Nach der Bürgerschaftswahl

Wirtschaft fordert flexiblere Kitas

Im Kampf um externe Fachkräfte sieht die Handelskammer Bremen Kinderbetreuung und Bildung als wichtigen Standortfaktor. Was Präses Janina Marahrens-Hashagen noch von Bremens künftiger Landesregierung fordert.
01.04.2019, 22:12
Lesedauer: 4 Min
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Wirtschaft fordert flexiblere Kitas
Von Peter Hanuschke

Die Präses der Handelskammer Bremen, Janina Marahrens-Hashagen, fordert in Zukunft für die Kitas in der Hansestadt flexiblere Aufnahmetermine und nicht nur den August als einzigen Monat. Das sagte Marahrens-Hashagen am Montag bei der Vorstellung der Aufgabenliste, die die Kammer der neuen Landesregierung für die Zeit nach der Bürgerschaftswahl mit auf den Weg gibt. „Nicht nur zum August, sondern zusätzlich noch zu anderen Terminen das Jahr durch, muss es möglich sein, dass Kinder einen Platz in der Kita bekommen“, unterstrich die Unternehmerin ihre Forderung.

Denn im Kampf um Fachkräfte werden nach Ansicht der Handelskammer die Themen Kinderbetreuung und schulische Bildung immer mehr zum Standortfaktor. Wenn das nicht gegeben sei, würden sich Fachkräfte aus anderen Städten gegen einen Job in Bremen entscheiden und andere Städte vorziehen. Laut der Präses ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie das große Thema für die kommenden vier Jahre Regierung: "Die Qualität der Betreuung von der Kindertagesstätte bis zur Berufsausbildung ist ein starker Standortfaktor, der Fachkräfte zum Zuzug oder Wegzug bewegen kann.“

"Es geht hier nicht um Kapitalismus"

Auch bei der schulischen Bildung und der beruflichen Bildung müsse die neue Regierung dringend nachlegen. Laut Marahrens-Hashagen sind größere Anstrengungen notwendig, um bessere Bildungserfolge zu erzielen und um im Wettbewerb um Fachkräfte zu bestehen. Das Land Bremen sei gefordert, die Schul- und Unterrichtsqualität zu erhöhen und die Zahl der Schulabbrecher signifikant zu reduzieren. Konkret forderte die Präses, das Schulfach Wirtschaft an möglichst allen Bremer Schulen einzuführen. Der Hauptgeschäftsführer der Handelskammer, Matthias Fonger, ergänzte: "Es geht hier nicht um Kapitalismus. Aber eine Lehrerausbildung im Fach Wirtschaft findet in Bremen derzeit nicht statt. Es gibt Überlegungen, das in Zukunft an das Fach Politik zu koppeln.“

Aber die Kammer favorisiert eben kein Mischfach, sondern ein eigenes Fach, indem es darum gehen soll, welche Auswirkungen das hat, wenn sich beispielsweise ein Zins verändert. Ebenfalls um dem Fachkräftemangel zu begegnen, ist der Präses der Zustand der Berufsschulen ein wichtiges Thema. Hier fordert sie dringend eine bessere Ausstattung: "Die soll so sein, dass sie für das digitale Zeitalter bereit ist. Die duale Ausbildung ist das Rückgrat unserer Wirtschaft."

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Grundlage für die Wünsche an die nächste Landesregierung seien die Aussagen von 800 Unternehmen aus Bremen und Bremerhaven, die an einer Umfrage teilgenommen hatten. So spricht sich die Kammer auch dafür aus, dass bei einer künftigen Landesregierung die Ressorts Wirtschaft, Bau und Verkehr unter dem Dach eines Senators verortet und nicht wie momentan auf zwei Senatoren verteilt sind. Dabei sei auch zu prüfen, wie man diese Ressorts effektiver macht.

Dadurch, dass das Amt für Straßen und Verkehr derzeit ohne Leitung ist, gebe es hier die Chance, das anders aufzuteilen. Gleichzeitig gelte es, die Verteilung der Baustellen in Bremen besser zu koordinieren, angesichts der Zustände im vergangenen Jahr. „Das Gespräch dazu mit der Behörde hat in diesem Jahr sehr früh stattgefunden“, sagte Fonger. Das lasse hoffen. Dabei forderte der Hauptgeschäftsführer, dass Fahrradwege in der Stadt ergänzend zu bestehenden Wegen entstehen und nicht zu Lasten anderer Verkehrsteilnehmer.

Stärkere Zusammenarbeit mit Bremerhaven erwünscht

Grundsätzlich mahnt das Papier der Handelskammer auch das Selbstverständnis der öffentlichen Verwaltung an: „Eine moderne Verwaltung muss sich als Dienstleister für Bürgerinnen und Bürger sowie für Unternehmen verstehen.“ Aktuell bleiben laut Marahrens-Hashagen zu oft Effizienz und schnelle Umsetzung zu Lasten des Standorts auf der Strecke.

In einem weiteren Punkt erinnert Kammer-Hauptgeschäftsführer Fonger an die Gewerbesteuer und die Zusagen, die der Senat 2017 gemacht hatte: „Vom Senat erwarten wir, die seinerzeit beschlossene Erhöhung der Gewerbesteuer nach der abgelaufenen Frist von zwei Jahren zurückzunehmen und den Hebesatz wieder auf das vorherige Niveau zu senken.“ Auch in Bremerhaven sollte die Absenkung des Niveaus geprüft werden.

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Bei den Gewerbeflächen wünscht sich die Kammer zwischen der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) und Bremerhaven eine stärkere Zusammenarbeit: „Wenn jemand in Bremen nach einer Fläche fragt, und die ist nicht verfügbar, sollte die WFB den Interessenten an Bremerhaven verweisen“, so Fonger. Dies könne auf alle Fälle verbessert werden, so dass der Kontakt zwischen den beiden Wirtschaftsförderungen intensiver werde. Für die Wirtschaft und nicht für das Wohnen solle auch weiterhin der Neustädter Hafen als Umschlagszone für Schwerlastgüter erhalten bleiben. Und die Kammer hält auch weiter an den Plänen eines Offshore-Terminals Bremerhaven fest.

Aufenthaltsqualität soll verbessert werden

Insgesamt müsse Bremen seine Außenwahrnehmung verbessern, was eben auch die Aufgabe des Standortmarketings sei. Es gehe genauso darum, die Aufenthaltsqualität in den öffentlichen Räumen in Bremen und Bremerhaven zu verbessern. Was Besuchern noch negativ auffalle, sei die offensive fast schon gewerbsartige Bettelei, wie Fonger sagt. So sei er auf dem Fußweg vom Marktplatz zum Hauptbahnhof mehr als zehn Male aggressiv angebettelt worden. Dabei stellte er aber auch fest: „Die Situation rund um den Hauptbahnhof hat sich verbessert. Dennoch muss man aggressives Betteln eindämmen.“

Bei ihrem Forderungspapier hat die Handelskammer außerdem wieder eine Besonderheit der Bremischen Verfassung mit auf die Liste gepackt: Der Bürgermeister von Deutschlands kleinstem Bundesland soll in Zukunft auch Richtlinienkompetenz haben. Er soll die Grundsätze der Politik bestimmen, nach der sich alle Senatoren zu halten haben. Bisher hat Bremens Bürgermeister diese Kompetenz nicht. Die Handelskammer-Präses ­Janina Marahrens-Hashagen sagte dazu: „Auch wenn in Unternehmen immer mehr auf Teamarbeit gesetzt wird, gibt es am Ende einen Chef, der die Entscheidung trägt.“ So will es die Präses in Zukunft auch innerhalb des Senats.

Wer auch immer Bremen nach der Bürgerschaftswahl am 26. Mai regieren wird, er wird laut Fonger Entscheidungen mit großer Tragweite treffen: „Was in den kommenden vier Jahren in Bremen beschlossen wird, wird Auswirkungen auf die kommenden zehn Jahre haben.“

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