Geschäftsführerin Immobilien Bremen

"Wir würden gerne mehr machen"

Die Geschäftsführerin von Immobilien Bremen, Susanne Kirchmann, beziffert allein den Sanierungsstau für Gebäude der öffentlichen Verwaltung auf knapp eine Milliarde Euro.
15.04.2018, 18:11
Lesedauer: 5 Min
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Von Silke Hellwig
"Wir würden gerne mehr machen"

Susanne Kirchmann, Geschäftsführerin von Immobilien Bremen, hofft ab 2020 auf mehr Geld für Sanierungsarbeiten.

Frank Thomas Koch

Frau Kirchmann, viele deutsche Kommunen leider unter einem Sanierungsstau in der öffentlichen Infrastruktur, das gilt auch für Bremen. 2001 wurde er umgerechnet auf etwa 350 Millionen Euro beziffert. Wie sieht es heute aus?

Susanne Kirchmann: Nach unserer Einschätzung beläuft sich die Summe, die nötig wäre, um alle Sanierungsarbeiten am Verwaltungsgrundvermögen Bremens auszuführen, auf knapp eine Milliarde Euro.

Was gehört zum Verwaltungsgrundvermögen?

In erster Linie Schulen, Kitas, Feuerwachen, Polizeidienststellen sowie die Gebäude, in denen Verwaltung untergebracht und die im Besitz der Immobilien Bremen sind. Krankenhäuser und die Universität beispielsweise gehören nicht dazu.

Woraus ergibt sich die Summe, die Sie genannt haben?

Wir haben schon vor einiger Zeit begonnen, regelmäßig alle Gebäude genau unter die Lupe zu nehmen, um uns einen Überblick zu verschaffen. Ende des Jahres werden wir diese Untersuchung beendet haben, 75 Prozent sind bereits geschafft. Die Zahlen, die Sie eingangs genannt haben, bezogen sich allein auf sichtbare Mängel. Wir gehen inzwischen tiefer, wir schauen uns die Gebäude bei den Begehungen genauer an, auch das erklärt den gewachsenen Sanierungsstau.

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Dass im Haushaltsnotlageland Bremen bei Sanierungsarbeiten manches liegen bleibt, ist seit vielen Jahren bekannt. Dafür wurde einst eigens ein sogenannter Stadtreparaturfonds eingerichtet. Was ist daraus geworden?

Der Stadtreparaturfonds ist 2002 vom Gebäudesanierungsprogramm abgelöst worden. Im ersten und zweiten Jahr war es mit 50 Millionen Euro ausgestattet, dann entwickelte es sich rückläufig. Momentan stehen uns 25 Millionen Euro zur Verfügung. Jedes Gebäude hat einen gewissen Lebenszyklus. Dächer halten länger, Fenster und Türen kürzer. Das Gros unserer Immobilien stammt aus den 1960er- und 1970er-Jahren, das bedeutet, dass sie nach und nach generalüberholt werden müssen. Dafür reichen 25 Millionen Euro im Jahr nicht.

Wofür reichen sie denn?

Natürlich werden alle Arbeiten ausgeführt, die keinen Aufschub dulden, also alle akuten Mängel, die sicherheitsrelevant sind. Wir haben einen sogenannten Sanierungsfahrplan, der sich unter anderem danach richtet, ob die Ressorts ebenfalls Planungen vorantreiben, beispielsweise aus einer Schule eine Ganztagsschule werden soll. Andere Arbeiten müssen warten. Reine Schönheitsreparaturen sind ohnehin – wie im privaten Bereich auch – Aufgabe der Mieter, also der Nutzer der jeweiligen Gebäude.

Leiden Sie darunter, dass das Budget eher klein, aber die Ansprüche, die an Sie gestellt werden, groß sind?

Ja, das ist nicht immer einfach. Wir würden einerseits gerne mehr machen, andererseits werden wir für Dinge verantwortlich gemacht, die wir nicht zu verantworten haben. Denn anders als vielfach angenommen, agieren wir nicht wie eine Immobiliengesellschaft, die investieren will, um ihre Einnahmen zu steigern. Wir haben auch nicht mehr die Möglichkeit, Kredite aufzunehmen. Wir haben ein festes Budget, dass wir vom Haushaltsgesetzgeber zugeteilt bekommen, daraus versuchen wir das Beste zu machen.

Gelegentlich sorgt der Sanierungsstau für Schlagzeilen, beispielsweise wenn Turnhallen gesperrt werden müssen oder Schultoiletten in beklagenswertem Zustand sind. Diese Klagen sind doch berechtigt.

Gewiss, es gibt sicher hier und da noch Situationen, die nicht so sind, wie sie sein sollten. Das liegt auch daran, dass wir sehr gut überlegen müssen, was wir wann und in welchem Umfang angehen. Bei umfangreichen Sanierungsarbeiten gibt es einen langen Vorlauf, der gut und gerne mal anderthalb Jahre dauern kann. Derzeit gibt es außerdem bundesweit zu wenig Handwerker, dieser Fachkräftemangel macht vor uns auch nicht halt. Ich verstehe gut, dass Schüler, Lehrer und Sportler da mal die Geduld verlieren können. Allerdings muss man auch sagen, dass Bremen im Vergleich zu anderen Kommunen relativ gut dasteht. Ich komme viel herum, und in Nordrhein-Westfalen und in Berlin kann man Objekte in einem bedauernswerten Zustand sehen, wie es ihn in Bremen nicht gibt. Selbst in Hamburg sah es bis vor einigen Jahren nicht viel besser aus.

Wenn Bremen da mithalten will – können Sie ab dem Jahr 2020 auf mehr Geld hoffen, wie allerdings so viele andere?

Dazu gibt es schon Gespräche. Wir rechnen damit, dass unser Budget wieder und langfristig auf 50 Millionen Euro steigen wird.

Welche Gebäude bereiten Ihnen die größten Sorgen? Sind es die mit hohem Verschleiß, wie Schulen, wo Kinder vielleicht auch mal ihre Kräfte austesten?

Den größten Aufwand müssen wir für Gebäude betreiben, die aus Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre stammen. Dabei handelt es sich beispielsweise um die ersten Schulen mit Stahlbetonskelett, die als Typ in Bremen gleich mehrfach gebaut worden sind. Wenn wir da an einer Schule auf bestimmte Schäden stoßen, wissen wir, dass sie in der Regel auch an den anderen Gebäuden auftreten. Unter Sanierung ist auch mehr zu verstehen als die bloße Reparatur oder Instandsetzung, es geht auch um Brandschutzmaßnahmen, Barrierefreiheit und energetische Sanierung. Aus einer Kleinigkeit kann schon ein umfangreiches Projekt werden, und das lässt sich selten schnell umsetzen.

Was Schulen und Kitas betrifft, belastet Bremen momentan ein anderes Problem, das die Lage auf lange Sicht nicht gerade erleichtern wird: Viel Geld muss für neue Kitas und Schulklassen ausgegeben werden.

Stimmt, wobei wir hinsichtlich der dafür benötigten Mittel noch gar keine Übersicht haben. Hinzu werden die absehbaren Aufwendungen als Folge der Polizeistrukturreform kommen. Wo es möglich ist, verbinden wir natürlich Sanierungs- mit Umbau- oder Erweiterungsmaßnahmen. Aber grundsätzlich ist das richtig: Wenn das Immobilienvermögen steigt, steigen auch die Kosten für Instandhaltung und auf lange Sicht auch die für mögliche Sanierungsarbeiten.

Der Landesrechnungshof hat mehrfach darauf hingewiesen, dass die Sanierungskosten steigen, wenn man die Arbeiten sozusagen schleifen lässt. Auch 2001 wurde in Zusammenhang mit dem Stadtreparaturfonds festgehalten, dass "aufgrund der zeitverzögerten Bereitstellung (...) von Haushaltsmitteln die Sanierungskosten um rund 30 Prozent höher liegen als bei rechtzeitiger Bereitstellung". Können Sie das bestätigen?

Wir stellen fest, dass der Finanztopf für Bauunterhaltungsarbeiten zum Beheben akuter Mängel in den vergangenen drei Jahren gewachsen ist. Er ist von acht auf elf Millionen Euro gestiegen, es wird jedes Jahr ein bisschen mehr.

Es liegt in der der Natur der Sache, dass die Instandhaltung und Sanierung der öffentlichen Infrastruktur eine Daueraufgabe ist. Wie groß dürfte der Sanierungsstau sein, damit man ihn gut im Griff behalten kann?

Wenn wir ihn auf etwa 200 Millionen Euro beziffern könnten, würden wir sehr gut dastehen.

Erleben wir beiden das noch?

Vielleicht, aber wohl nicht als Berufstätige.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Susanne Kirchmann ist Architektin und seit 2016 Geschäftsführerin von Immobilien Bremen, einer Anstalt des öffentlichen Rechts, die für die meisten öffentlich genutzten Grundstücke und Gebäude Bremens zuständig ist.

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