70 Jahre Grundgesetz „Wir waren doch alle mal jung“

Nachtwandererin Ulla Ulland aus Rablinghausen setzt sich seit 15 Jahren für Jugendliche in Huchting ein und ist zur Kaffeetafel des Bundespräsidenten in Berlin eingeladen.
25.04.2019, 14:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Kornelia Hattermann

Den erhobenen Zeigefinger hat sie von vornherein verboten, der hilft nicht, wenn man Vertrauen zu Jugendlichen aufbauen will. Aber genau das möchten Ulla Ulland und ihre Kolleginnen und Kollegen, wenn sie als Nachtwanderer in der Stadt unterwegs sind. Einfach da sein, als jemand, die zuhört und mit Rat und Tat zur Seite steht, wenn es gewünscht ist. „Wenn ich einem Jugendlichen am Wochenende geholfen habe, ist das für mich Glückseligkeit“, sagt die 70-Jährige aus Rablinghausen.

Ulla Ulland hat die Nachtwanderer in Huchting vor 15 Jahren mit aufgebaut und ist bis heute die treibende Kraft der Gruppe. Der 2. Vorsitzende, der frühere Bürgerschaftsabgeordnete Manfred Oppermann, hat sie als Bremerin für den Besuch beim Bundespräsidenten vorgeschlagen. „Ich war ganz von den Socken“, sagt Ulla Ulland über den Moment, als sie die Nachricht erhielt, dass sie als eine von fünf Bremerinnen und Bremern am 23. Mai an der Kaffeetafel zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes im Schloss Bellevue Platz nehmen darf. „Ich bin gleich los und habe einen Hosenanzug gekauft“, erzählt sie lachend. Sie freue sich sehr und sei gespannt auf die Diskussion, die es an den Kaffeetischen mit insgesamt 200 Gästen aus der ganzen Bundesrepublik geben solle.

„Noch nie angegriffen worden“

Dann kann sie von der Bedeutung ihres Engagements erzählen, von den Höhen und Tiefen und den positiven Erlebnissen mit jungen Leuten. „Ich bin in den ganzen 15 Jahren noch nie von Jugendlichen angegriffen worden.“ Einer in der Straßenbahn pöbelnden Gruppe, die von der Tanzschule gekommen sei, habe sie erzählt, dass sie auch Foxtrott und anderes tanzen könne. Und dann habe einer der Jugendlichen in der Straßenbahn mit ihr getanzt.

Ein prägendes Erlebnis für sie sei ein Projekt der Kriminalprävention gewesen, das die Huchtinger Nachtwanderer mitgestaltet haben. „Rassismus, was macht das mit mir? Wie gehe ich damit um?“, lautete die Fragestellung, zu der bis zu zwölf Jungen kamen. Sie habe vorher nicht gewusst, dass beispielsweise türkische Jugendliche solch einen Hass auf Juden hätten. Besuche in der Synagoge, in Bergen-Belsen und die Wahrnehmung der Stolpersteine in Bremen hätten die Sichtweise aller verändert. Das Ganze mündete in eine Bilderausstellung in Huchting, „das war so super“. Und auch, dass die Jugendlichen gesagt hätten „Ulla soll bleiben“, als die Väter der Jungen anfangs nicht wollten, dass sie von einer Frau angeleitet werden.

In der Awo-Einrichtung in der Amersfoorter Straße hat Ursula Ulland viele Jahre die gesamte Verwaltung gemanagt, und weil sie eine von drei Beschäftigten mit Namen Ursula war und die Abkürzung Ursel nicht mochte, ließ sie sich Ulla rufen – und so ist es bis heute. Als 2005 die Altersteilzeit für sie anstand, war eine Vertreterin der Bremer Straßenbahn AG (BSAG) an die Awo herangetreten, ob man nicht in Zusammenarbeit mit Beirat und Polizei etwas unternehmen wolle. Damals war es unruhig auf den Straßen, in Huchting brannten Carports, Wohnwagen und Mülltonnen. Zu einer großen Einwohnerversammlung seien 66 Interessierte gekommen, von denen einige auch mit Baseball-Schlägern losgewollt hätten. Das war natürlich nicht die Idee der Nachtwanderer. „Wir haben uns Regeln gegeben, Sponsoren gesucht, einheitliche Kleidung besorgt und Unternehmen angebettelt“, so Ulla Ulland über die Anfangszeit. Schulungen, Erste-Hilfe-Kurse und Deeskalationstraining folgten, und Probewanderungen in Zivil, um ein Gespür dafür zu bekommen, wie es ist, nachts auf der Straße unterwegs zu sein. 25 feste Läufer, wie die Vorsitzende sagt, waren sie damals, die freitags und sonnabends ab 20 Uhr unterwegs waren, manchmal waren sie erst morgens um 6 Uhr wieder zu Hause.

Die Jugendlichen hatten keinen Aufenthaltsraum oder -bereich, trieben sich auf der Straße herum und tranken viel Alkohol. „Viele haben zuerst über uns gelacht, aber dann gemerkt, dass wir sie nicht verbessern oder kritisieren wollen“, erzählt die Nachtwanderin. Im Laufe der Jahre habe man so Vertrauen gewonnen, habe helfen können und auch einige Projekte realisiert. Und schon oft habe man die Wanderzeiten geändert und auch Winterpausen eingelegt. Die derzeit 15 Aktiven begleiten die Jugendlichen auch in öffentlichen Verkehrsmitteln vom Hauptbahnhof nach Huchting, sind auf der Osterwiese und auf dem Freimarkt unterwegs, beim Osterfeuer in Stuhr. Einmal monatlich treffe man sich. „Ich schicke einen Jahreseinsatzplan herum, in den sich jeder einträgt“, erklärt die Vorsitzende. Die aktiven Wanderer sind zwischen 48 und 70 Jahre alt, die beiden Ältesten mit 80 und 81 Jahren machen Öffentlichkeitsarbeit beispielsweise auf der Hanselife oder den Festen am Sodenmattsee und am Roland-Center.

Die Huchtinger haben sich von Anfang an mit den Nachtwanderern aus Bremen-Nord vernetzt, später kamen Gruppen aus Osterholz, Bremen-West, Hemelingen und Stuhr dazu. „Es kamen viele Anfragen aus ganz Deutschland, in Baden-Württemberg gibt es ganz viele Nachtwanderer.“ Alle zwei Jahre komme man zu Bundestreffen zusammen.

Seit ein bis zwei Jahren sei es ruhiger geworden, seien kaum noch Jugendliche abends in Huchting auf den Straßen zu sehen. „Wir haben den Jugendbeirat gefragt, wo die Jugendlichen sind.“ Übers Handy verabredeten Jugendliche sich heute zu privaten Treffen, habe man erfahren. Aber immer noch fehle ein Platz, eine Ecke mit W-Lan in Huchting, wo sich die jungen Leute treffen könnten, oder auch Möglichkeiten zum Feiern hätten. Gemeinsam mit Beirat, Kops und dem Jugendfreizeitheim Huchting suche man nach Lösungen. „Wir waren doch alle mal jung“, begründet Ulla Ulland ihr Engagement für Jugendliche. „Unser größter Unterstützer ist die BSAG.“ Auch ihr Ehemann Piet, Gärtner von Beruf, mit dem sie im kommenden Jahr 50 Jahre verheiratet ist, hat sie unterstützt und „gebaut und gebastelt“ für die Nachtwanderer. Heute kümmert sich Ulla Ulland um ihren 68-jährigen Ehemann, der wegen einer chronischen Krankheit seit drei Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist. Die Eheleute wohnen seit 1983 in ihrem Elternhaus, von dem sie sich trotz der zwei Treppen noch nicht trennen mögen. Der große Garten ist eine Leidenschaft, beide lieben Blumen, aber „es ist schwer für mich, dass ich das alles nicht mehr so reißen kann“, sagt die 70-Jährige.

Hilfe bekommt Ulla Ulland von Sohn und Schwiegertochter, die in Borgfeld leben, und der zwölfjährigen Enkeltochter, „mein ganzer Stolz“. Seit das Mädchen zwei Jahre alt ist, fahren sie mit ihm in Urlaub. Ullands haben England und Schottland bereist, waren im früheren Jugoslawien, in der Türkei, in Afrika. Heute führen die Reisen sie an die Ostsee, wenn die Gesundheit ihres Mannes es zulässt.

Schier unerschöpflich scheint die Energie, mit der die Rablinghauserin ihre privaten und ehrenamtlichen Aufgaben meistert. Noch zwei Jahre mache sie das als Vorsitzende bei den Nachtwanderern, „dann ist Schluss“, habe sie angekündigt. „Aber davon rede ich auch schon viele Jahre.“

Info

Zur Sache

Kaffeetafel für die Bürger

In Kooperation mit dem WESER-KURIER wurden fünf in unterschiedlichen Bereichen engagierte Bremerinnen und Bremer ausgewählt, die am 23. Mai an der Kaffeetafel des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in Berlin Platz nehmen dürfen. Das Staatsoberhaupt will aus Anlass des 70. Geburtstags des Grundgesetzes im Schloss Bellevue mit insgesamt 200 Gästen aus ganz Deutschland diskutieren. Geplant ist ein moderierter Austausch an Tischen mit jeweils acht Gästen über die Werte und Regeln des Grundgesetzes und ihre gesellschaftliche Dimension.

Weitere Informationen

In der kommenden Woche stellen wir Dominik Meine aus Bremerhaven vor, der sich im Werkstattrat der Elbe-Weser-Werkstätten und sozial engagiert, und sich politisch für die Teilhabe von Behinderten einsetzt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+