35 Jahre Mercedes in Bremen

"Wir haben die Region verändert"

Im Interview erinnert sich Altbürgermeister Hans Koschnick an die Ansiedlung von Mercedes in Bremen vor 35 Jahren zurück.
25.09.2013, 14:56
Lesedauer: 4 Min
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Von Peter Hanuschke
"Wir haben die Region verändert"

Bremens Altbürgermeister Hans Koschnick.

Christina Kuhaupt

Die Mercedes-Benz-Produktion gibt es seit 35 Jahren in Bremen – vor 75 Jahren wurden dort die ersten Borgward-Modelle gefertigt. Maßgeblich an der Ansiedlung des Stuttgarter Unternehmens war Hans Koschnick beteiligt. Welche Bedeutung das Mercedes-Werk für Bremen hat, darüber sprach Peter Hanuschke mit dem Altbürgermeister.

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Was bedeutet das Mercedes-Werk für Bremen?

Hans Koschnick: Diese Frage müssten sie eigentlich denjenigen stellen, die gegen die Ansiedlung waren.

Waren denn viele dagegen?

Nein, aber interessante Leute. Dass die Kleingärtner dagegen waren, die dort erst zwei Jahre vorher angesiedelt worden waren, konnte man sehr gut nachvollziehen.

Aus welchem Lager kamen diese interessanten Leute?

Ein Teil kam aus Kreisen der Universität und ein Teil waren die vermeintlich progressiven Vertreter aus der bremischen Parteienlandschaft. Sie hatten die Sorge, wir würden mit der Ansiedlung zu einer Verstärkung des Kapitalismus beitragen und damit die Ausbeutung der Arbeitnehmer vorantreiben. Mit denen haben wir uns damals herumschlagen müssen.

Die Gegner haben Sie doch nach der erfolgreichen Ansiedlung längst wieder getroffen – waren die immer noch gegen das Mercedes-Werk?

Sie haben sich allesamt längst entschuldigt. Zugleich hatten die Kleingärtner, wie versprochen, im Gegenzug neue Anlagen bekommen. Allerdings war ihre Gartenarbeit von zwei Jahren futsch.

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Warum haben sich dort überhaupt Kleingärtner auf Teilen des ehemaligen Borgward-Geländes ansiedeln dürfen?

Das Gelände hatten wir für Industrie-Ansiedlung vorgehalten. Mehrmals hatten wir der Wirtschaft das Areal nach dem Untergang von Borgward im Zeitraum von Mitte der 60er- bis Mitte der 70er-Jahre zur Neuansiedlung angeboten, insbesondere Daimler und anderen großen Industriekonzernen – doch sie alle hatten abgewunken. Danach kam die Idee, das Gelände für Kleingärtner zu nutzen. Mitten in diese neue Nutzungsform kam dann die Mitteilung von Daimler, dass das Unternehmen doch an dem Gelände interessiert sei.

Bekamen sie einfach einen Anruf vom Daimler-Vorstand?

Ja, man fragte nach, ob das Gelände noch zur Verfügung stehe, denn sie würden in Erwägung ziehen investieren zu wollen. Mit im Rennen war für Daimler noch ein Standort am Rhein. Aber bei Daimler wusste man auch, dass eine Schar qualifizierter Autobauer gerade in Bremen vorhanden war, die einst bei Borgward gearbeitet hatten.

Was war der nächste Schritt in Richtung Ansiedlung?

Ich bekam kurze Zeit später einen Anruf von Werner Niefer, dem damaligen stellvertretenden Daimler-Vorstandsvorsitzenden. Er würde gern mal, auch wenn das leider am Wochenende wäre, vorbeikommen, um mit mir zu reden. Gesagt, getan – für Industrieansiedlungsvorhaben geht‘s natürlich auch am Wochenende. Als wir uns dann das Gelände anschauten, war er doch zunächst verunsichert, weil er sich schwer vorstellen konnte, die Kleingärtner umsiedeln und rechtsfeste stadtplanerische Voraussetzungen für ein solches Projekt auf die Beine stellen zu können. Wir haben uns verabschiedet und ich habe ihm gesagt, dass ich es versuchen werde.

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Welche Probleme mussten gelöst werden?

Ich musste den Senat und die Bürgerschaft überzeugen – das war nicht schwer, es ging ja um viele Arbeitsplätze. Die Kleingärtner konnten wir letztlich, glaube ich, dadurch überzeugen, dass wir ihnen nicht weit entfernt eine Alternative angeboten haben, und sie verstanden, dass wir nicht Kapitalisten unterstützen, sondern Arbeitsplätze schaffen wollten. Letztlich haben sich die Leute, die dort wohnten, am Ende auch nicht von den Parolen beeinflussen lassen, die Angehörige der Universität auf Versammlungen verbreiteten. Sie hatten verstanden, dass wir vor allem den ehemaligen Borgward-Mitarbeitern eine neue Arbeitschance geben wollten. Schließlich haben wir einen Bebauungsplan erstellen können, der auch in der zweiten Instanz unumstößlich war. Ein Ergebnis einer intensiven Bürgerbeteiligung.

Welche Bedeutung hatte die Ansiedlung von Mercedes insgesamt für den Wirtschaftsstandort Bremen?

Mit der Ansiedlung haben wir die Region verändert. Vereinbart waren 8000 Arbeitsplätze, es sind derzeit 12.500. Hinzugekommen sind zahlreiche Zulieferbetriebe, die sich in Bremen und in Niedersachsen angesiedelt haben. Nicht zu vergessen das Kompetenzzentrum, das Mercedes für die neue Baureihe außerhalb von Stuttgart geschaffen hat. Mit der Ansiedlung haben wir einen wirtschaftlichen Erfolg erzielt, wie wir ihn später nur noch mit der Luft- und Raumfahrt erreichen konnten.

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Glauben Sie, dass die Produktion auf dem heutigen Level bleiben wird?

Das ist nicht einfach zu beantworten. Die Entwicklungssprünge in Sachen Technologie und Produktionsabläufen sind heutzutage enorm. Aber eines ist sicher: Es wurde sehr viel Geld investiert, und deshalb kann man sicher sein, dass auch in Bremen in 15 Jahren zum 50-jährigen Jubiläum im Werk noch Autos produziert werden – wie viel, das wird man sehen. Wir haben mit Mercedes als Standort aber auf jeden Fall die Chance, am technischen Fortschritt teilnehmen zu können.

Befürchten Sie, dass Produktion ins Ausland abwandern könnte?

Dort, wo der Markt ist, wird auch produziert werden. Trotzdem bleiben wir ein Glied in einer Produktionskette – allein schon durch das konzipierte internationale Kompetenzzentrum.

Was halten Sie von Leiharbeit?

Sie macht Sinn, um Produktionsspitzen abfedern zu können. Sie darf aber nicht dauerhaft auf Kosten von regulären Arbeitsplätzen eingesetzt werden. Und ganz wichtig: Leiharbeiter müssen genauso entlohnt werden wie die Festangestellten. Da gibt es noch Nachholbedarf, aber zumindest hat die Diskussion darüber begonnen. Leiharbeiter dürfen nicht als Reservearmee industrieller Produktionsmasse behandelt werden. Rein, raus, rein raus – das geht nicht. Und langfristig schadet der dauerhafte Einsatz von Leiharbeitern der Qualität. Ich hoffe, dass das inzwischen auch Daimler erkannt hat.

Fahren Sie eigentlich selbst Auto oder sind Sie gefahren?

Ich war einer von damals politisch Tätigen, der drei bemerkenswerte Eigenschaften hatte: Ich konnte nicht tanzen, nicht schwimmen und nicht Auto fahren.

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