Grüne tolerieren Heizpilze

Bremer Gastwirte heizen im Winter draußen

In Zeiten von Corona werden alte Prinzipien zumindest vorübergehend Makulatur: Die Grünen wollen hinnehmen, dass Bremer Gastwirte für ihre Außengastronomie klimaschädliche Heizpilze einsetzen.
22.08.2020, 05:00
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Bremer Gastwirte heizen im Winter draußen
Von Jürgen Hinrichs
Bremer Gastwirte heizen im Winter draußen

Damit Gäste auch in der dunklen Jahreszeit im Freien bedient werden können, fordert der Dehoga die bundesweite Zulassung von Heizpilzen.

Sebastian Kahnert /dpa

Die Gastronomen bibbern dem Herbst und Winter entgegen – keine Außenplätze mehr und noch weniger Umsatz als bisher schon in der Corona-Krise. Abhilfe schaffen soll ein Mittel, das eigentlich verpönt ist, weil es das Klima schädigt: Heizpilze, die in der Regel mit Gas betrieben werden und Kohlendioxid in die Luft pusten. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) hat gefordert, solche Geräte bundesweit zuzulassen, um Gäste in der dunklen Jahreszeit auch im Freien bedienen zu können. In Städten wie München, Berlin und Köln sind Heizpilze verboten oder nur eingeschränkt nutzbar. Bremen erlaubt sie, allerdings mit starkem Bauchgrimmen.

„Heizpilze sind klimapolitisch katastrophal, werden in Bremen zum Glück aber nicht allzu oft genutzt“, sagt Maike Schaefer (Grüne). Die Senatorin ist unter anderem für Klimaschutz zuständig. Ihr Ressort trägt diese Aufgabe im Namen, sogar an erster Stelle und noch vor Stadtentwicklung, Mobilität, Umwelt und Wohnungsbau. Trotzdem sind die Prioritäten jetzt andere: „In Zeiten von Corona, in denen die Menschen Abstand halten sollen, werden wir die Heizpilze nicht unmittelbar verbieten, denn es ist gut, wenn die Bremerinnen und Bremer noch lange draußen an der frischen Luft in Restaurants sitzen können“, so Schaefer.

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Dennoch werde sich ihre Behörde das Thema vor dem Hintergrund des voranschreitenden Klimawandels vornehmen und durch Ansprache der Gastrobetriebe dafür werben, auf Heizpilze zu verzichten. Anton Hofreiter, Fraktionschef der Grünen im Deutschen Bundestag, vertritt eine ähnliche Position: „Ich wäre in dieser speziellen Ausnahmesituation und mit Blick auf den Gesundheitsschutz dafür, Verbote zeitlich befristet auszusetzen.“

Bremer Gastronomen haben wiederholt darauf hingewiesen, wie wichtig es in den nächsten Monaten sein wird, weiterhin Außenplätze zur Verfügung zu haben. Roland Koch, der das Paulaner‘s mit großem Biergarten im Hastedter Wehrschloss betreibt, war in der Schönwetterperiode vergleichsweise guter Dinge: „Durch den Service draußen kommen wir zurecht und erreichen teilweise sogar das Vorjahresergebnis.“ Der Unternehmer beobachtet bei seinen Gästen, dass sie selbst dann die Innenräume meiden, wenn das Wetter nicht optimal ist. Koch besitzt in Bremen außerdem vier Lokale in der Überseestadt, deren Terrassen im Sommer bei gebotenem Abstand zwischen den Tischen regelmäßig ausverkauft sind.

Thema Corona Pandemie - Zwar unter besonderen Auflagen, aber Bremens Gastronomie öffnet  wieder. Gespräch mir Andreas Hoetzel, Mitbetreiber vom Engel WeinCafe -

Kein Freund von Heizpilzen, trotzdem überlegt er, sie anzuschaffen: Andreas Hoetzel, Mitbetreiber des Weincafés Engel im Viertel.

Foto: Frank Thomas Koch

Fragiler Gastronomiebetrieb

Wie fragil der Gastronomiebetrieb weiterhin ist, zeigt das Beispiel des Weincafés „Engel“ im Bremer Ostertor. Das Lokal ist geschlossen, weil es im Umfeld einen Corona-Fall gegeben hat. „Wir haben alle Mitarbeiter zum Test geschickt und warten jetzt die Ergebnisse ab“, sagt Betreiber Andreas Hoetzel. Erst bei absoluter Sicherheit, dass sich niemand von den Angestellten angesteckt hat, werde das Lokal wieder öffnen.

Im Herbst und Winter, in der Erkältungssaison, könne sich so eine Situation schnell wiederholen oder bei den Gästen ein Gefühl der Unsicherheit entstehen. „Wir werden deswegen versuchen, auch in dieser Zeit die Kapazitäten draußen einzubeziehen“, kündigt Hoetzel an. Er sei kein Fan von Heizpilzen, überlege aber, sie anzuschaffen. Denn eines sei klar: „Das Schwierigste liegt nicht hinter uns, sondern vor uns.“

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Die Heizstrahler gelten als Klimasünder. „Schon die Idee, die Straße zu beheizen, ist widersinnig“, heißt es in einem Hintergrundpapier des Umweltbundesamtes. Den gleichen Tenor hat eine Information der Bremer Umweltberatung: „Während wir uns mit großem Aufwand bemühen, beim Beheizen von Innenräumen Energie einzusparen, kann es nicht sein, Außenbereiche zu beheizen.“ Die Umweltberatung rechnet vor: „Mit der stündlichen Heizleistung eines gasbetriebenen Heizstrahlers könnte man eine gleich große Fläche in einem Niedrigenergiehaus etwa drei- bis zehnmal so lange beheizen.“

Plätze wegen Corona um mehr als die Hälfte reduziert

Für die Bremer Kneipe „Schwarzer Hermann“ am Eingang zur Parkallee in Schwachhausen sind die Heizpilze trotzdem eine Option, erklärt der Wirt. „Wir haben zwar noch keinen Plan, weil im Sommer so viel zu tun war, aber es wird wohl nicht ohne gehen“, sagt Johannes Ziegler. Nur mit den Plätzen in dem kleinen Lokal, die wegen Corona um mehr als die Hälfte reduziert werden mussten, könne der Betrieb nicht aufrechterhalten werden. Ziegler denkt auch über einen Glühweinstand nach, glaubt aber, dass seine Gäste sich davon allein nicht anlocken lassen.

Der 33-Jährige hat für seinen Betrieb staatliche Hilfen bekommen. Anderen Gastronomen wurde erlaubt, die Parkplätze vor ihrer Tür für die Gäste zu bestuhlen. Das „El Mariachi“ an der Schwachhauser Heerstraße wählt nach eigenen Angaben noch einen anderen Weg. Das Restaurant will auf seiner Terrasse ein beheiztes Zelt aufstellen lassen, wenn es nicht zu teuer ist. Andernfalls werde auch er Heizpilze anschaffen, denn ohne Außengastronomie gehe es zurzeit nicht, sagt der Wirt Ramin Amini.

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