Annelie Keil und Ulrike Hauffe ermutigen Frauen dazu, sich gemeinsam Wertschätzung zu verschaffen „Wir müssen unsere Stimme erheben“

Bahnhofsvorstadt. Was bedeutet Wertschätzung und wie drückt sie sich aus? Vor allem Frauen bekommen oft nicht die nötige Anerkennung für ihre Lebensleistung. Aber auch sie selbst nehmen ihre eigenen Erfolge oft nicht wahr.
16.03.2014, 00:00
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Von Ina Schulze

Was bedeutet Wertschätzung und wie drückt sie sich aus? Vor allem Frauen bekommen oft nicht die nötige Anerkennung für ihre Lebensleistung. Aber auch sie selbst nehmen ihre eigenen Erfolge oft nicht wahr. „Frauen in Arbeit und Wirtschaft“ (FAW) und die Frauenbetriebe „Quirl“ haben die Diskussion anlässlich des 8. März angeregt. „Quirl“ ist wenige Tage nach dem Internationalen Frauentag in Konkurs gegangen.

„Wir wollen ein Zeichen setzen für Kooperation und Solidarität“, sagt Katja Barloschky, die Geschäftsführerin von Quirl. „Wir wollen zum Nachdenken darüber anregen, wo die Fallen liegen, seine eigene Wertschätzung nicht wahrzunehmen.“ Im kleinen Saal des Konsul-Hackfeld-Hauses drängten sich die Frauen, um der Landesfrauenbeauftragten Ulrike Hauffe und der Soziologin und Gesundheitswissenschaftlerin Annelie Keil zuzuhören. Die beiden sprachen über Frauen auf dem Bremer Arbeitsmarkt und über die Wertschätzung der Arbeitsleistung. Der durchschnittliche Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen liegt laut Hauffe auf Bundesebene bei 22 Prozent. In Bremen sind es sogar 26 Prozent.

„Außerdem sind in Bremen weniger Frauen erwerbstätig als im bundesweiten Vergleich“, sagte die Landesfrauenbeauftragte. Entgegen dem allgemeinen Trend stagniert die Erwerbstätigenquote bei 63,3 Prozent in Bremen. Bei Neueinstellungen im Halbjahr 2011 waren Frauen deutlich stärker von Befristungen betroffen als Männer. Auch Minijobs werden deutlich mehr von Frauen angenommen als von Männern. „Wie wertschätzt Bremen die Arbeitskräfte von Frauen eigentlich?“, fragte Ulrike Hauffe in die Runde.

Die Bremer Innovationspolitik konzentriert sich derzeit auf drei Bereiche, die als zukunftsweisend für den Standort Bremen gesehen werden: Luft- und Raumfahrt, maritime Wirtschaft und Logistik sowie Windenergie. „Wen finden Sie in diesen Branchen wieder?“, fragt Ulrike Hauffe. Es müssen adäquate Möglichkeiten für Frauen geschaffen werden.

Annelie Keil ist 1939 unehelich in Berlin geboren. Ihre ersten fünf Lebensjahre verbrachte sie in einem Heim und sprach vor allem polnisch. 1945 holte ihre Mutter, die sie kaum kannte, sie ab, um mit ihr in Richtung Westen zu fliehen. Auf der Flucht gerieten die beiden in Gefangenschaft. Ein russischer Offizier erwischte sie bei einem Diebstahl – und wurde zu ihrem Freund. „In den zwei Jahren habe ich gelernt, wie man mit Bomben Fische fängt. Für die RAF wäre ich also gut ausgebildet gewesen“, sagt Keil und lacht.

Bei so einer Vorgeschichte stellt sich Annelie Keil die Frage, wie eigentlich die eigenen Ressourcen entstehen und wie man seine Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt angemessen anbieten kann. „Jeden Menschen gibt es nur einmal, und er ist urheberrechtlich geschützt.“ Jeder Mensch müsse seine Stärken entdecken, dadurch entstehe die eigene Wertschätzung. Aber wie bleibt man stolz, wenn man seine Arbeit verloren hat, eine Trennung oder eine Krankheit durchlitten hat?

„Wir wollen und müssen unsere Stimme erheben gegen Gewalt, Unrecht, Missachtung, soziale Diskriminierung, Ausbeutung oder die Sucht zum Mobbing“, sagt Annelie Keil. Arbeit spiele im Leben eine zentrale Rolle. Erst mit dem Tod werde man tatsächlich arbeitslos. Keil rät Frauen dazu, sich zu fragen, wie viel der eigenen Lebensleistung sie für die Eltern, Partner, Kinder oder das „nackte Überleben“ aufbringen. Sie müssten auch mal an sich denken. Viel zu oft baue man seine Selbstwahrnehmung über Fremdwahrnehmung auf. „Wir dürfen unsere Wertschätzung für unsere Lebensleistung nicht aus der Hand geben“, rät Annelie Keil. Dennoch sollten Frauen nach Ansicht von Doris Salzinger, der Geschäftsführerin von Frauen in Arbeit und Wirtschaft, auch kleine Komplimente annehmen. „Nehmt die Wertschätzung mit und als Kraft, um über die nächste Hürde zu springen!“

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