Konferenz der Frauenräte: Annegret Ahlers vom Bremer Frauenausschuss über Gleichstellung heute „Wir fordern die 30-Stunden-Woche“

Bremen ist das erste Bundesland, in dem sich vor 70 Jahren eine Frauenvertretung gegründet hat – der Bremer Frauenausschuss. Worum ging es den Frauen der ersten Stunde?Annegret Ahlers: Der Frauenausschuss gründete sich 1946 direkt nach Kriegsende. Die Anliegen der Gründerinnen waren zuerst einmal ganz pragmatisch – anfangs standen Frauenrechte gar nicht im Vordergrund.
11.06.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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„Wir fordern die 30-Stunden-Woche“
Von Sara Sundermann

Bremen ist das erste Bundesland, in dem sich vor 70 Jahren eine Frauenvertretung gegründet hat – der Bremer Frauenausschuss. Worum ging es den Frauen der ersten Stunde?

Annegret Ahlers: Der Frauenausschuss gründete sich 1946 direkt nach Kriegsende. Die Anliegen der Gründerinnen waren zuerst einmal ganz pragmatisch – anfangs standen Frauenrechte gar nicht im Vordergrund. Bremen war zerstört, überall gab es Schuttberge. Die Gründung des Frauenausschusses begann mit einem Zeitungsaufruf von Frauen an Frauen, mit anzupacken und die Stadt wieder aufzubauen. Es ging erst einmal um so Grundsätzliches wie Wohnen und Essen. Auch Frauen aus der Anti-Alkoholismusbewegung gehörten zu den Gründerinnen. Sie haben sich dafür eingesetzt, dass man Essensmarken nicht mehr zum Kauf von Bier einsetzen konnte. Das war damals konkret wichtig. Denn wenn Männer nach der Fabrikarbeit direkt in die Kneipe gingen und die Essensmarken in Alkohol umsetzten, waren später die Familien die Leidtragenden.

Warum entstand gerade in Bremen der erste Landesfrauenrat in ganz Deutschland?

Vielleicht hatte es tatsächlich damit zu tun, dass Bremen besonders stark zerstört war, und sich die Frauen vor diesem Hintergrund zusammengetan haben. Und oft hilft ja auch räumliche Nähe, damit sich eine Bewegung gründet. Dass Frauen mal eben schnell zusammenkommen konnten, ohne erst größere Strecken zurücklegen zu müssen, war damals wohl auch noch wichtiger als heute.

Gibt es noch etwas, das die Frauen der ersten Stunde mit den Frauen verbindet, die heute im Ausschuss vertreten sind?

Wir streben nach wie vor eine gerechte Gesellschaft an, und wir wollen weiter aufrütteln. Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen steht im Grundgesetz – wir müssen uns im Jahr 2016 fragen, warum wir das immer noch nicht erreicht haben. Und von Anfang an haben Frauen im Ausschuss überparteilich und über Konfessionsgrenzen hinweg zusammengearbeitet. Auch wenn wir aus verschiedenen Richtungen kommen, sehen wir, wo es Nachteile für Frauen gibt, und das verbindet. Allerdings: In den Nachkriegsjahren waren auch einige liberale Frauen mit dabei – die FDP ist heute im Frauenrat nicht mehr dabei.

Sie sagen, die Probleme bei der Gleichstellung im Arbeitsleben seien in Bremen wie unter einem Brennglas besonders deutlich sichtbar. Warum ist das so?

Die durchschnittliche Gehaltslücke von Männern und Frauen ist in Bremen mit einem Unterschied von 25 Prozent deutlich höher als im Bundesschnitt. Wir haben hier im Stadtstaat eine hohe Frauenarbeitslosigkeit, viele alleinerziehende Frauen und viele Minijobberinnen. Und wir haben auch noch viele Probleme bei der Versorgung mit Kita-Plätzen. Hinzu kommt: Durch niedrigere Löhne, weniger sozialversicherungspflichtige Jobs und mehr Teilzeit rutschen Frauen später in die Altersarmut.

Bremen gilt als armes Bundesland, jedenfalls, was die leeren Staatskassen betrifft. Zugleich gibt es hier besonders viele Schwierigkeiten für Frauen im Berufsleben. Das reiche Norwegen dagegen gilt als Vorreiter bei der Gleichstellung. Muss man sich Geschlechtergerechtigkeit leisten können?

Indirekt spielt es schon eine Rolle für die Gleichstellung, wie viel Geld der Staat investieren kann – zum Beispiel wenn es gilt, neue Kitas zu bauen. Einen Kita-Platz zu haben, ist ja oft die Voraussetzung dafür, dass Frauen arbeiten gehen und auch aufsteigen können. Zuletzt gab es in Bremen zumindest einen kleinen Fortschritt: Jetzt haben auch Frauen, die arbeitslos sind, ein Recht auf einen Ganztagsplatz in der Kita. Das war zuvor nicht so. Da biss sich wirklich die Katze in den Schwanz: Frauen bekamen keinen Job, weil sie keinen Kita-Platz hatten und bekamen keinen Kita-Platz, weil sie keinen Job hatten.

Bei der Konferenz der Frauenräte steht die geschlechtergerechte Verteilung von Arbeit im Zentrum. Warum ist dieses Thema so wichtig?

Unser klassisches Arbeitsmodell heute mit einer Vollzeit-Stelle plus Überstunden ist ein Problem. Mit diesem Modell kann man neben der Arbeit nicht mehr viel anderes machen, der Tag hat schließlich nur 24 Stunden. Wir fordern bei der Konferenz aller Frauenräte in unserem Leitantrag, dass die sogenannte kurze Vollzeit, also eine 30-Stunden-Woche, zum Standardmodell für Männer und Frauen wird. Das würde dazu führen, dass Männer sich mehr in die Erziehung der Kinder einbringen könnten und insgesamt auch für Berufstätige mehr Zeit bleibt, ihre Eltern im Alter zu unterstützen. Wir fordern auch eine Sozialversicherungspflicht von der ersten Stunde an und eine Erhöhung des Mindestlohns.

Was müsste Bremen aus Ihrer Sicht als nächsten konkreten Schritt für Frauen tun?

Es muss neue Weiterbildungs- und Beschäftigungsprogramme geben, um die Erwerbstätigkeit alleinerziehender Frauen zu fördern. Daran, solche Programme auf die Beine zu stellen, arbeitet derzeit ein Netzwerk aus Behörden, Arbeitsagentur, Jobcenter, der Frauenbeauftragten und weiteren Akteuren. Ich setze in diesem Bereich auch Hoffnung auf die neue Chefin des Bremer Jobcenters, Susanne Ahlers, die ja die Leitung im April übernommen hat. Auch der Ausbau der Ganztagsschulen muss weiter vorangetrieben werden. Nur wenn Frauen wissen, dass ihre Kinder in der Schule ganztags gut betreut werden, können sie auch beruhigt arbeiten gehen.

2004 startete der Frauenausschuss einen Appell, die Schaffermahlzeit für Frauen zu öffnen. Inzwischen dürfen Frauen teilnehmen. Andere traditionelle Veranstaltungen wie das Bremer Tabak-Collegium und die Eiswette finden weiter ohne Frauen statt. Ist das weiterhin ein Thema für Sie?

Nach dem Aufbrechen des Schaffermahls hat sich der Ausschluss von Frauen an dieser Stelle erledigt. Natürlich müssen wir weiter darauf achten, dass auch tatsächlich Frauen eingeladen werden. Und es sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass Frauen auch am Tabak-Collegium und der Eiswette teilnehmen, denn der Ausschluss von Frauen dort ist natürlich ein Unding. Aber wenn ich mir die derzeitige gesellschaftliche Situation angucke, dann frage ich mich schon, ob es zu diesem Zeitpunkt unser wichtigstes Anliegen sein sollte, dafür zu kämpfen, dass auch bei der Eiswette Frauen zugelassen werden.

Weshalb?

In einer Zeit, in der so viele geflüchtete Frauen bei uns angekommen sind, gibt es vielleicht noch wichtigere Ziele, bei denen man jetzt nochmal den großen Bohrer ansetzen sollte. Ich halte es für wichtig, die Beratungsangebote für geflüchtete Frauen auszubauen, die gerade bei der Ankunft in Deutschland auf engem Raum in den Flüchtlingsheimen besonders oft Gewalt in der Beziehung erleben. Und Frauen, die mit ihrem Ehemann nach Deutschland kommen, brauchen ein Recht auf ein eigenes, von ihrem Partner unabhängiges Asylverfahren.

Das Gespräch führte Sara Sundermann.

Zur Person

Annegret Ahlers ist seit 2011 Vorsitzende des Bremer Frauenausschusses (BFA) und Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen. Die 60-Jährige leitet beruflich den Bereich Finanz- und Rechnungswesen beim Bremer Eigenbetrieb Werkstatt Bremen. Der Frauenausschuss ist Bremens Landesfrauenrat und bündelt als Dachverband die Stimmen von rund 40 Frauenverbänden im Land Bremen. Damit vertritt der BFA rund 190 000 Frauen.
Frauenräte tagen in Bremen Jedes Bundesland hat einen Landesfrauenrat, der die Frauenorganisationen vor Ort vertritt. An diesem Wochenende kommen die Frauenräte aller Bundesländer zu einer Konferenz in Bremen zusammen. Bei einem Fachtag wird diskutiert, wie Hausarbeit und Erwerbsarbeit zwischen Männern und Frauen gerechter verteilt werden kann. Außerdem feiert der Bremer Frauenrat seinen 70. Geburtstag.
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