Interview mit Bremer Herzspezialisten „Wir brauchen mehr Schulsport“

Der Kardiologe Rainer Hambrecht fordert mehr Sportlehrer in den Bremer Schulen, einen konsequenteren Nichtraucherschutz wie etwa höhere Steuern auf Tabak und mehr Bewusstsein für Gesundheit.
22.01.2018, 20:37
Lesedauer: 4 Min
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„Wir brauchen mehr Schulsport“
Von Antje Stürmann

Warum ist es Ihnen so wichtig, Herzkrankheiten vorzubeugen?

Rainer Hambrecht: Wenn wir wirklich etwas für die Herzgesundheit der Bevölkerung oder auch der Patienten tun wollen, müssen wir in die Prävention gehen. Man hat viel mehr Möglichkeiten, wenn man sich aktiv und umfänglich um die präventiven Ansätze kümmert, als wenn erst einmal ein Herzinfarkt aufgetreten ist oder andere Beschädigungen des Herzens vorliegen.

Die Gesundheitssenatorin erwägt, das Rauchen in Buswartehäusern zu verbieten. Was halten Sie von dieser Idee?

Prinzipiell denke ich, dass wir von der Verhaltensprävention, also von direkten Verboten, wegkommen müssen und eine Verhältnisprävention erreichen müssen. Wir müssen die Verhältnisse in den Schulen, in den Quartieren, besonders für Kinder und Jugendliche so verändern, dass wir Verbote gar nicht mehr aussprechen müssen.

Was schlagen Sie vor?

Wir sollten zum einen konsequent das Nichtraucherschutzgesetz umsetzen, das heißt, Schutz der Nichtraucher in allen Bremer Gaststätten und Schankbetrieben. Noch weiterreichende Vorschriften und Verbote, wie zum Beispiel das Rauchverbot an Haltestellen, führen häufig zu Abwehrreaktionen. So erreichen wir die Raucher nicht. Man sollte einen liberaleren Ansatz wählen. In den Kindergärten, Schulen und Betrieben müsste man für Verhältnisse sorgen, in denen man an einem gesunden Lebensstil teilnimmt. Sehr gut ist, dass die Senatorin neuerdings in Schulen Gesundheitsfachkräfte einsetzen will. Das könnte die Prävention tüchtig nach vorn bringen. Wir brauchen in den Schulen aber auch mehr Schulsport und dafür mehr Lehrer. Auf der anderen Seite brauchen wir einen Fokus auf die Gesundheit und das körperliche Befinden. Kinder müssen lernen, ihren Körper und ihre Gesundheit wahrzunehmen. Das Wissen dazu sollten spezielle Fachkräfte im Unterricht vermitteln.

Bremen hat zurzeit nicht einmal genügend reguläre Lehrkräfte. Ist gute Prävention auch ohne viel Geld zu machen?

Na gut, die Prävention kostet Geld, aber bei Weitem nicht so viel, wie ich für Patienten investieren muss, die mit Herzinfarkt oder Herzmuskelschwäche mehrmals im Jahr in den Krankenhäusern behandelt werden.

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Wie ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis?

Deutschland gibt jährlich 80 Milliarden Euro aus für die Reparatur von Schäden durch das Rauchen. Dabei sind die Krankheitskosten und die Ausfalltage eingerechnet. Die Tabaksteuer bringt 14 Milliarden Euro jährlich. Diese Einnahmen gehen komplett in die Bundeskasse. Die Kosten tragen aber die Betriebe und die Krankenkassen und damit die Gemeinschaft der Sozialversicherten. Von den 14 Milliarden Euro steckt der Bund gerade mal 190 Millionen Euro in Präventionsmaßnahmen.

In Bremen rauchen und sterben bundesweit die meisten Menschen an Erkrankungen, die durchs Rauchen verursacht werden. Was machen die anderen Länder besser?

Als das Bremische Nichtraucherschutzgesetz 2007 beschlossen wurde, war die Umsetzung nicht schlecht. Mit den Jahren ist es nicht konsequent genug durchgesetzt worden, anders als in Bayern, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland. Dort wird in Gaststätten ohne Ausnahmen auf das Rauchen verzichtet. Auch große Sportveranstaltungen sind rauchfrei. Da haben wir deutlichen Nachholbedarf.

Das Rauchen in Gaststätten ist auch in Bremen verboten. Was stört Sie genau?

Man muss die Nichtraucherschutzgesetze in aller Härte durchsetzen. Dazu gehört ein konsequentes Rauchverbot in den Gaststätten und in meinen Augen auch eine Steuererhöhung auf Tabakwaren. Das ist eines der sensitivsten Mittel, um langfristig die Raucherquote gerade bei den Jugendlichen zu reduzieren.

Wer schludert: die Wirte oder die Behörden? Ist die Senatorin zu nachlässig?

Nein, die Senatorin ist nicht zu nachlässig. Im Gesetz sind Ausnahmen verankert, die dazu führen, dass nur 57 Prozent aller Gaststätten rauchfrei sind. Unter anderem betrifft das die Größe und Anzahl der vorhandenen Räume. Gibt es zum Beispiel nur einen Raum oder hat die Gaststätte eine kleinere Grundfläche als 75 Quadratmeter, darf geraucht werden. Das gilt auch, wenn keine Speisen zubereitet werden.

Mitte 2018 will Bremen das zeitlich befristete Nichtraucherschutzgesetz neu beschließen. Was muss dringend ergänzt oder verändert werden?

Ich würde die Ausnahmeregelungen streichen. Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. In den Schulen würde ich die Raucherprävention forcieren. Seit es das Nichtraucherschutzgesetz in Bremen gibt, ist die Herzinfarktquote bei Nichtrauchern um zehn Prozent gesunken.

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Eine rauchfreie Gesellschaft wird es nicht geben und Rücksicht lässt sich nicht erzwingen. Was ist also das Ziel?

Das Ziel ist, bei möglichst allen ein Bewusstsein zu schaffen, dass Rauchen absolut schädlich ist und dass immer noch 120.000 Menschen pro Jahr an den Folgen des Rauchens sterben. Ich denke, dass Kinder und Jugendliche nicht genug aufgeklärt werden.

Die Anzahl jugendlicher Raucher ist gesunken. Wie erreichen wir diese?

Aus dem englischsprachigen Ausland wie den USA, aber auch aus Australien wissen wir, dass die Erhöhung der Tabaksteuer ganz empfindlich die Häufigkeit von Rauchen im Kindes- und Jugendalter trifft, sodass wir hier noch deutlich Potenzial haben, das Rauchen weiter zurückzuführen. Wir müssen auch anfangen, die Außen- und Kinowerbung für Tabakwaren zu verbieten. Das müsste im nächsten Bremer Nichtraucherschutzgesetz drinstehen.

Die Stiftung „Bremer Herzen“ hat alle Fraktionen in der Bürgerschaft um Vorschläge für eine Verbesserung des Nichtraucherschutzes gebeten. Wie war die Resonanz?

Man ist unisono mit dem Erreichten sehr zufrieden und sieht keinen Nachholbedarf. Das hat mich ein wenig verwundert. Es liegt, besonders im Detail, noch einiges im Argen. Man kann das Gesetz sehr viel konsequenter formulieren und umsetzen.

Wie reagieren Sie als Kardiologe auf dieses Zurücklehnen?

Ich sehe die Folgen von langjährigem Rauchen tagtäglich. Entweder sind es Patienten mit einer Verschlusskrankheit der Beinarterie, die ihre Extremität verlieren. Oder es sind Menschen mit schweren Herzinfarkten. Insofern kann das noch nicht das Ende der Prävention bedeuten.

Das Gespräch führte Antje Stürmann.

Zur Person:

Prof. Dr. Rainer Hambrecht ist seit 12 Jahren Chefarzt für Innere Medizin, Kardiologie und Intensivmedizin am Klinikum Links der Weser. Der Herzspezialist hat vor sieben Jahren die Stiftung "Bremer Herzen" gegründet und ist seitdem ihr Vorsitzender. Die Prävention von Herzkrankheiten ist seit fast 30 Jahren sein Thema.

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