Nachfrage nach Parzellen "Wir kämpfen um alle Kleingartengebiete"

Der Landesvorsitzende ist neu, doch die Grundhaltung des obersten Kleingärtners im Land Bremen unverändert.
21.08.2014, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von WK

Wie sein Vorgänger Hans-Ulrich Helms will Bernd Görtler nicht am Bestand der Parzellengebiete in der Hansestadt rütteln lassen. Das bekräftigte er im Gespräch mit Detlev Scheil. Bernd Görtler nahm auch zum Abriss der sogenannten Kaisen-Häuser Stellung.

Herr Görtler, bitte ergänzen Sie den Satz „Mein Kleingarten ist für mich…“

Bernd Görtler:

…Erholung pur und eine grüne Oase!

In dieser Antwort spiegelt sich ein Funktionswandel, denn früher hätte sicherlich die Ernte im Kleingarten im Vordergrund gestanden. Ist heute die Erholungsfunktion am wichtigsten?

Ich schätze es 50 zu 50 ein, Erholungsfunktion und Versorgungsfunktion sind gleich wichtig. Der Anbau von Obst und Gemüse spielt auf jeden Fall weiter eine Rolle. Das war auch für meine Frau und mich ursprünglich der Grund, einen Kleingarten zu übernehmen.

Spielen dabei auch ökologische Aspekte eine Rolle?

Das ist sicher so, denn Kleingärtner wissen eben genau, wo Obst und Gemüse herkommen. Hinzu kommt, dass auch ungewöhnliche Sorten angebaut werden können – Sorten, die man nicht auf jedem Wochenmarkt oder im Supermarkt bekommt.

Der Generationswechsel scheint bei den Kleingartenpächtern in vollem Gang zu sein.

Das ist richtig. Wir haben viele Gartenfreunde, die schon etwas älter sind, und nun kommen neue dazu, die deutlich jünger sind.

Wie groß ist das Interesse an Kleingärten? Im Bremer Westen stehen ja viele Gärten leer, während in besonders begehrten Gebieten wie auf dem Stadtwerder Wartelisten geführt werden.

Richtig, so sieht es zurzeit aus. Die Leerstandsquote beträgt bei einigen Kleingartenvereinen zehn Prozent, insgesamt in unserem Landesverband aber weniger als fünf Prozent. Wir beobachten, dass die Nachfrage in vielen Stadtteilen wieder anzieht.

Bei ihrer Wahl zum Landesvorsitzenden haben Sie dem Vernehmen nach bei den Mitgliedern mit der Aussage gepunktet, die Kleingartengebiete nach Kräften gegen Begehrlichkeiten der Stadt zu verteidigen. Gibt es denn eine Bedrohung?

Im Zusammenhang mit der Neuaufstellung des städtischen Flächennutzungsplans standen mehrere Kleingartengebiete zur Diskussion, zum Beispiel das Gebiet an der Konrad-Adenauer-Allee in der Vahr. Dort war daran gedacht, Kleingärten, die direkt an der Straße liegen, für Wohnbebauungszwecke vorzusehen. In Gesprächen mit der Stadt konnten wir erreichen, dass dort nur am Rand außerhalb des Kleingartengebiets einige Grundstücke für Wohnbebauung ausgewählt wurden.

Sind weitere Parzellengebiete bedroht?

Ein heißes Thema ist immer wieder der Bereich am Flughafen. Dort ist noch nicht ganz klar, wo die Autobahn A 281 und die Bundesstraße 6n künftig verlaufen sollen. Es kann sein, dass von der Trassenplanung Kleingartengebiete betroffen sein werden – direkt durch Enteignung oder indirekt, wenn künftig direkt nebenan die Bundesstraße verläuft.

Auch der Bereich Bayernstraße in Walle ist oft in der Diskussion. Derzeit werden dort von der Stadt einzelne Grundstücke aufgekauft, uns ist noch nicht klar, nach welchem Schema. Und in punkto Stadtwerder bleiben wir sehr wachsam, weil es ein unheimlich interessantes Gebiet für die Wohnbauunternehmen ist.

Stichwort Kaisen-Häuser, die einstigen Behelfsheime, die nach dem damaligen Bürgermeister benannt sind. In ihnen wohnen weiterhin Menschen, denen ein sogenanntes Auswohnrecht eingeräumt wurde. Generell ist aber längeres Wohnen auf Kleingartenparzellen verboten, und die Kaisen-Häuser werden nach und nach abgerissen. Aus Kleingartenvereinen ist zu hören, dass mancherorts Häuser abgebrochen werden, um die es sehr schade ist, während marode Bauten noch stehen gelassen werden. Wie stehen Sie dazu?

Wir wissen immer noch nicht genau, wie viele Kaisen-Häuser es eigentlich gibt, denn viele stehen auch auf Eigenlandparzellen, für die unser Landesverband nicht zuständig ist. Wir gehen davon aus, dass es noch etwas mehr als 1000 Behelfsheime sind. Es gibt etliche Bewohner, die noch auswohnen dürfen. Aber Häuser, die ausgewohnt sind, die müssen weg. Wir sind froh über jedes Haus, das abgerissen wird.

Auch in der jetzigen Situation von Wohnungsnot für Menschen mit geringem Einkommen?

Ja, denn wir unterstehen dem Bundeskleingartengesetz. Darin ist eindeutig festgelegt, dass eine Laube im Dauerkleingartengebiet höchstens 24 Quadratmeter groß sein darf. Das Gesetz schützt die Kleingärten und führt auch dazu, dass nur eine geringe Pacht von unter 20 Cent pro Quadratmeter und Jahr bezahlt werden muss. Das ist im Vergleich zu den Preisen in Wochenendhausgebieten sehr günstig. Um diesen Schutz zu genießen, müssen wir uns aber auch an das Gesetz halten und zusehen, dass der Charakter des Kleingartens erhalten bleibt und die Laubengröße nicht überschritten wird.

Wenn man durch die Parzellengebiete geht, sieht man aber hier und da, dass wohl auch in neuerer Zeit Lauben unzulässig erweitert worden sind. Siegt Dreistigkeit?

Die Vereinsvorstände haben das im Blick, und auch die Bauaufsichtsbehörde kontrolliert. Allein schon im Sinne der Gleichbehandlung muss das gemacht werden. Wird eine Rückbauaufforderung ignoriert, ist das in letzter Konsequenz ein Grund, dem Pächter zu kündigen. Sicherlich werden Anbauten aber mit unterschiedlichem Engagement verfolgt. Es ist schwer, das zu verwalten, die Vereinsvorstände können ja nicht ständig mit dem Zollstock unterwegs sein.

Haben Sie auch davon gehört, dass es mehrmals Bremer geschafft haben sollen, sich in einem Kleingartengebiet mit dem Hauptwohnsitz anzumelden, weil das Stadtamt den Missbrauch nicht bemerkt hat?

Ja, davon habe ich auch gehört. Die Kommunikation zwischen den Behörden ist offensichtlich nicht optimal. Natürlich muss das Stadtamt bei An- und Ummeldungen darauf achten, ob es sich um ein Kleingartengebiet handelt. Die Anmeldung lässt sonst ja eine Legalität vermuten, die tatsächlich gar nicht gegeben ist.

Wie stehen Sie zum Urban Gardening, also dem Gärtnern auf öffentlichen Flächen?

Die Freunde des Urban Gardening wollen eine grünere Stadt, und das wollen wir auch. Die älteste Form des Urban Gardening sind ja die Kleingärten. Ein wichtiger Aspekt ist die kontinuierliche Pflege und die Übernahme von Verantwortung für die Nutzung von Flächen. Wenn Anwohner sich um Pflanzflächen kümmern, ist es toll. Und wir sind offen für Kooperationen. Zum Beispiel können wir in unserem Beratungszentrum im Floratrium Ratschläge und Informationen vermitteln.

Haben auch die Bremer Kleingartenvereine inzwischen zunehmend Probleme, die ehrenamtlichen Vorstandsämter zu besetzen?

Es gibt glücklicherweise noch viele Vereine, in denen es sehr gut läuft, andere wünschen sich Unterstützung und sind dankbar für jeden, der sich engagiert. Tendenziell nimmt die Bereitschaft zur Vorstandsarbeit leider ab. Das liegt auch daran, dass man heute oft sehr flexibel und mobil sein muss, um den Arbeitsplatz zu behalten. Es kommt immer wieder vor, dass Leute gerade ihre Parzelle in Schuss gebracht haben und sie dann wieder abgeben müssen, weil sie künftig weit von Bremen entfernt arbeiten werden.

Zur Person: Bernd Görtler (43) ist in Oberneuland aufgewachsen und wohnt mit seiner Frau in Horn-Lehe. Der promovierte Chemiker hat auch Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaft studiert und arbeitet heute freiberuflich als Berater. Im April dieses Jahres wurde er als Nachfolger von Hans-Ulrich Helms zum Vorsitzenden des Landesverbandes der Gartenfreunde gewählt, der Dachorganisation der 104 Kleingärtnervereine Bremens und Bremerhavens mit ihren rund 16 600 Mitgliedern. Das Ehepaar Görtler hat einen Kleingarten beim Verein „Zur grünen Insel“ in Horn-Lehe, dort arbeitet Görtler als Kassierer im Vorstand mit.

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