Integration in Bremen-West "Wir haben hier eine Parallelgesellschaft"

Bremen. Die Debatte um die Integrations-Thesen von Thilo Sarrazin hat die Blicke auch auf die Städte gelenkt. In Bremen hat Gröpelingen einen hohen Ausländeranteil. Wie sieht hier das Zusammenleben aus? Mit Hans-Peter Mester, Leiter des Ortsamts Bremen-West, sprach Wigbert Gerling.
09.09.2010, 06:50
Lesedauer: 4 Min
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Bremen. Die Debatte um die Integrations-Thesen von Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin hat die Blicke auch auf die konkrete Situation in den Städten gelenkt. In Bremen hat Gröpelingen einen hohen Ausländeranteil. Wie sieht hier das Zusammenleben der Menschen unterschiedlicher Nationalität aus? Mit Hans-Peter Mester, Leiter des Ortsamts Bremen-West, sprach Wigbert Gerling.

Man hört in jüngster Zeit öfter einmal, Hans-Peter Mester sei so etwas wie der Heinz Buschkowsky von Bremen. Können Sie mit einem solchen Vergleich etwas anfangen?

Offen gesagt: Bis vor einiger Zeit wusste ich gar nicht, wer Heinz Buschkowsky ist. Nun weiß ich, er ist der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln. Richtig ist, dass auch wir mit dem Thema, das ihn beschäftigt, umgehen müssen. Ich bin dafür, dass auch bei uns im Bremer Westen nichts schöngeredet, aber auch nicht alles in den düstersten Farben gemalt wird.

Wie ist die Lage?

Gröpelingen hat 35.000 Einwohner. Rund 14.000 dieser 35.000 haben Migrationshintergrund. Das ist ein Anteil von ziemlich genau 40 Prozent. Etwa die Hälfte sind Türken, die anderen kommen aus unterschiedlichen Ländern. Vielleicht noch zur Ergänzung: In manchen Schulklassen beträgt dieser Anteil nicht 40, sondern auch 80 oder 90 Prozent. Man kann nicht leugnen, dass manche das ein bisschen viel finden.

Ist das als Hinweis auf eine Versäumnis zu verstehen? Hätte dieses Problem viel früher politisch anders gelenkt werden können oder auch müssen?

Gröpelingen hat eine richtige Tradition mit Menschen, die aus anderen Ländern hierher gekommen sind. Wir haben die Stahlhütte, den Schiffbau und die Seefahrt. Unterschiedliche Nationalitäten sind für uns keine Neuigkeit. Mit dem Steuern ist das so eine Sache, denn wenn jemand kommt, dann geht er natürlich vorzugsweise dorthin, wo Bewohnern mit der selben Nationalität und damit auch mit der selben Sprache leben. Menschen, die helfen können, mit denen er reden kann. Und so ballt sich das dann. Aber es ist natürlich klar: Wenn ein Einzelner mit Migrationshintergrund zuzieht, dann weckt das in der Nachbarschaft eher einen Beschützerinstinkt - werden es viele, wächst die Ablehnung.

Welche Probleme birgt das?

Man muss ganz klar sagen, dass wir hier eine Parallelgesellschaft haben, die Menschen unterschiedlicher Herkunft gehen nicht Arm in Arm über die Lindenhofstraße, sondern leben nebeneinander her - allerdings in friedlicher Koexistenz. Ein wichtiger Beleg dafür war es, als die NPD 2006 hier einen Aufmarsch plante, weil sie meinte, sie komme damit gut an. Dem war nicht so. Wir haben eine breite Aktion gestartet, die Gröpelingen den Titel 'Stadtteil ohne Rassismus' eingebracht hat. Schirmherren waren der frühere Bürgermeister Hans Koschnick und der heutige Präsident des Senats, Jens Böhrnsen. Die NPD jedenfalls wurde gemeinsam eindrucksvoll aus dem Stadtteil gefegt. Das zeigt: Wir können gegenhalten. Ansonsten geht hier jeder im Alltag unterschiedlich mit der Situation hier um. Es gibt Polizisten, die beste Kontakte zu den Bewohnern anderer Nationalitäten pflegen, es gibt andere, die haben manchmal so einen Hals, weil ein straffälliger Jugendlicher nicht schnell zur Verantwortung gezogen wird. Es gibt den deutschen Kunden, der gerne im türkischen Lebensmittelgeschäft einkauft, es gibt andere, die das nie tun. Bei all den aktuellen öffentlichen Äußerungen darf man sich keine Illusionen machen: Es gibt die Ebene der politischen Korrektheit und der sozialromantisch verklärten Positionen, die jeglichen kritischen Ansatz vermeiden - und es gibt Stammtisch mit dumpfen Parolen und Ausländerhetze.

An Stammtischen sitzen aber mutmaßlich auch Vertreter der SPD, der Buschkowsky angehört und Sie auch.

Es gibt die ganze Bandbreite. Wer das bestreitet, der ist naiv. Nebenbei: Mein Vater war links, aber nicht gerade ausländerfreundlich.

Wie geht die Ortspolitik mit dieser Lage um?

Wir sind zum Beispiel gleich nach dem 11. September 2001 zur Fatih-Moschee gegangen und haben das Gespräch gesucht. Wir werden von den Moscheen zum Iftar-Essen eingeladen. Das sind alles Zeichen des gegenseitigen Respekts. Das ist eine gute Basis, um die Parallelgesellschaft ganz allmählich aufzulösen. Die Betonung liegt auf 'allmählich', denn es wird ein sehr allmählicher Prozess sein müssen.

Müsste vor allem auch die 'große Politik' reagieren?

Mit Sicherheit. Das geht nur über die 'große Politik'. Und es fängt bei der Sprachförderung an. Über die Sprache geht alles! Da muss so früh wie möglich angesetzt werden, schon im Kindergarten.

Sozialdemokrat Heinz Buschkowsky hat gefordert, dass es ab dem ersten Lebensjahr die Pflicht zum Besuch eines Kindergartens geben soll, um die Integration von Ausländern frühzeitig zu fördern. Unterstützt das Sozialdemokrat Hans-Peter Mester?

Wie gesagt, es ist gut, wenn ganz früh angefangen wird. Mit einer Verpflichtung hätte ich ein Problem, aber als Empfehlung finde ich den Vorschlag von Heinz Buschkowsky gut. Die Kinder müssen schnell sprachlich fit gemacht werden, das ist das A und O bei Integration. Aber solche Investitionen in Bildung standen lange nicht so hoch im Kurs bei der 'großen Politik'. Da wurde viel vernachlässigt, weil nicht erkannt wurde, dass sich eine solche Investition später lohnt.

Wie und wo kommen die Parallelgesellschaften noch zusammen?

Es mag zunächst vielleicht nicht so bedeutend klingen, aber hier vor Ort spielt der SV Werder in diesem Zusammenhang eine sehr große Rolle. Der Verein ist ein ganz wichtiges Bindeglied, das Bewohner unterschiedlicher Herkunft und Nationalität zusammenbringt - vielleicht einmal abgesehen von einem Spiel, bei dem der SV Werder gegen Galatasaray Istanbul spielt. Aber ansonsten immer! Der SV Werder ist hier ganz wertvoll.

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