Nehlsen verliert Ausschreibung

Wirbel um Bremer Biomüll

Der Branchenriese Remondis hat eine Ausschreibung für die Verwertung des Bremer Bio-Abfalls gewonnen. Ab Juli 2018 werden 25.000 Tonnen pro Jahr in eine Verstromungsanlage bei Osnabrück gebracht.
22.08.2017, 22:25
Lesedauer: 3 Min
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Wirbel um Bremer Biomüll
Von Jürgen Theiner
Wirbel um Bremer Biomüll

Ab Juli 2018 werden 25.000 Tonnen Bremer Biomüll pro Jahr in eine Verstromungsanlage bei Osnabrück gebracht.

dpa

Der Bremer Bioabfall wird ab Mitte 2018 nicht mehr auf der Blockland-Deponie verwertet, sondern rund 100 Kilometer ins Osnabrücker Land kutschiert, um dort in einer Anlage des Branchenriesen Remondis verstromt zu werden. Bisher war das Bremer Unternehmen Nehlsen Partner der Stadt bei der Entsorgung des Bioabfalls, doch Nehlsen hat die Neuausschreibung der Dienstleistung verloren.

Das grün geführte Umweltressort des Senats ist mit dem Ausgang des Verfahrens ebenfalls nicht glücklich, denn unter ökologischen Gesichtspunkten ist der bald einsetzende Mülltourismus die denkbar schlechteste Lösung. Die Umweltbehörde hatte die Verwertung des Bioabfalls vor einigen Monaten routinemäßig neu ausgeschrieben.

Unschlagbar günstiger Preis

Die Bewertung der eingegangenen Angebote erfolgte anhand eines Punktesystems, in dem vor allem der Preis und die Öko-Bilanz des Entsorgungsmodells eine wichtige Rolle spielten. Mit Letzterer war es bei der Remondis-Offerte aufgrund des Transportaufwandes nicht weit her, dafür punktete das bundesweit tätige Unternehmen mit Sitz in Lünen (NRW) offenbar mit einem unschlagbar günstigen Preis.

Den konnte Remondis dem Vernehmen nach aus zwei Gründen bieten: Zum einen erhöht die Fracht aus Bremen die Wirtschaftlichkeit einer bisher nur schwach ausgelasteten Bioabfall-Verwertungsanlage in der Ortschaft Bohmte. Zudem erhält Remondis für die Verstromung des Bioabfalls eine recht hohe Einspeisevergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz.

Auch das ermöglichte es Remondis offenbar, der Umweltbehörde ein konkurrenzlos günstiges Angebot vorzulegen, das die ökologischen Nachteile mehr als aufwog. Dass nun künftig 25.000 Tonnen Bremer Bioabfall pro Jahr auf Diesel-Lkw über die Autobahn 1 rollen, kann Umweltstaatsrat Ronny Meyer nicht gefallen.

Remondis braucht ein Zwischenlager

„Wir sind unglücklich über die ökologischen Auswirkungen, hätten aber nicht anders handeln dürfen“, sagt der Behördenvertreter. Bei öffentlichen Ausschreibungen weise das Vergaberecht dem Preis zwar nicht die einzige, aber eine sehr wichtige Rolle zu.

Ärger könnte der Umweltbehörde noch ins Haus stehen, weil Remondis für die geregelte Abfuhr des Bremer Biomüll-Aufkommens ein Zwischenlager braucht. Eine solche Anlage kann wegen emissionsrechtlicher Vorgaben nur in einem entsprechend qualifizierten Gewerbegebiet entstehen.

Nach Informationen des WESER-KURIER hat Remondis dafür bereits eine Fläche in Woltmershausen ausgeguckt, und zwar an der Barkhausenstraße. Die Ansiedlung einer solchen Anlage, von der Geruchsbelästigungen und Verkehrslärm ausgehen können, dürfte in der Umgebung kaum freudig aufgenommen werden.

Herber Rückschlag für Nehlsen

Woltmershausens Beiratssprecherin Edith Wangenheim (SPD) war das Projekt bisher nach eigenen Worten nicht bekannt. „Ich werde dafür sorgen, dass sich der Beirat damit befasst“, so ihre erste Reaktion. Für den Bremer Platzhirschen Nehlsen ist der Verlust des Biomüll-Entsorgungsauftrags ein herber Rückschlag.

Der Vorgang gewinnt an Brisanz, wenn man ihn vor dem Hintergrund des Umbruchs in der örtlichen Abfallwirtschaft sieht, Stichwort Rekommunalisierung. Zum 1. Juli 2018 werden Hausmüllabfuhr und Straßenreinigung auf eine neue Grundlage gestellt. Unter dem Dach einer Anstalt öffentlichen Rechts werden dann zwei Gesellschaften das operative Geschäft erledigen.

Jeweils 51 Prozent der Anteile gehen dabei an einen privaten Entsorger, den Minderheitsanteil hält die Stadt. Die Suche nach den privaten Partnern der Stadt in diesen Betreibergesellschaften läuft gerade, und sie befindet sich in der spannendsten Phase.

Noch ein paar Wochen Zeit

Vor den Sommerferien hatten mehrere Abfallunternehmen gegenüber der Umweltbehörde offiziell ihr Interesse an den 51-Prozent-Anteilen bekundet. Nehlsen, dessen Tochter ENO bisher den Hausmüll abfährt und die Straßen kehrt, ist mit Sicherheit dabei. Fachleute sehen auch Remondis in den Startlöchern.

Wie viele Bewerbungen insgesamt eingegangen sind, ist ein gut gehütetes Geheimnis der Umweltbehörde, die über die Ausschreibung wacht. Alle Bewerber haben nun noch ein paar Wochen Zeit, um der Behörde ein endgültiges schriftliches Angebot vorzulegen. Darin muss stehen, zu welchem Preis sie die Entsorgungsleistungen für die Stadt erbringen wollen.

Die Niederlage gegen Remondis beim Bioabfall dürfte den Druck auf Nehlsen enorm erhöht haben. Will das Bremer Unternehmen den Heimatmarkt nicht komplett verlieren, muss es unbedingt ein finanziell attraktives Angebot präsentieren. Brancheninsider glauben deshalb: Die Stadt könnte letztlich der Nutznießer der Nehlsen-Niederlage beim Biomüll sein.

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