Expeditionsschiff „MS Bremen“

Abschied im ewigen Eis

So mancher Stammgast bedauert, dass Hapag-Lloyd Cruises ihr Expeditionsschiff „MS Bremen“ im April 2021 nach fast 30 Jahren ausflaggen und an eine Schweizer Reederei verkaufen wird.
02.08.2019, 05:01
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Abschied im ewigen Eis
Von Florian Schwiegershausen
Abschied im ewigen Eis

Viele Stammgäste der "MS Bremen" werden sich an Anblicke wie diesen erinnern, wenn sie auf Zodiac-Schlauchbooten waren und das Expeditionsschiff von weitem gesehen haben. Im April wird Hapag-Lloyd Cruises die "Bremen" ausflaggen und an die Schweizer Scylla AG übergeben. Damit wird der Schiffsname verschwinden.

HL Cruises

Wie oft die „MS Bremen“ in all den Jahren auf allen Weltmeeren unterwegs war und dabei die Antarktis angesteuert hat, lässt sich nicht sagen. Sicher ist, dass im April 2021 damit definitiv Schluss sein wird. Dann wird Hapag-Lloyd Cruises das Schiff an die Schweizer Scylla AG verkaufen. Die lässt es weiterfahren, aber nicht mehr unter dem Namen Bremen. Außerdem wird das Schiff auch nicht mehr in Deutschland vermarktet.

Ingrid und Günter Kratsch aus Bremen-Grolland bedauern das sehr: Sie waren etliche Male mit der „Bremen“ unterwegs. Ihre allererste Reise 1999, damals kurz vor dem Millennium, führte sie in die Antarktis. Mit dem Schiff, das gerade mal 111 Meter lang und 17 Meter breit ist, fuhren sie ebenso über den Amazonas und einmal auch von Großbritannien direkt ins Trockendock von Blohm+Voss in Hamburg. Darin zeigt sich vielleicht auch der Unterschied der „MS Bremen“ als kleines, aber feines Expeditionsschiff, auf das nicht mehr als 155 Passagiere passen, verglichen mit den heutigen Kreuzfahrtriesen, auf denen Platz für mehr als 5000 Passagiere ist.

„Durch die überschaubare Zahl an Passagieren ist es immer sehr familiär an Bord der „MS Bremen““, sagt Ingrid Kratsch. Da komme man prima ins Gespräch mit anderen, und es sei nicht so anonym. Da es ein eingefleischtes Stammpublikum gebe, hätten sie über die Zeit auch andere Passagiere kennengelernt, woraus sich auch manche Freundschaft entwickelt habe. Günter Kratsch sagt: „Über die Jahre kannten wir auch die Crew, freuten uns, sie wieder zu sehen, und zu sehen, wie einige an Bord auch Karriere machten."

Gefahren wurden sie auf ihrer ersten Fahrt vom inzwischen verstorbene Kapitän Heinz Aye, der sich als „Eiskapitän“ einen Namen machte, und sich bestens in der Antarktis und der Arktis auskannte. Denn die „MS Bremen“ hat die höchste Eisklasse und kann bei nur 4,80 Meter Tiefgang Ziele ansteuern, wo andere Schiffe längst passen müssen. An Bord gilt immer das Prinzip der „offenen Brücke“: Das bedeutet, dass jeder Passagier, wann er wollte, auf der Brücke vorbeischauen konnte, um dem Kapitän Fragen zu stellen. Das heißt aber auch, dass die Kapitäne auf solchen Schiffen eher kommunikativere Mensch sein sollten. Bei Heinz Aye konnte es schon mal passieren, dass Einheimische von der einen zur nächsten Insel mitgenommen wurden. Als Gegenleistung mussten sie den Passagieren einen Vortrag halten, sagt Günter Kratsch.

Die Gebote und Verbote vor Ort

So sind auch immer Dozenten an Bord des Schiffs, die die Passagiere mit der Geschichte und den Geboten und Verboten vor Ort vertraut machen – beispielsweise genug Abstand zu den Tieren an Land halten. Günter Kratsch hat sich immer daran gehalten. Allerdings seien einige Pinguine so neugierig, dass der gebotene Abstand nicht möglich gewesen sei.

Kratsch hat sich von der „MS Bremen“ sogar ein Modell bauen lassen. Auch wenn er bei der entscheidenden Reise nicht mit dabei war, erinnert er sich gern an die Geschichte, die dazu geführt hat, dass eine Insel in der Antarktis „Bremen“ heißt. Die wurde nämlich während einer Antarktis-Reise der „MS Bremen“ im Februar 2003 entdeckt. Wie es üblich ist, gingen Passagiere und Besatzung damals auf eines der zwölf Zodiac-Schlauchboote, um an Land zu gehen oder sich die Natur aus der Nähe anzuschauen. Von einem der Boote sahen sie plötzlich eine Insel, die etwa einen Quadratkilometer groß ist und bisher nicht auf der Seekarte eingezeichnet war. Schließlich erhielt die Insel den Namen „Bremen“, die schmale Durchfahrt zur Nachbarinsel heißt seitdem „Bremenkanal“. Henning Scherf soll damals als Bürgermeister den Segen für die Benennung gegeben haben.

Ingrid und Günter Kratsch erinnern sich gern an Flora und Fauna auf ihren Reisen, aber auch an gemeinsame Feiern auf der „MS Bremen“ – einmal gab es sogar Freimarkt an Bord: „Dafür wurde an Deck eine Wurfbude aufgebaut“. Das Ehepaar wünscht sich nun: „Wie schön wäre es doch, wenn eine der letzten Fahrten der „MS Bremen“, vielleicht sogar die letzte Fahrt auch nach Bremen gehen würde. Hier wurde das Schiff ja schließlich auch getauft.“ Doch da muss die Sprecherin von Hapag-Lloyd Cruises die Stammgäste enttäuschen: „Die letzte Fahrt der „MS Bremen“ wird von Porto nach Hamburg gehen. Weil es sich herumgesprochen hat, dass das die letzte Reise sein wird, ist sie auch schon ausgebucht.“

Als Nachfolge-Expeditionsschiff für die Bremen wird Hapag-Lloyd Cruises ab Mai 2021 die „Hanseatic Spirit“ in Dienst stellen, wo Platz für nicht mehr als 230 Passagiere sein wird. Bei Fahrten in die Arktis und die Antarktis sollen aber nicht mehr als 199 Gäste an Bord sein, um die gesetzlichen Auflagen zu erfüllen, heißt es von der Reederei. Denn in der Antarktis dürfen bei einem Landgang nie mehr als 100 Personen zur gleichen Zeit an Land gehen. Außerdem werde das Nachfolgeschiff die modernsten Umweltanforderungen erfüllen. „Dazu gehört auch, dass es an den Häfen, wo es möglich ist, mit Landstrom betrieben werden kann“, sagt die Sprecherin.

Mehr Platz und mehr Komfort auf der Spirit

Insgesamt werden es mehr Platz und mehr Komfort geben, die Bibliothek werde auch mehr digitale Angebote haben. Alles, was schon auf der „MS Bremen“ galt, soll künftig auch auf der Spirit gelten – so auch die persönliche Atmosphäre und offene Brücke. Die „Spirit“ ist baugleich mit der „Hanseatic Nature“, die seit Mai im Dienst ist, im Herbst soll die „Hanseatic Inspiration“ folgen. Die Schiffe sind fast 139 Meter lang, 22 Meter breit und haben einen Tiefgang von 5,7 Metern. Mit 120 Kabinen an Bord haben sie 38 mehr als die „MS Bremen“.

Die Reederei hofft, dass sich die „MS Bremen“-Stammgäste auch mit dem Nachfolger anfreunden können, wobei das Unternehmen für die Fangemeinde vollstes Verständnis habe: „Auch wir hängen an der „Bremen“ und all ihren Geschichten.“ Die Crew der „MS Bremen“ soll in Zukunft dann auf dem Nachfolgeschiff arbeiten. Irgendeine Erinnerung werde Hapag-Lloyd auch wohl mit von Bord der „MS Bremen“ nehmen. Was genau, steht noch nicht fest. Aber vielleicht wird es ja die Bremer Speckflagge sein, die auf allen Touren immer mitgefahren ist. Und bei Familie Kratsch wird das Modell der MS Bremen weiterhin seinen Ehrenplatz behalten.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+