Absage für angehende Referendare

„Wir wollen ja, aber Bremen will uns nicht“

Die Regelstudienzeit haben sie eingehalten und sogar schon unterrichtet: Gute Aussichten auf ein Referendariat für Henning Meer und Nils Poit. Doch es gibt zunächst keinen Platz für die beiden.
21.12.2017, 19:44
Lesedauer: 4 Min
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Von Frank Hethey
„Wir wollen ja, aber Bremen will uns nicht“

Henning Meer (links) und Nils Poit wollen in Bremen bleiben. Doch ihr Referendariat können die beiden nicht gleich antreten, obwohl Lehrer gesucht werden.

Christina Kuhaupt

Da hat Nils Poit nun Biologie und Deutsch an der Universität Bremen studiert. Zehn Semester saß er in Seminaren und Vorlesungen. Sein Lehramtsstudium schloss er in der Regelstudienzeit ab. Doch versteht der 23-Jährige die Welt nicht mehr. Denn wider Erwarten wird zunächst nichts aus seinem Traum vom Referendariat. Und das, obwohl er bereits während seines Studiums viel Erfahrung als Lehrer gesammelt hat. Erst im Praxissemester, dann parallel zur Uni als Angestellter der Stadtteil-Schule.

So ganz ohne ist Poits Einsatzort an der Oberschule an der Helgolander Straße in Walle nicht. „Mitunter geht es da hoch her“, sagt er über seine Erlebnisse als Biologie- und Deutschlehrer in einer sechsten, siebten und achten Klasse. „Unterricht macht man nebenbei auch. Man ist Lehrer, aber genauso Sozialarbeiter und Pädagoge.“ Desillusionierend findet der junge Mann aus Cuxhaven sein Lehrerdebüt in dem schwierigen Umfeld aber nicht. Anfangs habe er mit einem Gymnasium geliebäugelt, doch die Arbeit an der Oberschule in Walle liege ihm, das soziale Konfliktpotenzial schreckt ihn nicht ab.

Von der Schulleitung gab es volle Rückendeckung für seine Weiterbeschäftigung als Referendar. Auch die Lehrerkollegen unterstützten seine Bewerbung, man baute auf ihn als kompetente und schon eingearbeitete Kraft. Eigentlich eine sichere Sache, nichts schien seiner weiteren Ausbildung im Wege zu stehen.

Schock wegen der Absage

Nicht viel anders stellten sich die Dinge für Henning Meer dar. Wie Poit suchte er bereits während seines Studiums den Weg in die Schule. Mit seinen Fächern Deutsch und Geografie war er schon als Praktikant am Gymnasium Horn stark involviert in die Sprachförderung. Als Angestellter der Stadtteil-Schule – eines Vereins, dessen erklärtes Ziel die Förderung benachteiligter Kinder und Jugendlicher ist – hat Meer diesen Weg fortgesetzt. Heute unterrichtet der 24-Jährige aus dem Emsland eine elfte Klasse in Geografie und gibt Vorbereitungskurse in Deutsch für zugewanderte Kinder.

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Genauso wie Poit hatte Meer sich gute Chancen ausgerechnet, als Referendar an seiner Schule weiter unterrichten zu können. Von der Schulleitung habe es klare Signale gegeben, „dass ich gewollt bin“. Weil mehrere Kolleginnen im Mutterschutz sind und es ohnehin einen Mangel an Geografielehrern gibt, sah es gut aus. Und dann auch bei ihm der Schock, als die Absage eintrudelte.

Poit und Meer dachten, dass es mit dem Referendariat für sie als Angestellte der Stadtteil-Schule nahtlos weiter geht – gerade wegen der guten Noten, der Empfehlungen der Schulleitung und ihrer Erfahrung. Doch bei der Vergabe der Plätze durch das Landesinstitut für Schule (LIS) spiele auch ein Punktesystem eine Rolle. Ein hervorragender Notendurchschnitt reiche darum nicht aus, um sicher direkt in das Referendariat zu gehen. Das gehe nur über Zusatzpunkte. Wer eine bestimmte Anzahl von ihnen vorweisen kann, hat demnach ein Anrecht auf einen Platz. Punkte gibt es zum Beispiel für alle, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert haben. Jede Ablehnung auf eine Bewerbung bringt nochmals anderthalb Wartepunkte. Auch der Unterricht an den Schulen wird honoriert – allerdings erst ab dem Masterabschluss.

Auf das ausgeklügelte Punktesystem hat die angehenden Lehrer niemand hingewiesen. „Hätten wir das gewusst, hätten wir uns unsere Chancen viel besser ausrechnen können“, sagt Meer. Im Nachhinein ärgert sich Poit über die zügig durchgezogenen Semester in der Regelstudienzeit: „Man hätte es lockerer angehen können.“

Mangelfächer werden bevorzugt

Leichter ist die Situation dagegen für Absolventen etwa der Sonderpädagogik, Mathematik, Physik und Chemie in der Sekundarstufe I oder für angehende Kunst- und Sportlehrer in der Grundschule. Wer sich auf eines dieser sogenannten Mangelfächer bewirbt, bekommt laut Sprecherin der Bildungsbehörde eine Vorabzusage. Alle anderen Bewerbungen auf Fächer, in denen es derzeit ausreichend Lehrer gebe, werden in ein Ranking sortiert – je nach Note des Staatsexamens, der Vorleistungen oder Wartezeiten. Die Plätze in den Fächern werden dieser Rangordnung nach vergeben.

Poit und Meer vermuten, dass Bremen mit einem Rückstau an Bewerbungen zu kämpfen hat. Darum gebe es viele Absagen – trotz bester Zeugnisse und Erfahrung in der Schule. Denn: Länger als zwei Jahre solle keiner warten müssen, dann gebe es auf jeden Fall einen Platz. Vor dem Hintergrund, dass in Bremen Lehrer fehlen, Studierende parallel zur Uni an der Schule unterrichten, pensionierte Lehrer gefragt und auch Quereinsteiger im Einsatz sind, sind die Absagen für Bewerber schwer nachzuvollziehen. Unter den Studierenden werde von rund 400 Bewerbungen beim LIS gesprochen. Es seien aber nur 160 Plätze zu vergeben.

Diese Zahlen stimmen laut der Sprecherin des Bildungsressorts in etwa. „Dabei ist allerdings zu bedenken, dass sich die Studierenden durchaus auch in mehreren Bundesländern bewerben, um auf jeden Fall eine Zulassung zum Referendariat zu erhalten.“ Darum gebe es in der Zeit des Nachrückverfahrens eine höhere Fluktuation. Die Zahl der Referendare soll dabei um mehr als 50 Plätze aufgestockt werden. Im Jahr sollen dann 600 Referendare ausgebildet werden.

Frust sitzt tief

Poit und Meer haben dagegen nicht den Eindruck, dass die Bremer Behörden an einem Strang ziehen, um die Unterrichtsversorgung in den Griff zu bekommen. LIS und Bildungsressort stimmten sich nicht miteinander ab. „Es gibt keinen Masterplan, keine Koordinierung“, kritisiert Poit. „Das Vorgehen ist nicht richtig durchdacht.“ Meer findet die Situation absurd: Da sammelten Studierende praktische Erfahrungen in den Schulen und seien auch als Referendare dort gewünscht, hätten aber trotzdem keine Chance auf einen Platz an ihrer Wunschschule. „Man muss doch versuchen, die Leute zu binden, damit sie auch bleiben.“

Poit kann im Nachhinein nur den Kopf darüber schütteln, dass es auf seiner Entlassungsfeier zum Ersten Staatsexamen hieß, wie schön es wäre, wenn die angehenden Lehrer in Bremen blieben: „Das wollen wir ja. Aber man will uns nicht.“ Der Frust sitzt tief. Dennoch sind die beiden fest entschlossen, im März einen neuen Anlauf zu wagen.

Ob es klappt? Meers Geduld wäre allmählich erschöpft, sollte er erneut vertröstet werden: „Die Versuchung würde größer werden, woanders eine Stelle anzunehmen. Sonst hätte ich sieben Jahre nach Ausbildungsbeginn mein Referendariat noch immer nicht angefangen.“ Anders Poit, obwohl er sich pro forma auch in Bremens Nachbarland beworben hat. Doch der 23-Jährige will unbedingt in Bremen bleiben – selbst bei einer Zusage aus Niedersachsen. Er sehe es „nicht so richtig ein“, nun klein beizugeben. „Ich habe die vollen fünf Jahre hier studiert, das gesamte Studium ist ausgerichtet auf das Bremer Bildungssystem. Da möchte ich auch in Bremen meine Ausbildung abschließen.“

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