Interview mit Festivalleiterin

„Wir bringen Energie nach Blumenthal“

Festivalleiterin Natalie Driemeyer über die Idee und den Aufwand.
02.06.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Wir bringen Energie nach Blumenthal“

Die Dramaturgin Natalie Driemeyer fühlt sich in Blumenthal gut aufgenommen.

Doris Friedrichs

Natalie Driemeyer leitet das Festival "Auswärtsspiel". Doris Friedrichs sprach mit der Schauspieldramaturgin am Bremer Theater über die Idee hinter dem Projekt und den Aufwand.

Frau Driemeyer, seit wann sind Sie hier in Blumenthal im Einsatz für das „Auswärtsspiel“?

Natalie Driemeyer: Seit September vergangenen Jahres laufe ich durch Blumenthal. Und seit Ostern sind wir im Festival-Büro in der Kapitän-Dallmann-Straße. Da fühlen wir uns schon richtig heimisch. Es schmerzt mich, das Büro wieder aufgeben zu müssen.

Warum geht das Bremer Theater außer Haus?

Die Idee war, dass es neben dem Stammhaus und unseren vielen treuen Zuschauern doch mal schön wäre, in den nördlichsten Stadtteil Bremens zu gehen. Ich habe das Gefühl, dass Bremen für Blumenthaler sehr weit weg ist. Deshalb haben wir überlegt, unsere Produktionen hierher zu bringen.

Was spricht noch für Blumenthal als Auftakt für das „Auswärtsspiel“?

Blumenthal hat eine total spannende Geschichte, jetzt aber leider auch viele Leerstände. Dabei hat der Ort so viel Potenzial. Wir wollten gucken, was künstlerisch möglich ist. Dafür haben wir viele Kooperationspartner angesprochen wie die Zwischenzeitzentrale, die Heinrich-Böll-Stiftung und das Kino City 46. Wir wollen mit unserem Projekt gemeinsam Energie nach Blumenthal bringen, die vielleicht auch darüber hinaus wirkt.

Haben Sie die vielen Leerstände nicht eher abgeschreckt?

Für mich ist es sehr interessant, mit Leerständen zu arbeiten. Das begründet sich aus meiner Biografie. Ich habe zuvor schon in Bremerhaven, das für viele Leerstände bekannt ist, leer stehende Räume bespielt. Das ist negativ für die Stadt, aber als Künstler entwickelt man sofort Fantasien, was man dort machen könnte. Das Nordsee-Hotel gegenüber dem Theater in Bremerhaven stand schon seit sieben Jahren leer. Da haben wir in den 100 Räumen des Hotels die Geschichte über das Ankommen inszeniert mit Menschen von 13 bis 94. Das war sehr erfolgreich. Dabei haben wir ganz unterschiedliche Menschen kennengelernt, zum Beispiel in der Seemannsmission. Mit denen habe ich dann noch ein Projekt gemacht.

Wie war die Reaktion der Menschen, die Sie im Stadtteil angesprochen haben, um sie für eine Beteiligung am Festival zu gewinnen?

90 Prozent der Leute sind total offen und haben Lust auf den Dialog. Das ist auch in Blumenthal so. Theater, Kunst und Kultur schaffen es, Menschen noch mal auf eine andere Art und Weise zusammenzubringen. Das ist auch unsere Intension hier. Es fehlen Orte, Menschen zusammenzubringen. Das merke ich, seit ich hier bin. Man muss sich trauen, überall reinzuschauen, zum Beispiel in den Deutsch-Türkischen Kulturverein zwei Häuser weiter. Da sind wir zu zweit reingegangen. Wir sind dort total freundlich empfangen worden, und man hat uns gleich Tee angeboten. Wir haben auch dort zwei Fragen gestellt: Wie wollen wir leben? Und was wünscht ihr euch für Blumenthal?

Wie waren die Antworten?

‘Wir wünschen uns ein lebendiges Miteinander und mehr Arbeit‘, waren die Hauptaussagen, egal wo wir gefragt haben. Bis hin zu konkreten Wünschen wie einen Kinderspielplatz.

Wie viele Kooperationspartner machen mit?

Insgesamt 40 von der Arbeitnehmerkammer Bremen und der Awo über die Flüchtlingshilfe Bremen-Nord, die Initiative Alt-Blumenthal und die Lebenshilfe Bremen bis zu mehreren Oberschulen, Schulzentren, Jugendfreizeitheimen, einer Kita, Chören, der Uni Bremen, verschiedenen Geschäftsleuten und vielen anderen Einrichtungen und Institutionen.

Waren Sie überrascht über die große Resonanz?

Wir haben versucht, alle Institutionen mit ins Boot zu holen. Wir sind ja nicht die Experten für den Stadtteil. Am Anfang ist das immer sehr mühsam, unser Anliegen zu erklären, aber irgendwann verselbstständigt sich das. Es gab auch viele Leute, die irgendwann in unser Festival-Büro gekommen sind, zum Beispiel Cornelia Bückmann, die Kontakt zur Willkommensinitiative hat. Darüber haben wir in der Notunterkunft Reepschlägerstraße eine kurdische Musikgruppe kennengelernt.

Gab es auch Ablehnung für Ihr Projekt?

Direkte Ablehnung eigentlich nicht. Eher eine abwartende Haltung bei einigen Leuten. Überwiegend waren die Menschen sehr offen, egal welchen Hintergrund sie haben. Vielleicht weil auch so viele unterschiedliche Institutionen dabei sind.

Wie viele Mitarbeiter des Theaters sind beteiligt und was kostet die Produktion?

Vom Haus sind über 200 Leute beteiligt. Die Produktion wird über alle Abteilungen betreut. Eine Summe für die Kosten kann ich Ihnen nicht nennen. Vieles ist ja auch ideell. Da sind auch viele verschiedene Jobs, die nach Zeiteinheit vergütet werden, also mit den sogenannten Blumentalern, die die Zwischenzeitzentrale mit Standort in der ehemaligen Bäckerei Deniz in der Kapitän-Dallmann-Straße ausgibt. Für die Blumentaler kann man Kaffee und Kuchen kaufen oder auch den Eintritt für eine der Aufführungen des Bremer Theaters im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Bremer Woll-Kämmerei. Um Blumentaler zu erhalten, muss man Dienste leisten.

Auf der einen Seite steht die große Produktion, auf der anderen Seite scheint für Kultur im Zentrum kein Platz und kein Geld mehr da zu sein. Schlimmstenfalls muss die hiesige Bücherei, die seit fast 20 Jahren ehrenamtlich betrieben wird, schließen. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Kultur sollte für alle Menschen sein, aber eine detaillierte Aussage zu dem Thema kann ich nicht machen. Wir haben ein bisschen Aufmerksamkeit auf Blumenthal gerichtet. Beispielsweise wird die Hochschule für Künste nach unserem Projekt auch eines im Stadtteil gestalten. Das ist auch eine Intention des Ortsamtsleiters, Künstler aus der Innenstadt hierher zu holen, um Blumenthal kulturell zu beleben. Je mehr passiert, umso mehr Aufmerksamkeit erhält der Stadtteil.

Denken Sie für das „Auswärtsspiel“ schon über 2016 hinaus?

Wenn es gut ankommt, wollen wir im kommenden Jahr weitermachen. Das ist der Plan. Und dann vielleicht auch noch in anderen Stadtteilen. Es sind rund 400 Beteiligte allein in Blumenthal, die mitmachen. Die Frage ist, ob es sich im Ort weiterentwickelt. Wir hoffen auf Nachhaltigkeit. Wir schaffen viele Momente, in denen sich Menschen kennenlernen können, die sich sonst vielleicht nie getroffen hätten. Wir sehen Theater als Ort der Begegnung.

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