Schule für Altenpflege "Wir brauchen Fachkräfte, die alles können"

Agnes-Dorothee Greiner vom Bildungszentrum der Bremer Heimstiftung kämpft für die "generalistische Pflegeausbildung" und wirbt für den Altenpflegeberuf.
30.06.2018, 20:48
Lesedauer: 5 Min
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Von Kornelia Hattermann
Womit müssen angehenede Altenpfleger rechnen? Wie wird der Beruf aussehen?

Agnes-Dorothee Greiner : Die Ausbildung bereitet natürlich sehr gezielt auf den Beruf vor. Die Tätigkeit hat sich in den letzten Jahren auch verändert. Der Beruf wird in vielen verschieden Settings ausgeübt. Zum Beispiel im klassischen Pflegeheim oder in der ambulanten Versorgung, auf einer geriatrischen Station im Krankenhaus oder auch in einer Demenz-WG. Es erwartet die Fachkräfte also ein sehr breites Berufsfeld mit vielen Möglichkeiten. Wir bereiten auf all diese gründlich vor.

Was spielt denn eine ganz besonders große Rolle?

Das, womit man sich sehr, sehr gut auskennen muss, sind alle möglichen Krankheitsbilder. Ob nun Rheuma, Demenz, Diabetes oder halbseitige Lähmung nach einem Schlaganfall. Dazu gehört viel medizinisches und pflegefachliches Wissen. So auch Wissen über Ernährung, Wundversorgung, Schmerztherapie oder Mobilisation. Natürlich spielt aber auch der Umgang mit Sterbenden oder ganz allgemein die psychosoziale Komponente eine entscheidende Rolle. Man arbeitet mit Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, und das jeden Tag. Durch Selbsterfahrung in praktischen Übungen lernen die Schüler zum Beispiel, wie es ist, selber in Abhängigkeitssituationen zu sein.

Das ist ein harter Job.

Ja, das ist ein sehr schwerer Job. Zurzeit sind die Arbeitsbedingungen in vielen Einrichtungen auch grenzwertig. Alles in allem ist es eine herausfordernde, aber unglaublich tolle Arbeit. Ich selbst bin Altenpflegerin aus Überzeugung und von Herzen. Und es gibt viele Menschen, die wollen Menschen helfen und in kaum einem anderen Beruf tust du dies alltäglich so, wie in Pflegeberufen. Und das ist so wichtig, denn eine Gesellschaft zeichnet sich vor allem dadurch aus, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht, also denen, die aus verschiedenen Gründen auf Hilfe angewiesen sind.

Würden Sie die Altenpflege der Krankenpflege vorziehen?

Ich persönlich ja. Denn der Beruf ist für mich attraktiver als die Arbeit im Krankenhaus. Man hat länger mit den Menschen zu tun, man kann individueller auf sie eingehen und sich gemeinsam Ziele setzen. Man hat viel Verantwortung und Entscheidungsfreiheit und arbeitet zusammen mit den zu Pflegenden und den Angehörigen daran, das Leben gemeinsam zu gestalten.

Wie gestaltet sich das Umfeld des Berufes derzeit?

Der Alltag ist für Ausgebildete wie für Auszubildende oft hart. Gerade in Krankheits- und Urlaubszeit besteht die Gefahr, dass die Ausbildung zu kurz kommt, da die jungen Menschen sehr viel mitarbeiten müssen, damit der Alltag gestemmt werden kann. Das ist die Kehrseite. Die Proseite ist aber ein überdurchschnittliches Ausbildungsgehalt von über 1000 Euro im ersten Lehrjahr sowie die Aussicht, einen erfüllenden Job mit Zukunft zu erlernen. Aber wir haben Schwierigkeiten, geeigneten Nachwuchs zu finden, auch weil bekannt ist, welche Zustände in manchen Krankenhäusern und Pflegeheimen herrschen.

Was sind die Gründe?

Ich glaube nicht, dass das Gehalt das größte Problem ist. Das Problem sind die Arbeitsbedingungen und der Personalschlüssel. Zu wenig Pflegende müssen zu viele zum Teil schwerstpflegebedürftige Menschen versorgen. Darunter leidet automatisch die Qualität der Pflege. Im europäischen Vergleich hat Deutschland damit eine der schlechtesten Personalausstattungen in der Pflege. Inzwischen hat die Politik zum Glück reagiert und verspricht 13 000 neue Arbeitsplätze, das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es muss darum gehen, die Rahmenbedingungen in der Pflege unter anderem durch finanzielle und rechtliche Maßnahmen so zu verbessern, dass Menschen wieder gerne den Beruf ergreifen wollen und bis zur Rente dort arbeiten können. Und speziell für die Altenpflege geht es darum, dass sie nicht mehr als Beruf zweiter Klasse betrachtet wird.

Ist Besserung in Aussicht?

Ja, es kommt die generalistische Pflegeausbildung. Das heißt, dass die Ausbildung breiter wird. Unter anderem sollen die Inhalte der Krankenpflege durch psychosoziale Aspekte ergänzt werden, und im Vergleich zur heutigen Altenpflegeausbildung bekommen die Schüler mehr Informationen rund um medizinisch-technische Fragen. Das kommt einfach daher, dass in den Krankenhäusern immer mehr alte Menschen behandelt werden und in den Altenheimen immer mehr sehr kranke Menschen leben. Wir brauchen Fachkräfte, die alles können. Die eben in allen Settings, ob ambulant oder stationär, Menschen in allen Lebenslagen und Altersstufen versorgen können.

Was ändert das letztendlich an der Situation?

Das Selbstbewusstsein! Die Pflege und besonders die Altenpflege müssen selbstbewusst werden, und die Generalistik ist, neben der Verbesserung der Arbeitsbedingungen, ein wichtiger Schritt dahin. Denn solch breit ausgebildete Fachkräfte wissen, was sie wert sind und suchen sich aus, für wen sie für ein gutes Gehalt arbeiten. Leider versuchen auch jetzt noch Kräfte politisch Einfluss zu nehmen, um die Altenpflege innerhalb der generalistischen Ausbildung abzuwerten. Aber wir kämpfen dafür, dass das nicht passieren wird.

Warum ist das so wichtig?

Hinter der Abwertung dieses Berufes stehen fast immer knallharte finanzielle Interessen. Profitziele dürfen die Pflege aber nicht dominieren. An erster Stelle muss die Sicherung einer menschenwürdigen Pflege und Versorgung stehen. Dafür braucht man gut ausgebildete Pflegende mit genug Zeit, um den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden, egal ob es nun Kinder, kranke oder alte Menschen sind. Altenpflege ist nicht nur Händchen halten.

Das Gespräch führte Gerald Weßel.

Info

Zur Person

Agnes-Dorothee Greiner,

37 Jahre alt und wohnhaft in Walle, ist die stellvertretende Leiterin des Bildungszentrums der Bremer Heimstiftung. Sie ist Pflegewissenschaftlerin und gelernte Altenpflegerin. Zurzeit schreibt sie ihre Doktorarbeit über Verteilungsentscheidungen in der Altenpflege.

Info

Zur Sache

Ausbildung bei der Heimstiftung

Eine fundierte Ausbildung im Bereich Altenpflege bietet die Bremer Heimstiftung an verschiedenen Standorten. Im November beginnt der nächste Ausbildungsgang über drei Jahre. In den über 30 Häusern der Bremer Heimstiftung haben Absolventen der Schule in der Regel nach der Ausbildung einen Arbeitsplatz sicher, wie die Heimstiftung wirbt. Außerdem lernen die Auszubildenden das spätere Arbeitsumfeld schon während der mehrwöchigen Praxiseinsätze kennen. Berufliche Aufstiegschancen bietet die Altenpflegeschule in Osterholz ebenfalls. Abiturienten können die Ausbildung mit einem Studium der Pflegewissenschaft an der Universität Bremen kombinieren und haben dann nach fünf Jahren sowohl einen Ausbildungsabschluss als auch einen Bachelorabschluss in der Tasche. Wesentliche Voraussetzungen sind die Lust, sich mit älteren Menschen zu beschäftigen, Teamfähigkeit und Empathie. Fachlich wird für die Ausbildung eine zehnjährige Schulausbildung (Realschulabschluss – Mittlerer Schulabschluss oder erweiterter Hauptschulabschluss) oder ein Hauptschulabschluss mit einer abgeschlossenen Ausbildung zum Altenpflegehelfer oder zum Krankenpflegehelfer gefordert. Bezahlt werden die Auszubildenden bereits im ersten Jahr mit monatlich über 1000 Euro brutto.

Weitere Informationen bei Barbara Gronau von der Bremer Heimstiftung, Schule für Altenpflege, Fedelhören 78, Telefon 2434 410 oder E-Mail an barbara.gronau@bremer-heimstiftung.de.

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