Mit Flug FR6662 ist Basis Geschichte

Abschied der Bremer Ryanair-Crew unter Tränen

Mit dem Ryanair-Flug 6662 am Sonntagabend aus Fuerteventura ist das Ende der Bremer Ryanair-Basis besiegelt. Die Crew wurde von Kollegen in Empfang genommen – mit einer Kampfesbotschaft ans Management.
05.11.2018, 06:24
Lesedauer: 5 Min
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Von Florian Schwiegershausen

"BRE is with U" – "Bremen ist mit Euch". Ein Transparent mit diesem Satz haben die Ryanair-Mitarbeiter an diesem Sonntagabend auf der Besucherterrasse des Bremer Airports aufgehängt. Wenn zum letzten Mal eine Ryanair-Maschine mit einer Bremer Crew an Bord auf dem Neuenlander Feld aufsetzt, wollen sie mit dabei sein. Unterstützt werden sie dabei von Mitgliedern der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, so dass insgesamt gut 80 Personen auf der Besucherterrasse und am Terminal auf die Kollegen warten. Auch der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Dieter Reinken ist unter ihnen.

"Wir werden weiterkämpfen"

Eine Mitarbeiterin nutzt die Gelegenheit, um auf Englisch nochmals dem Ryanair-Management und vor allem dem Chef Michael O' Leary zu sagen, dass man so nicht mit den Mitarbeitern umspringt. Und sie schließt ihre Rede mit den Worten: "We will keep fighting." – "Wir werden weiterkämpfen". Kämpfen für einen Tarifvertrag für die Ryanair-Mitarbeiter in Deutschland.

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Die Mitarbeiterin ist aus Portugal und 33 Jahre alt. Sie hat in Coimbra, Portugals ältester Uni, Journalismus studiert. Doch weil in ihrem Land die wirtschaftliche Situation damals so schlecht war, bewarb sie sich bei Ryanair als Flugbegleiterin. Ihr erster Einsatzort im Jahre 2011 war Bremen. Seitdem lebt sie in der Hansestadt, und hier will sie auch nicht mehr weg. Ihr gefällt die Stadt, sie hat hier Freunde und ist hier heimisch geworden. Ryanair hätte sie als nächstes nach Köln geschickt. Doch sie hat lieber gekündigt, weil sie in Bremen bleiben will. Sie wird sich nun umschauen, was sie in Zukunft hier in der Hansestadt arbeiten will.

Fahrt zum neuen Standort Berlin aus eigener Tasche zahlen

Ein anderer ebenso junger Flugbegleiter ist gerade mal für sechs Wochen von Bremen aus für Ryanair im Einsatz. Er ist aus Madrid, und an seinem ersten Tag, an dem er von der Hansestadt aus angefangen hatte, kam die Mitteilung, dass Ryanair die Basis schließen will. Die Wohnung, die er hatte, richtete er daraufhin gar nicht mehr groß ein. Sein Hausstand besteht nun aus vier Koffern, in denen er vor allem Klamotten hat. Er wird nun nach Berlin wechseln, wie es Ryanair ihm befohlen hat. Am 11. November fängt er dort an. Die Fahrt von Bremen nach Berlin muss er übrigens selbst bezahlen. Dafür kommt Ryanair nicht auf. Auch er wäre gern in Bremen geblieben. "In Berlin werden die Wohnungen teurer sein als in Bremen." In Bremen für eine andere Fluggesellschaft als Flugbegleiter arbeiten, gehe für ihn auch nicht: "Dafür spreche ich nicht gut genug Deutsch. Bei Ryanair an Bord ist die offizielle Sprache Englisch." Das spricht er hervorragend. Und auch einige andere seiner Kolleginnen und Kollegen meinen, dass sie nicht gut genug Deutsch sprechen.

Vergeltung des Ryanair-Managements wegen des Streiks

Am Himmel ist schließlich von der Besucherterrasse aus ein heller Punkt in der Dunkelheit zu sehen. Das ist Ryanair-Flug 6662 aus Fuerteventura. An Bord selbst hat die Crew die Passagiere, die aus ihrem Kanaren-Urlaub zurückkommen, mit einem zweiseitigen ebenso emotionalen offenen Brief auf die aktuelle Situation hingewiesen. Erst vergangene Woche haben die Mitarbeiter erfahren, an welchen Standort sie wechseln sollen. Es heißt im Brief: "Wir stellten ohne große Überraschung fest, dass wir ohne Logik und ohne Sympathie in alle Windrichtungen Europas verstreut werden sollen." Ans Ryanair-Management gerichtet heißt es weiter: "Das ist euer Plan, um euch eures lästigen, starken und zusammenhaltenden Personals zu entledigen." Unmittelbar nach den Streiks für einen Tarifvertrag kam vor fünf Wochen die Mitteilung vom Ryanair-Management, dass die Bremer Basis mit ihren zwei stationierten Maschinen geschlossen werden soll. Laut Gewerkschaft Verdi war das eine Vergeltungsaktion dafür, dass die Mitarbeiter in Bremen von ihrem Grundrecht auf Streik Gebrauch gemacht hatten. So sehen es auch die Mitarbeiter.

Tränen bei der letzten Durchsage, tosender Applaus der Passagiere

An Bord sagt eine Flugbegleiterin: „Ich war beim ersten Ryanair-Flug von Bremen aus vor elfeinhalb Jahren dabei. Jetzt auf dem letzten, das ist ein komisches Gefühl." Von Huchting aus schwebt Ryanair-Flug 6662 mit elf Minuten Verspätung zum Endanflug auf Landebahn 27 ein. Der Wind kommt nur schwach aus östlichen Richtungen. Der Pilot legt eine Bilderbuch-Landung hin auf dem Hans-Koschnick-Flughafen. Dann kommt die letzte Durchsage der Crew. Danach gibt es Tränen. Die Passagiere applaudieren laut. In ihrem Brief haben die Ryanair-Mitarbeiter geschrieben, wie viele von ihnen in Bremen inzwischen Wurzeln geschlagen haben und die Hansestadt auch als ihre Heimat liebgewonnen haben. Weil so einige der insgesamt 90 Mitarbeiter an der Bremer Basis hier familiär verbunden sind, werden sie hier bleiben. Ein Wechsel beispielsweise nach Frankfurt kommt für sie nicht infrage.

Als die Maschine am Rollfeld die Besucherterrasse passiert, applaudieren dort oben ihre Kollegen und die Gewerkschaftsmitglieder laut. Mehrere Kamerateams filmen diesen emotionalen Moment. Kurz bevor die Maschine vor dem Terminal 2 hält, verlässt die ganze Gruppe die Besucherterrasse und macht sich auf dem Weg zum Ausgang beim Terminal für die Mitarbeiter. Dort hat die Gewerkschaft Verdi einen roten Teppich ausgerollt, um die Bremer Crew nach ihrer letzten Landung in Empfang zu nehmen.

Spalier am roten Teppich für die Crew-Kollegen

Bis die kommen, dauert es. Erst verlassen die Passiere das Terminal. Kaum einer von ihnen möchte am Mikrofon etwas sagen. Gegen 22.45 Uhr kommt dann endlich die Crew. Mitarbeiter und Gewerkschafter stehen an der Seite und halten Spalier mit Transparenten. Auf dem einen steht auf Englisch und hier ins Deutsche übersetzt: "Solidarität mit der Bremer Basis – vereint stehen wir zusammen, zusammen kämpfen wir. Auf dem anderen steht: "Rechte für Ryanair".

"Das sind Kriminelle – schreiben Sie das!"

Nachdem die Crew den roten Teppich unter Applaus abgeschritten hat, kullern auch der portugiesischen Ryanair-Mitarbeiterin dicke Tränen herunter, während sie dabei ihre Kollegin in den Arm nimmt. Auch die kann nicht anders, so dass auch sie in Tränen ausbricht. Der Pilot der Crew, der gebürtig aus den Niederlanden ist, sagt: "Da bei Ryanair, das sind alles Kriminelle – schreiben Sie das!" Er selbst als Pilot wechselt nun nach Frankfurt und sagt dabei: "Uns Piloten geht es dabei noch einigermaßen gut. Aber schauen Sie doch die Crews. Das ist eine Schweinerei."

Wie eine große Familie

Eine der Flugbegleiterinnen sagt: "Wir kennen uns alle seit Jahren untereinander. Bei insgesamt 90 Mitarbeitern ist das so." Es ist eben die Bremer Ryanair-Familie - an so großen Ryanair-Basen wie London-Stansted sei das anders. Diesen Moment an diesem Abend wollen die Mitarbeiter nochmals nutzen, um miteinander zu reden. Und diesen Moment ziehen sie etwas in die Länge. Würde nicht irgendwann die Straßenbahn fahren, würden sie dort womöglich immer noch stehen, weil sie irgendwie nicht auseinander gehen wollen.

Verdi verhandelt weiter über Sozialplan für Mitarbeiter

Egal, ob jemand gekündigt hat oder an einen anderen Standort wechselt, gehen von der Gewerkschaft Verdi aus die Verhandlungen mit der Fluggesellschaft Ryanair weiter. Mira Neumayer ist in diesem Konflikt für Verdi die Verhandlungsführerin. Sie ist an diesem Abend ebenso wie der Verdi-Regionalgeschäftsführer Markus Westermann auch dabei und hat in den vergangenen zwei Tagen kaum geschlafen. Was den Sozialplan angeht, will Ryanair ja verhandeln. Was dabei am Ende rausspringt, ob vielleicht Abfindungen oder was auch immer, kann Neumayer noch nicht sagen. Es klingt zumindest so, als ob ein Sozialplan fast mehr Chancen hat als ein Tarifvertrag.

Nun im Einzelhandel statt bei Ryanair

Wem sich von Ryanair verabschiedet hat jedoch nicht von ihren langjährigen Kollegen, ist eine Französin aus Avignon. Sie hat bei Ryanair gekündigt und hat bereits einen anderen Job gefunden. Sie will nach all den Jahren in Bremen bleiben und hat bereits einen Job in einem Geschäft in der Neustadt. Die Ryanair-Uniform, die sie aus eigener Tasche zahlen musste, hängt sie damit an den Nagel. Kontakt wollen sie und ihre Kollegen auf alle Fälle halten. Dank Whatsapp geht das heutzutage leicht. Und auch wenn etliche Kollegen nun die Stadt verlassen werden – die Stadt Bremen wird in ihrem Herzen einen Platz behalten. Ihnen allen für die Zukunft "happy landings", wo auch immer es sie hinführen wird.

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