Interview zur Wintersonnenwende

„Wir brauchen das Licht“

Dieser Sonntag ist der kürzeste Tag des Jahres: Planetarium-Leiter Andreas Vogel erklärt, weshalb die Wintersonnenwende in vielen Kulturen gefeiert wurde und was sie mit Weihnachten zu tun hat.
21.12.2019, 18:36
Lesedauer: 4 Min
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„Wir brauchen das Licht“
Von Sara Sundermann

Herr Vogel, heute ist der kürzeste Tag des Jahres. Weshalb ist der Tag so kurz?

Andreas Vogel: Das liegt daran, dass die Achse, um die sich die Erde dreht, geneigt ist. Während die Erde die Sonne umrundet, zeigen der Nordpol und die Nordhalbkugel, auf der wir leben, mal zur Sonne hin – dann ist Sommer – und mal von ihr weg, dann ist Winter. Im Sommer macht die Sonne einen großen Bogen und steigt hoch auf. Dann haben wir 16 Stunden Tag. Im Winter gilt das Gegenteil: Die Sonne geht spät auf und früh unter und schafft es bei uns gerade einmal 14 Grad über den Horizont. Dann haben wir nur sieben Stunden Tag – so wie jetzt.

Im Planetarium machen Sie Veranstaltungen zur Wintersonnenwende, da kann man sich das Phänomen bei einem Glas Sekt erklären lassen. Die Termine waren schnell ausgebucht ...

Ja, das geht immer sehr schnell. In Bremen gibt es ein großes Interesse an Astronomie, vielleicht weil hier auch die Luft- und Raumfahrt eine wichtige Branche ist.

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Was ändert sich in den kommenden Tagen und Wochen – wird es jetzt früher hell?

Das Kuriose ist: Der kürzeste Tag hat weder den spätesten Sonnenaufgang noch den frühsten Untergang des Jahres. Es bleibt schon seit einer Woche abends wieder etwas länger hell. Den Tag des frühsten Sonnenuntergangs haben wir schon hinter uns, das war der 11. Dezember. Und der späteste Sonnenaufgang kommt noch, und zwar am 31. Dezember: Da geht die Sonne erst um 8.37 Uhr auf. Aber ab heute wird jeder Tag etwas länger, die Mitte des Winters ist erreicht.

Wir haben heute beheizte Wohnungen und elektrisches Licht, wir sind nicht mehr so stark auf Sonnenlicht angewiesen. Für unsere Vorfahren war das ganz anders. Welche Bedeutung hatte die Wintersonnenwende früher?

Die Sonnenwende hatte eine Riesenbedeutung, spätestens dann, als die Menschen sesshaft geworden sind. Solange wir noch als Jäger und Sammler den Tierherden hinterhergezogen sind, war es nicht ganz so wichtig zu wissen, wie lang der Winter ist. Aber vor ungefähr 15.000 Jahren wurden Menschen sesshaft und erfanden Ackerbau und Viehzucht. Man kann davon ausgehen, dass die Menschen schon zu dieser Zeit sehr genau den Himmel beobachtet haben.

Ab wann wurde denn die Sonnenwende bewusst wahrgenommen?

Wir haben Beweise, dass Menschen die Sonnenwende schon vor 7000 Jahren tagesgenau bestimmen konnten. Es gibt zum Beispiel in der Nähe der Stadt Goseck in Sachsen-Anhalt eine Art frühes Sonnen-Observatorium aus kreisförmig aufgestellten Holz-Palisaden. Stellt man sich ins Zentrum der Anlage, dann sieht man in dem Holzzaun Lücken – und diese befinden sich genau an den Punkten der Sonnenwende.

Weshalb wollte man den Zeitpunkt der Sonnenwende bestimmen?

Es muss für die Menschen damals sehr beängstigend gewesen sein: Die Tage werden immer kürzer, die Sonne schafft es kaum über den Horizont – wer garantiert einem, dass die Sonne nicht ganz verschwindet und das dunkle Zeitalter anbricht, also ein ewiger Winter? Man geht davon aus, dass dieses Wissen um die Wintersonnenwende in vielen frühen Gesellschaften Herrschaftswissen war. Für die Menschen in der Bronzezeit muss das unheimlich wichtig gewesen sein.

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Weshalb war das so wichtig?

Das war zum Beispiel wichtig für die Menge der Vorräte, die man sich anlegen musste, aber auch um zu wissen, wann man das Getreide aussät. Wenn man zu früh säte und das Saatgut erfror, konnte das früher für ein ganzes Dorf lebensbedrohlich sein.

Welche Gesellschaften haben die Sonnenwende gefeiert?

Die Sonnenwende wurde längst nicht nur von den Germanen gefeiert, auch wenn das von den Nationalsozialisten sehr betont wurde und sich heute zum Teil noch rechtsextreme Gruppen darauf beziehen. Tatsächlich haben aber fast alle Kulturen nördlich und südlich der Wendekreise einen Sonnenkult entwickelt und Observatorien gebaut, die Kelten genauso wie die Maya. Die Ägypter haben Observatorien gebaut, um die Nilflut vorherzusagen, und die Azteken in Nordamerika errichteten Observatorien aus Stein. Auch die Römer feierten Sol Invictus, das Fest der unbesiegten Sonne. Und in vielen skandinavischen Ländern wird ja heute noch die Sonnenwende groß gefeiert.

Ist es eigentlich Zufall, dass Weihnachten nur kurz nach der Sonnenwende gefeiert wird?

Nein, das ist sicher kein Zufall, beides ist eng verknüpft. Viele christliche Feste orientieren sich an älteren Festen, die es schon in vorchristlicher Zeit gab. Man kann sich vorstellen, dass es wesentlich einfacher war, das Christentum als neue Religion einzuführen, wenn man die alten Bräuche übernommen, abgewandelt und umgedeutet hat. Und dann wurde statt der Sonnenwende die Geburt Jesu Christi gefeiert, der ja auch als Lichtbringer gilt. Es gibt auch in vielen anderen Religionen Feste in der dunkelsten Zeit – im Judentum zum Beispiel Chanukka, das Lichterfest.

Wie geht es Ihnen persönlich mit der Wintersonnenwende?

Als Astronom sehe ich das Ereignis mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits ist der Winter für Astronomen natürlich einerseits eine tolle Zeit, um den Sternenhimmel zu beobachten, weil es so früh dunkel wird. Andererseits freue ich mich schon auch, wenn die Tage jetzt wieder länger werden. Im Grunde verfallen die Leute zum völlig falschen Zeitpunkt in Winterdepressionen. Wer der Sonne nachtrauert, müsste damit eigentlich am 21. Juni beginnen, denn ab dann werden die Tage wieder kürzer. Jetzt im Winter gibt es Grund zur Freude, denn es wird immer heller. Im letzten Januardrittel wird man das dann schon deutlich merken. Das ist auch gut so, denn wir brauchen das Licht. Im Grund kann man ab jetzt anfangen, sich auf den Sommer zu freuen.

Das Gespräch führte Sara Sundermann.

Info

Zur Person

Andreas Vogel (50) ist Physiker und seit 2007 Leiter des Olbers-Planetarium in Bremen. Er bringt zudem als Hochschul-Dozent Nautikern bei, ein Schiff nach dem Stand der Sterne zu steuern.

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