Islam in Bremen (1)

"Wir werden schief angesehen"

Der Islam in Bremen hat viele Gesichter. Es gibt die Moscheen und Gebetsräume. Es gibt muslimische Vereine und Verbände. Und es gibt die Menschen, die den Glauben leben. Einige davon wollen wir in unserer Serie vorstellen. Heute ist es Mehmet Tuna, von Beruf Schlosser und Schweißer.
05.03.2015, 00:00
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Von Jürgen Hinrichs
"Wir werden schief angesehen"

Mehmet Tuna auf seiner Parzelle in Blumenthal. Der Türke könnte längst den deutschen Pass haben, will aber nicht: „Ich komme auch so durchs Leben.“

Christian Kosak

Der Islam in Bremen hat viele Gesichter. Es gibt die Moscheen und Gebetsräume. Es gibt muslimische Vereine und Verbände. Und es gibt die Menschen, die den Glauben leben. Einige davon wollen wir in unserer Serie vorstellen. Heute ist es Mehmet Tuna, von Beruf Schlosser und Schweißer.

Alles grau in grau an diesem späten Nachmittag. Die Tristesse eines Wintertages, der zu Ende geht, ohne richtig angefangen zu haben. Langsam schleicht sich auch noch das letzte Licht weg – los jetzt, sagt der Fotograf, sonst ist es zu spät, er will seinen Job erledigen.

Ein paar schnelle Schüsse auf der Parzelle, dann ist es gut, alles im Kasten: Mehmet Tuna, wie er sich mit dem Rechen am Laub zu schaffen macht. Endlich kann er das mal tun, und wenn es nur fürs Bild ist, für die Zeitung. „Ich wollte ja längst, hatte bisher aber keine Zeit.“ Der Parzellist im Pausenmodus. Erst im April soll es wieder richtig losgehen.

Tuna gehört zum Verein der „Glücklichen Gartenfreunde“ in Blumenthal. Er ist dort seit acht Jahren stellvertretender Vorsitzender, der gesamte Vorstand ist damals ausgetauscht worden, sie hatten keine andere Wahl, sagt der 47-Jährige. „Da ist einiges aus dem Ruder gelaufen, jeder hat gebaut, wie er wollte.“ Das ist vorbei. In dem Verein mit seinen 60 Parzellen, auf denen Türken, Kurden, Deutsche, Polen und Araber ihr Obst und Gemüse anbauen, herrschen nun klare Regeln. „Deutsche Ordnung und Disziplin“ – Tuna lacht, als er das sagt.

Seine Holzhütte, gelb gestrichen, hat er mit eigenen Händen aufgebaut. „Die sollte 12 000 Mark kosten, so viel Geld hatte ich nicht, also habe ich es selbst gemacht.“ Der Mann ist Handwerker, von Haus aus Betriebsschlosser und nach einer Fortbildung auf der Abendschule auch Schweißer, so einer kann das. Klar, sagt er, „wenn man sich nicht dumm anstellt.“

Der Kleingartenverein ist vor 25 Jahren von Arbeitern der Vulkan-Werft gegründet worden. Tunas Vater darunter, der auf dem Gelände zusammen mit seiner Frau heute noch eine Parzelle bewirtschaftet. Sie sind Nachbarn.

Zum Imam geschickt

Die Eltern gingen damals voraus, von Ankara in der Türkei nach Bremen in Deutschland. 1968 war das, als dringend Gastarbeiter gesucht wurden. Den Sohn ließen sie in der Heimat, bei der Oma, die sich um ihn kümmerte und ihn auch schon mal zum Imam in die Moschee schickte, einfach, weil es sich für einen Muslim so gehörte. 1980 kam er nach, da war der Junge 13 – ein schwieriges Alter, die neue Umgebung, doch den Schulabschluss schaffte er trotzdem.

Kurz war er selbst mal Vulkanese, wie sein Vater, seit 20 Jahren arbeitet Tuna aber nun schon bei einer Maschinenbaufirma in Oslebshausen, einem kleinen Betrieb, in dem Flexibilität gefragt ist. „Da machen alle alles.“ Die Auftraggeber sind Unternehmen wie Airbus und Daimler, die Großen in der Industrie und Garanten dafür, dass immer was zu tun ist.

Seine Familie kämpft. Zunächst waren es nur die Drillinge, jetzt ist es auch die Frau – Karate beim TuS International Bremen. Sie alle haben die deutsche Staatsbürgerschaft, nur er nicht, „ich bin der einzige Ausländer bei uns zu Hause“. Warum? „Türke ist Türke“, sagt Tuna, „ich komme auch so durchs Leben.“ In Ankara besitzt er eine Wohnung, sie ist der Anker in der alten Heimat. Und wer weiß?

Mit seinen Glaubensbrüdern trifft er sich regelmäßig in der Moschee. „Ich bin Muslim“, betont der 47-Jährige, „ich glaube an Gott.“ Wenn er es schafft, geht er zum Freitagsgebet. Und natürlich isst er kein Schweinefleisch und trinkt keinen Alkohol, befolgt also die einfachsten Regeln im Islam. Das ist es dann aber auch. „Ich will ein guter Muslim sein, und klar, es gibt andere, die beten fünfmal am Tag, die haben meinen Respekt, aber das sollte jeder für sich entscheiden.“ Tuna fällt dazu ein altes türkisches Sprichwort ein: Jedes Schaf wird an dem eigenen Bein aufgehängt.

Dass nun so viel von seiner Religion die Rede ist, weil sie, wie Tuna es sagt, missbraucht wird und für den Terror Einzelner herhalten muss – eine Zumutung, findet er. „Wir werden schief angesehen, es gibt keinen Respekt.“ Tuna fühlt sich beobachtet, das gefällt ihm nicht.

Mehr noch aber treibt ihn um, wie er Deutschland empfindet, das Leben hier. „Es ist so monoton, ohne viel Abwechslung.“ Vieles, das meiste, würde sich um die Arbeit drehen und den Tagesablauf prägen: „Aufstehen, arbeiten, Feierabend, fernsehen, schlafen.“ In der Türkei gebe es viel mehr Möglichkeiten, da fange das Leben am Nachmittag und Abend erst richtig an. Draußen sein, mit den anderen. Spaß haben in der Gemeinschaft.

Tunas Gedanken sind vielleicht so, weil Winter ist. Im Frühling, Sommer und Herbst hat er wieder seine Parzelle. Dann sitzen sie zusammen und trinken Tee. Türken, Kurden, Deutsche, Polen, Araber, die Alten und Jungen – glückliche Gartenfreunde.

Hier werden einige Begriffe der Religion erläutert.

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