Interview mit dem Bremer Jugendamt-Chef

„Wir nehmen uns mehr Zeit“

Es ist kein einfacher Job, das Bremer Jugendamt zu leiten: Oft steht die Amtsleitung in der Kritik. Ein Gespräch mit Rolf Diener über Veränderungen, unbesetzte Stellen und den Wert von Sportvereinen.
26.02.2017, 17:34
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„Wir nehmen uns mehr Zeit“
Von Kathrin Aldenhoff
„Wir nehmen uns mehr Zeit“

Seit 2013 ist Rolf Diener Leiter des Bremer Jugendamtes.

Frank Thomas Koch

Es ist kein einfacher Job, das Bremer Jugendamt zu leiten: Oft steht die Amtsleitung in der Kritik. Ein Gespräch mit Rolf Diener über Veränderungen, unbesetzte Stellen und den Wert von Sportvereinen.

Als Leiter des Bremer Jugendamtes stehen Sie oft in der Kritik. Was treibt Sie an, diesen Job zu machen?

Rolf Diener: Ich habe immer die Familien, die Kinder und Jugendlichen im Blick. Ich will, dass Kinder sich in unserer Gesellschaft möglichst gut, demokratisch und weltoffen entwickeln können. Das wollen wir unterstützen und den Rahmen dafür schaffen. Wir können als Jugendamt nicht die Armut beseitigen, aber wir können den Umgang damit angehen. Und möglichst viele Kinder, Jugendliche und Eltern, die unter schwierigen Rahmenbedingungen leben, starkmachen, so dass sie eine positive und gute Entwicklung nehmen. Dass sie gute Schulabschlüsse machen, gut integriert werden in die Gesellschaft. Als Jugendamt können wir viel dazu beitragen, trotz der engen Rahmenbedingungen, die wir haben.

Wie viele Stellen sind im Moment unbesetzt?

Im Moment sind 20 Stellen im Casemanagement unbesetzt. Wir gehen aber davon aus, dass wir zum 1. April voll besetzt sind. Wir haben 23 Menschen, die bei uns ein Anerkennungsjahr gemacht haben, eine Zusage gemacht. Wenn sie ihr Kolloquium bestehen, werden sie am 1. April bei uns anfangen. Parallel haben wir noch ein anderes Einstellungsverfahren. Dann werden wir wieder 153 Vollzeitstellen im Casemanagement besetzt haben.

Im September hieß es, ein Fallbearbeiter sei für 60 Fälle verantwortlich. Ist das noch so?

Ja, wenn man alles mit einrechnet, sind das 50 bis 60 Fälle. Das hängt auch immer vom Team ab. Wenn jemand krank ist, hat einer mehr Fälle. Darunter fallen 40 bis 50 kostenpflichtige Fälle, hinzukommen die Beratungsfälle, Inobhutnahmen und andere Fälle, die nicht im klassischen Bereich Hilfe zur Erziehung liegen.

Ist die Zahl aus Ihrer Sicht in Ordnung?

Wir sind dann wieder gut aufgestellt, wenn wir alle Mitarbeiter an Deck haben. Im Moment gibt es für sie noch eine sehr hohe Belastung.

Das Jugendamt steckt mitten in einem Wandlungsprozess, die Arbeit der Fallbearbeiter soll sich grundsätzlich ändern. Wenn junge Eltern zu Ihnen kommen, die sich überfordert fühlen – wie wäre man früher vorgegangen und wie jetzt?

Wenn Familien neu zu uns kommen, nehmen wir uns jetzt wesentlich mehr Zeit für die Beratung. Die Eltern können ja ganz unterschiedliche Schwierigkeiten haben. Kommen sie mit dem Geld nicht klar, haben sie ein Schreikind, bekommen sie keine Bindung zum Kind, gibt es ein Drogenproblem oder Probleme mit dem Haushalt? Früher hätte man wesentlich schneller gesagt, wir organisieren eine Erziehungsbeistandsschaft oder eine sozialpädagogische Familienhilfe, und der Prozess wäre dann dort gelaufen. Und vielleicht hätte man nach einiger Zeit gemerkt: Das war gar nicht das Richtige. Früher wurde nach zwei oder drei Gesprächen schon eine Hilfe eingeleitet, und jetzt gibt es fünf, sechs, sieben Gespräche und erst dann wird eine präzisere Hilfe eingeleitet. Das braucht mehr Zeit und das braucht mehr Personal.

Personal, das Sie noch nicht haben.

Ja, das können wir erst umsetzen, wenn wir wieder voll besetzt sind. Nichtsdestotrotz haben wir die Mitarbeiter schon qualifiziert und die Prozesse auch in Teilen schon verändert oder sind gerade dabei. Zum Beispiel werden Arbeitsdokumente verändert. Außerdem werden die Casemanager den Sozialraum stärker in den Blick nehmen.

Was genau ist der Sozialraum?

Das ist die Lebenswelt der Menschen. Das kann der Stadtteil sein oder der Ortsteil, für Jugendliche ist das oft ein größerer Raum. Das hängt davon ab, wo sich die Menschen bewegen. Den jungen Eltern, die überfordert sind, könnte es zum Beispiel auch helfen, wenn wir ihnen Sportvereine in der Nähe nennen oder sie ans Haus der Familie vermitteln, wo sie Gleichgesinnte treffen. Oft ist damit schon viel Hilfe gegeben.

Die Mitarbeiter setzen sich intensiver mit den Fällen auseinander und müssen auch die Strukturen besser kennen.

Ja, sie müssen selbstverständlich die Kindergärten kennen und die Schulen, es muss da Verbindungen geben. Zum Beispiel über gemeinsame Fortbildungen. Es gibt Stadtteile, wo wir Fachtage zum Thema Kinderschutz organisieren, so lernen Casemanager die Strukturen des Stadtteils besser kennen und lernen darüber hinaus auch, wie sie die nutzen können. Und die Kooperationspartner lernen gleichzeitig die Kontaktpartner und die Arbeit des Jugendamtes besser kennen.

Wird die Arbeit der Casemanager leichter oder schwieriger?

Ich denke, sie wird anspruchsvoller und dadurch aber auch interessanter. Sie treten stärker in den Kontakt mit Familien und Kindern, nutzen ihre pädagogische Kompetenz noch mehr, um eine gute Anamnese zu machen.

Damit steigt ja auch der Einfluss der Casemanager. Wenn manche Familien mit ihrem Sachbearbeiter nicht klarkommen, dann werden sie in Zukunft noch stärker von ihm abhängig sein. Wird es dann nicht noch mehr Konflikte geben?

Ich glaube nicht, dass die Abhängigkeit steigt. Ich denke, es wird weniger Konflikte geben, weil wir uns ja mehr Zeit nehmen und so mehr Verständnis aufbauen. Es gibt natürlich Konstellationen, wo die Welten so weit auseinander liegen, dass es schwer ist, ein gegenseitiges Verständnis herzustellen. Das Problem haben die freien Träger genauso wie unsere Casemanager. Es ist immer eine große Herausforderung, so ein Verständnis zu entwickeln. Anders stellt es sich in einer Kinderschutzsituation dar: Gerade in kritischen Situationen hat man ja oft andere Positionen. Da muss ich an erster Stelle immer das Kindeswohl schützen. Wenn die Eltern unsere Auflagen nicht erfüllen, um das Kindeswohl zu sichern, müssen wir das Kind eventuell aus der Familie nehmen.

Die Fallzahlen des Jugendamtes sollen mithilfe des Weiterentwicklungsprozesses gesenkt werden. Und es soll am Ende auch weniger Geld ausgegeben werden. Wie soll das klappen?

Dadurch dass wir stärker beraten, brauchen wir weniger kostenintensive Hilfen. Wir können mit weniger Stunden in der ambulanten Arbeit arbeiten oder eine Heimunterbringung kann kürzer sein, indem die Jugendlichen schneller selbstständig gemacht werden. In manchen Konstellationen kann eine Hilfe weniger in Anspruch genommen werden, weil wir den Sozialraum stärken und die Menschen dort Unterstützung bekommen. Die Idee basiert darauf, dass wir Familien so stark machen, dass sie mit weniger Unterstützung die Erziehung ihrer Kinder bewältigen können. In Walle hatten wir ein Modellprojekt zu dem Weiterentwicklungsprozess. Am Anfang hatten wir dort nicht weniger Fälle. Wir hatten mehr Beratungsfälle und weniger Kostenfälle. Aber in der Perspektive gab es insgesamt weniger zu unterstützende Fälle. Weil wir schneller ins Ziel kommen, weil die Familien schneller in der Lage sind, sich selbst zu helfen. Hilfe ist effektiver und damit auch kostengünstiger.

Was konkret erhoffen Sie sich von dem Prozess?

Eine höhere Qualität in der Begleitung der Familien. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Familien eine bessere, effektivere Unterstützung von uns, den Trägern und dem Umfeld erhalten. Und nebenbei muss Bremen weniger Geld ausgeben. Aber der Hauptmotor ist, die Familien in die Lage zu versetzen, ihre Kinder gut zu erziehen oder die Familien so zu qualifizieren, dass die Kinder aus dem Heim oder der Pflegefamilie wieder zurückkönnen.

Welche Probleme sehen Sie auf dem Weg?

Es ist eine große Herausforderung, das Durchhaltevermögen zu haben und darauf zu warten, dass alle Mitarbeiter da sind, sie immer wieder zu qualifizieren und einzuarbeiten. Außerdem müssen wir die Kooperation mit den freien Trägern der Jugendhilfe weiterentwickeln. Da gibt es manchmal unterschiedliche Sichtweisen. Die Hilfen zur Erziehung sind in den letzten Jahren stark angestiegen, in ihrer Zahl und in ihren Kosten. Dabei haben wir die Strukturen in den Sozialräumen, die die Familien oftmals auffangen könnten, ohne dass wir individuelle Hilfen einsetzen müssten. Wir versuchen jetzt verstärkt, die Familien darauf zu orientieren. Und das wird sich am Ende auch auf der Kostenseite bemerkbar machen.

Zur Person

Rolf Diener leitet seit Juni 2013 das Bremer Jugendamt. Der 54-Jährige ist Sozialarbeiter und arbeitete vorher mehrere Jahre im Amt für soziale Dienste. Er führte das Bremer Jugendamt 2015 in einen umfangreichen Weiterentwicklungsprozess, der die Arbeit der Fallbearbeiter grundsätzlich verändern soll.

Zur Sache

Im vergangenen Jahr hat das Bremer Jugendamt im Monatsdurchschnitt 1122 Fälle mit sozialpädagogischen Familienhilfen betreut, hinzu kommen 1226 ambulante oder teilstationäre Leistungen. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 1200 Fälle im Bereich unbegleitete minderjährige Ausländer in Bremen bearbeitet. 2016 hat das Jugendamt im Monatsdurchschnitt 956 Kinder und Jugendliche in Heimen betreut. Insgesamt 341 wurden neu aufgenommen. 578 Kinder und Jugendliche werden im Monatsdurchschnitt in einer Pflegefamilie betreut, 218 leben im Betreuten Jugendwohnen. 590 Kinder hat das Jugendamt 2016 in Obhut genommen.

Bis das Jugendamt den Wandel, in dem es gerade steckt, vollzogen hat, werden nach Einschätzung von Rolf Diener noch einige Jahre dauern. 2015 hatte der Weiterentwicklungs-Prozess begonnen, er geht davon aus, dass es insgesamt zehn Jahre dauert, bis alle Änderungen in der Theorie und der Praxis umgesetzt sind. Die Schulungen für die Mitarbeiter sollen 2018 abgeschlossen sein. Um das Jugendamt weiterzuentwickeln und in veränderten Strukturen zu arbeiten, bekam die Behörde 27,5 zusätzliche Stellen.

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