"Die Partei" tritt zur Wahl an "Wir sind wie Zauberer, die Tricks verraten"

"Die Partei" tritt erstmals zur Bremischen Bürgerschaftswahl an. Auf Listenplatz 1 steht der Informatiker Marco Manfredini. Silke Hellwig sprach mit ihm über die Ziele der Satire-Partei in Bremen.
05.05.2015, 00:00
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Von Silke Hellwig

Die „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“ – kurz: „Die Partei“ – tritt erstmals zur Bremischen Bürgerschaftswahl an. Auf Listenplatz 1 steht der Informatiker Marco Manfredini. Silke Hellwig sprach mit ihm in der Wahlkampfzentrale im Lloydhof über die Ziele der Satire-Partei in Bremen.

Herr Manfredini, sind Sie Spitzenkandidat Ihrer Partei?

Marco Manfredini: Schon, denn bei uns sind grundsätzlich alle Spitzenkandidaten. Wenn wir die Wahl gewinnen, werden wir mit Boxkämpfen austragen, wer den Posten des Bürgermeisters bekommt.

Sie haben vielleicht ganz gute Chancen...

Sie haben den Kandidaten auf Listenplatz 4 noch nicht gesehen. Ralf Fasmers hat eine Amateurboxer-Lizenz. Da muss ich mir ein paar schmutzige Tricks einfallen lassen...

Allzu viel findet man nicht, wenn man wissen möchte, wofür sich „die Partei“ in der Bremischen Bürgerschaft engagieren will. Gibt es ein Wahlprogramm?

Wir haben uns entschieden, unser Wahlprogramm auch in leicht verständlicher Sprache zu verfassen. Das liegt ja in Bremen im Trend. Unser Programm ist sogar in sehr leichter Sprache abgefasst. Es besteht aus einem leeren Zettel. Wir glauben, dass das jeder versteht.

Ich verstehe es leider nicht.

Wir haben kein Programm. Wir sind der Ansicht, dass man Inhalte überwinden muss. Die haben in der Politik und im Wahlkampf nichts zu suchen. Man kann sie den Menschen nicht vermitteln, und in der Praxis spielen sie auch keine Rolle.

Sie stehen auch mit Wahlkampfständen in der Innenstadt. Was antworten Sie, wenn ein potenzieller Wähler fragt: Warum soll ich Sie wählen?

Dann frage ich ihn: Was soll ich Ihnen denn versprechen? Jeder Wähler bekommt von mir ein individuelles Wahlversprechen. Ich sage allerdings dazu, dass ich meine Versprechen grundsätzlich nicht halte, wie es in der Politik so üblich ist. Aber die Versprechen, die ich gebe, sind so schön, dass es den Wählern eigentlich egal ist.

Was haben Sie schon alles versprochen?

Ich habe versprochen, alle Drogen zu verbieten, einschließlich Cola, Roibusch-Tee und Lakritzstangen, weil nur illegale Drogen Spaß machen. Ich bin auch der Meinung, dass Bremen ein Großbauprojekt braucht, mit dem es nicht klarkommt, damit wir zu den Metropolen Hamburg und Berlin aufschließen können. Es könnte eine Pyramide sein, die Mutter aller sinnlosen Großbauprojekte, deren Aufgabe bekanntlich auch ein Sarg übernehmen könnte.

Haben Sie auch versprochen, das Schuldenproblem Bremens zu lösen?

Natürlich. Allerdings finde ich: Solange uns jemand Geld leiht, sind wir nicht pleite, und wer uns Geld leiht, ist selber schuld.

Sie haben kein Programm, aber Wahlplakate. Eines zeigt die Pyramide auf dem Bahnhofsvorplatz, ein anderes den SPD-Spitzenkandidaten samt der Aufschrift „Böhrnsen!“, „Böhrnsen!“, „Böhrnsen!“ Warum?

Wir haben festgestellt, dass überall in der Stadt Plakate mit diesem Mann hängen, ohne dass sein Name erwähnt wird. Wir haben uns gefragt: Wer ist das? Wofür wirbt er? Wir haben recherchiert und festgestellt, dass es sich um Jens Böhrnsen von der SPD handelt. Aber warum wird sein Name auf den Plakaten nicht genannt? Wird er sich wie ein Rumpelstilzchen zerreißen, wenn der Name erscheint? Das haben wir ausprobiert.

Sie gelten – unter anderem wegen solcher Plakate – als „satirische“ Partei, der es an Ernsthaftigkeit gebricht. Tatsächlich veralbern Sie den Politikbetrieb mit Hingabe. Kann das der Demokratie gut tun?

Natürlich. Zum Beispiel trägt unser Böhrnsen-Plakat offensichtlich dazu bei, dass sich Betrachter Gedanken machen. Und es ist ein Kommentar zur der Art, wie die SPD und Herr Böhrnsen in Bremen Wahlkampf machen. Mit ihren Plakaten demonstrieren sie nämlich, dass sie die Wahl schon gewonnen haben. Darauf weisen wir hin, und damit erweisen wir der Demokratie einen Dienst.

Es gibt Menschen, die finden, dass derartige Verhohnepiepelung dem Ansehen von Politikern schadet und zur Politikverdrossenheit beiträgt.

Das Gegenteil ist richtig: Allein die Arbeit des „Partei“-Vorsitzenden Martin Sonneborn als Abgeordneter im EU-Parlament fördert Dinge ans Licht, von der die meisten Bürger vorher gar nichts wussten. Zum Beispiel, dass dort quasi industriell abgestimmt wird, 200 Abstimmungen in zwei Stunden, bei denen man vier Sekunden Zeit hat, einen Knopf zu drücken. Man bekommt einen Einblick in die parlamentarische Praxis, den man vorher nicht hatte. Es gibt Leute, die sich selbst als unpolitisch oder liberal verstehen, was ja im Grunde dasselbe ist, und durch uns politisiert worden sind.

Vor allem soll es allerhand Politiker geben, die Ihre Arbeit nicht sonderlich komisch finden.

Es gehört zum Berufsbild eines Politikers, auf verschiedene Art und Weise kritisiert zu werden, zum Beispiel von uns. Wir beleidigen niemanden, wir verbreiten keine Lügen. Wir kritisieren auch nicht die Personen selbst, sondern das Bild, das von Politikern gemacht wird – das sie selbst von sich machen, das Bürger von ihnen machen, das aber mit der Realität nicht viel zu tun hat. Und wir parodieren die billigen Tricks, die in der Politik gang und gäbe sind. Im Grunde sind wir wie Zauberer, die auf der Bühne die Tricks verraten. Damit macht man sich nicht gerade beliebt.

Setzen Sie sich – über die Wahlplakatanalyse hinaus – ernsthaft mit dem Wahlkampf und den Programmen Ihren politischen Kontrahenten auseinander?

Wir haben das probiert, aber festgestellt, dass sie nichts machen. Jens Böhrnsen ist offenbar immer weg, und Elisabeth Motschmann ist immer traurig, weil Jens Böhrnsen weg ist und nicht mit ihr spricht.

Wie viele Stimmen brauchen Sie, um einen Sitz in der Bremischen Bürgerschaft zu bekommen?

In Bremen brauchen wir die Stimmen von etwa 11.000 Menschen, in Bremerhaven von rund 2000.

Für Bremerhaven sehe ich schwarz – zumindest, wenn sich herumspricht, dass Sie Bremerhaven verkaufen wollen.

Wieso? Für die Bremerhavener würde sich nicht viel ändern. Mein Verkaufsangebot an Putin steht. Er könnte aus Bremerhaven eine Atomwaffen-Basis machen und viel günstiger Europa bedrohen. Und Bremen wäre einen Teil seiner Schulden los.

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