Taxifahren in Bremen

Winke-Tarif zahlt sich nicht aus

Seit einem Jahr können Taxi-Kunden in Bremen einen Wagen an der Straße stoppen und den Winke-Tarif für eine Kurzstrecke verlangen. Das weiß aber kaum jemand. Teurer wird bald das Frauen-Nachttaxi.
12.08.2018, 05:17
Lesedauer: 3 Min
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Winke-Tarif zahlt sich nicht aus
Von Nina Willborn
Winke-Tarif zahlt sich nicht aus

Mit dem Taxi durch die Bremer Nacht: Das geht auf kurzen Strecken per Pauschale und für Frauen zu vergünstigten Konditionen.

Frank Thomas Koch

Winken, fahren, sparen nach Berliner Vorbild: Seit rund einem Jahr kann man auch in Bremen ein Taxi an der Straße heranwinken, einsteigen und sich für pauschal sieben Euro zu seinem Ziel bringen lassen, wenn es nicht weiter als drei Kilometer entfernt ist. Das Angebot soll ein Anreiz für Kunden sein, Taxen auch für kurze Strecken zu nutzen. Fahrer haben die Chance auf eine höhere Auslastung ihrer Wagen – theoretisch. Denn die Praxis sieht eher so aus, dass der Bremer Allgemeinheit die Existenz des neuen Tarifs weitgehend verborgen geblieben ist.

Ein – natürlich nicht repräsentatives – Indiz dafür sind auch die Reaktionen der Kollegen in der Redaktionskonferenz, als das Thema diskutiert wurde. „Aha, so etwas gibt es?“, sagten die einen, „Ach ja, stimmt, da war mal was“, die anderen. Und eine Kollegin berichtete von einem dreifach am Unwissen der Fahrer gescheiterten Versuch, in einer Winternacht per Winke-Tarif vom Eck im Viertel bis nach Peterswerder zu fahren. Von weiteren hat sie nach dieser Erfahrung abgesehen.

Winke-Tarif wird faktisch nicht genutzt

Marco Bark, Taxifahrer und Vorstand der Interessensgemeinschaft Bremer Taxifahrer, formuliert es so: „Das ist nicht ansatzweise ein Erfolg. Der Winke-Tarif wird faktisch nicht genutzt.“ Genaue Zahlen gibt es nicht, weil die spontanen Kurzfahrten von den Taxi-Unternehmen statistisch nicht gesondert erfasst werden. Bark selbst hat es jedenfalls bislang noch nicht erlebt, dass ihn ein Kunde herangewinkt und den Spezial-Tarif verlangt hat. Selbst wenn mal einer käme, hätte der bei vielen Kollegen von Bark womöglich Pech. „75 Prozent der Fahrer kennen den Tarif nicht. Und von den restlichen 25 Prozent sind wiederum 90 Prozent nicht in der Lage, ihn im Taxameter einzustellen. Das ist sehr kompliziert“, sagt Bark.

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Ein Grund dafür, dass kaum Bremer, geschweige denn Touristen das Angebot nutzen, ist, dass von Beginn an so gut wie keine Werbung dafür gemacht wurde. Weder in den allein rund 460 Taxen, die über den Vermittler Taxi-Ruf zusammengeschlossen sind, noch über die üblichen Marketing-Instrumente wie Anzeigen oder Postkarten-Aktionen. Laut Taxi-Ruf-Vorstand Ingo Heuermann ist die Organisation einer gemeinsamen Kampagne mangels einer übergeordneten Gesellschaft, in der alle Taxi-Anbieter zusammengeschlossen sind, schwierig. Hinzu kämen die unterschiedlichen Ansichten. „Einige finden den Tarif gut, andere sind konservativer“, sagt Heuermann. „Aber ja, insgesamt sehe ich auch Versäumnisse sowohl im Bereich der Aufklärung der Fahrer als auch bei der Werbung.“

Tarif lässt Fragen offen

Was Marco Bark ebenfalls an dem neuen Tarif stört, sind zwei weitere Dinge. Zum einen lohnt er sich für Kunden nicht per se – eine Kurzfahrt zum Beispiel vom Markt zum Brill kann günstiger sein, wenn der Kunde den normalen Tarif nutzt. „Erst ab 1,6 Kilometer ist der Tarif günstiger“, sagt der Taxifahrer, „das ist alles nicht richtig durchdacht.“ Zum anderen ist da noch der sehr undeutlich formulierte Gesetzestext. Genau genommen steht in der neuen Fassung der Bremer Taxentarif-Ordnung nämlich gar nicht, dass Fahrer den offiziell Kurzstreckenpauschale genannten Tarif anwenden müssen. Bei der Formulierung hat man sich laut Bark an der Berliner Vorlage orientiert, aber der dort enthaltene Satz „Auf Wunsch des Fahrgastes muss dann der Kurzstreckenpauschaltarif gefahren werden“ fehlt in der Bremer Version. Auch Heuermann sagt: „Das ist etwas unglücklich formuliert. Es lässt Fragen offen.“

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Grundsätzlich findet der Taxi-Ruf-Chef aber, dass man mit dem Winke-Tarif einfach noch etwas Geduld haben sollte. „In Berlin hat es auch drei bis vier Jahre gedauert, bis er sich durchgesetzt hat. Es ist eben ein langer und steiniger Weg. Und er ist doch an sich eine gute Sache, die nicht schaden kann.“ Zusammen mit der Pauschale wurde übrigens damals auch die bargeldlose Zahlungsmöglichkeit verpflichtend in die Taxenordnung geschrieben – auch sie lehnen viele Fahrer ab.

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„Es gibt einen erstaunlichen Hang, lieber Bargeld anzunehmen“, bestätigt Heuermann, auch wenn zumindest alle beim Taxi-Ruf zusammengeschlossenen Wagen entsprechend technisch ausgerüstet seien. Die bargeldlose Zahlung bedeutet für die Fahrer einen leichten Mehraufwand, aber wenn sie sich durchsetzen würde, sänke automatisch die Überfallgefahr. Heuermann: „Die Einstellung muss sich noch ändern. Ich glaube aber, dass das eine allgemeine Frage der Gesellschaft ist. In Schweden zahlt man mit Karte beim Bäcker, die Deutschen lieben ihr Bargeld.“

Erhöhung des Frauen-Nachttarifs

Heftig auch in der Bremer Politik diskutiert wurde vor einem Jahr der freiwillige Frauen-Nachttarif. Er sollte mit der Einführung der Pauschale abgeschafft werden, blieb dann aber doch. Zwischen 18 und sechs Uhr können Frauen, Mädchen und Kinder bis 14 Jahre bis zu 30 Prozent günstiger fahren. Zum 1. September wird nun die Erhöhung des Fahrtpreises um acht Prozent ab dem zweiten Kilometer nachgeholt, die für die anderen Tarife schon seit Oktober gilt. Der Grundpreis inklusive des ersten Kilometers steigt von 4,50 Euro auf fünf Euro. „Damit wird die alte Differenz wiederhergestellt“, sagt Heuermann.

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