hört man, wie das Board aufs Wasser schlägt, wie es hämmert. Was auch super am Wingsurfen ist, ist, dass man frei auf dem Brett steht. Beim Windsurfen hat man den Mast, der fest am Board ist, beim Kiten hängt man an den Leinen und steuert damit. Beim Wingsurfen steuere ich das Board mit den Füßen, habe das Segel frei in der Hand. Wenn ich dann richtig Speed habe, kann ich den Wing auch hinter mir herschweben lassen und kleine Wellen ausnutzen.

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Wie sieht es mit der Verletzungsgefahr aus? Kiten ist ja nicht ganz ungefährlich ...

Ich habe mich beim Surfen und Wellenreiten generell noch nie schlimm verletzt. Wenn, dann mal beim Aus- und Einsteigen im Atlantik in der Brandung. Generell sollten Anfänger mit Schutzhelm und Prallweste aufs Wasser gehen. Und man sollte das Board mit einer Leash, einer Sicherheitsleine, am Bein befestigen, damit man es nicht verliert, wenn man ins Wasser fällt. Beim Wing ist es auch so, ihn hat man auch mit einer Leash am Arm.

Was meinen Sie, kann jeder Wingsurfen lernen, oder sollte man vorher kiten oder surfen können?

Ich denke, dass wer auf einem SUP stehen kann, auch Wingsurfen lernen kann. Schwimmen sollte man natürlich können. Aber wer das nicht kann, macht ja normalerweise keinen Wassersport.

Brauchen Wingsurfer mehr oder weniger Wind im Vergleich zu den anderen?

Je besser man technisch wird, desto weniger Wind ist nötig, weil man sich auch mit dem Wing aus dem Wasser pumpen kann. Man kann schon bei acht bis zehn Knoten mit dem Ding losfahren. Das wäre für Windsurfer zu wenig, wenn sie nicht foilen. Und Kiter bräuchten dann einen sehr großen Schirm.

Aber anders als beim Kiten oder Wingsurfen wird man mit dem Wing nicht so schnell, richtig?

Genau. Wingsurfen ist eher fürs gemütliche Cruisen gedacht. Ich schätze mal, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit zwischen 20 und 25 Stundenkilometern liegt. Mit einem kleineren Foil und viel Wind sind auch 40 Stundenkilometer und mehr drin. Aber man wird nicht so schnell wie ein Kiter oder Windsurfer, weil die Foils irgendwann ein Geschwindigkeitslimit erreichen.

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Meistens gibt es getrennte Zonen für Kiter und Windsurfer. Wo sortieren Sie sich ein?

Am liebsten halte ich mich weiter draußen auf. Man ist als Wingsurfer ja weder noch. Abschließend geklärt ist diese Frage nicht, weil die Sportart noch zu neu ist. Bei mir ist es so, dass die meisten Freunde von mir Windsurfer sind, also gehe ich zusammen mit ihnen aufs Wasser.

Und wie oft schaffen sie es aufs Brett?

Das kommt darauf an, was meine Arbeit zulässt. Aber wenn ich Zeit habe, bin ich sehr oft auf dem Wasser und genieße das. Am Mittwoch zum Beispiel war ich noch auf dem Unisee. Mein Kumpel Bastian, ein Windsurfer, hat vor einigen Monaten auch mit dem Wingsurfen angefangen. Immer, wenn wir Zeit haben, fahren wir an die Nordsee oder zum Zwischenahner Meer. Im Moment ist da aber Winterruhe, es darf erst ab April wieder gefahren werden. Das Gute am Wingsurfen ist auch, dass man es auf kleineren Seen machen kann, wo es nicht so viel Wind gibt. Man kann mit dem Flügel auch Böen besser ausbügeln als beim Kiten oder beim Windsurfen.

Was sind Ihre Lieblingsspots?

Ich bin gerne auf Fuerteventura, an der Costa Calma, am Risco del Paso zum Beispiel. Da hat man meistens schräg-ablandigen Wind und schöne, gleichmäßige Wellen. Und wenn ich Wellenreiten machen will, muss ich nur einmal rüber auf die andere Seite an die Westküste fahren, nach La Pared. Die Nordsee ist ja schön und gut, aber da ist meistens Kabbelwasser und man hat die Tiden. Hier in der Nähe gefällt mir das Zwischenahner Meer am besten. Da hat man die nötige Tiefe, und der See ist auch ein bisschen größer.

Haben Sie eigentlich ein Vorbild beim Wingsurfen?

Also der Hammer ist Balz Müller. Was der da anstellt, so freestylemäßig, damit ist er ganz weit vorne. Wenn der seine Pirouetten dreht oder zwei, drei Meter aus dem Wasser springt. Und dann gibt‘s noch Kai Lenny, den Extremwassersportler. Der beherrscht alles, den Wing, Kiten, Surfen. Und wenn der mit dem Wing in die Welle geht, ist das phänomenal. Aber ich überlasse die verrückten Sprünge lieber den 20-Jährigen. Mit 52 fährt man dann doch eher gemütlich und genießt die Zeit auf dem Wasser. Ich will mir aber auch bald mal Fußschlaufen aufs Brett montieren und meine ersten kleinen Sprünge wagen.

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Meine Schwester und mein Schwager lernen auch gerade Wingsurfen. Sie erzählen, dass wenn sie ihr Material am Strand auspacken, oft Leute ankommen und sich alles angucken wollen. Geht es Ihnen auch so?

Absolut, manchmal muss ich echt sehen, dass ich mich schnell aufs Wasser verdrücke. Hätte ich, als ich im Januar vor einem Jahr auf Fuerteventura war, von jedem einen Euro genommen, der meine Ausrüstung fotografiert hat, wäre ich jetzt reich. Es ist auch immer lustig, wenn man auf dem Wasser ist und sieht, wie die Leute am Strand stehen bleiben, gucken und mit dem Finger auf einen zeigen.

Glauben Sie, dass sich Wingsurfen dauerhaft etabliert?

Ich gehe mal schwer davon aus. Es ist ja auch sehr praktisch. Man hat das kleine Board und den Rucksack für den Wing, eine Luftpumpe und seine Neoprensachen. Das bekommt man in jedem Kleinwagen unter. Jeder, den ich kenne und der das macht, ist davon fasziniert. Beim Bremer Windsurfclub wollen sie sich jetzt auch mit dem Thema beschäftigen. Ich habe übrigens vor Kurzem eine Facebookgruppe namens Bremer Wing-Foiler aufgemacht. Da ist zwar noch nicht so viel los, aber wer will, kann ja mal reingucken. Ich gebe gerne Tipps.

Das Gespräch führte Nina Willborn.

Info

Zur Person

Ralf Glende (52) arbeitet als Kraftfahrzeugelektriker bei Mercedes. In seiner Freizeit ist der Bremer auf dem Wasser unterwegs, selbst im Winter. Vor gut zwei Jahren hat er das Wing-
Surfen für sich entdeckt und sich den Wassersport-Trend selbst beigebracht.

Info

Zur Sache

Wingsurfen

Wingsurfen, auch Wingfoilen genannt, ist die Neuentdeckung beziehungsweise Weiterentwicklung einer Idee aus der Mitte der 80er Jahre. Es ist eine Mischung aus Kiten und Windsurfen, bei der die Surferin oder der Surfer einen symmetrischen Wing (dt. Flügel) festhält und ihn als Segel nutzt. Der Wing (Größe meistens zwischen vier und sechs Quadratmeter) ähnelt vom Aufbau her einem Kite, besitzt zum Beispiel eine aufblasbare Front-Tube. In der Mitte sind Halteschlaufen angebracht. Wingsurfen ist mit Kiteboards, Windsurf-Brettern oder SUPs möglich - Anfänger sollten eher große Varianten wählen. Wings bekommt man ab bei ca. 600 Euro, auch die Kosten für Foil-Systeme beginnen in diesem Bereich.

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