Missionen zum Mond

Großauftrag für Bremer Airbus-Standort

Airbus erhält einen Esa-Auftrag für drei weitere Servicemodule für das Orion-Raumschiff der Nasa. Gebaut werden die drei Antriebsmodule mit einem Auftragswert von mehr als 600 Millionen Euro in Bremen.
02.02.2021, 11:42
Lesedauer: 4 Min
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Großauftrag für Bremer Airbus-Standort
Von Peter Hanuschke
Großauftrag für Bremer Airbus-Standort

Das Antriebsmodul für das US-amerikanische Raumschiff Orion wird bei Airbus Defence and Space in Bremen gefertigt. Zum bestehenden Auftrag – eines von drei Modulen ist bereits fertig – sind drei weitere Einheiten mit einem Auftragsvolumen von über 600 Millionen Euro dazu gekommen.

Airbus

Wenn in den nächsten Jahren die Artemis-Missionen der US-Weltraumbehörde Nasa zur Umlaufbahn des Mondes und auch auf den Erdtrabanten starten, dann ist daran maßgeblich Technik Made in Bremen beteiligt: Bei Airbus Defence and Space (DS) werden die Europäischen Service-Module (ESM) für Orion, dem US-amerikanischem bemannten Raumfahrzeug, entwickelt und gefertigt. Bislang sind es drei.

Nun ist klar: Es werden weitere drei Antriebsmodule folgen: Die Europäische Weltraumorganisation Esa hat dafür mit Airbus DS an diesem Dienstag den Vertrag unterzeichnet. Der Auftrag hat ein Volumen von mehr als 600 Millionen Euro. Die Vertragsverkündung erfolgte in einer Online-Veranstaltung vom Bremer Airbus-Standort aus.

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Das ESM gilt mit seinem Antriebssystem als Herzstück des Orion-Raumschiffes. Es bringt die Astronauten zum Mond und ist bei den Artemis-Missionen der US-Weltraumbehörde Nasa auch für den Transport von Verbrauchsmaterialien vorgesehen, die das Überleben der Astronauten ermöglichen. Mit der Fertigung des ESM hatte die Nasa zum ersten Mal nicht ein US-Unternehmen mit der Entwicklung eines systemrelevanten Moduls beauftragt. Der Erstauftrag erfolgte 2014.

„Europa ist in ein neues Jahrzehnt der Erforschung eingetreten", sagte Andreas Hammer, Leiter von Space Exploration bei Airbus. "Der Bau von sechs europäischen Orion-Service-Modulen ist ein Projekt wie kein anderes." Diese neue Vereinbarung werde viele künftige Mondmissionen durch internationale Partnerschaften erleichtern. In Bremen laufen dabei die Fäden für das Modul zusammen. Je nach Entwicklungs- und Bauphase sind laut Airbus mindestens 200 Mitarbeiter am Standort mit dem Programm beschäftigt. ESM sei insgesamt aber ein europäisches Projekt, so Esa-Generaldirektor Jan Wörner. Die Komponenten kämen aus zehn europäischen Ländern von kleinen und großen ­Herstellern. Insgesamt würden dadurch über 2000 Menschen an diesem Projekt arbeiten.

Europa verdoppelt Engagement für Lieferung der Hardware

Eines der Servicemodule aus dem ersten Auftrag ist bereits fertig und am Startplatz in Cape Canaveral in Florida, wo es im Dezember mit der Orion-Raumkapsel verbunden wurde und die Systeme getestet werden. Die zwei anderen Einheiten sind noch im Reinraum am Bremer Airbus-Standort.

Mit dem neuen Vertrag verdopple Europa sein Engagement für die Lieferung der lebenswichtigen Hardware, um Menschen mit der Orion zum Mond zu schicken, so David Parker, Esa-Direktor für astronautische und robotische Weltraumerkundung. „Zusammen mit den Elementen, die wir für das ­Lunar Gateway bauen, garantieren wir Flüge für Esa-Astronauten zur Erforschung unseres Sonnensystems und sichern Arbeitsplätze und technologisches Know-how für Europa.“ Das Lunar Gateway ist Bestandteil des Artemis-Programms. Die geplante Raumstation, hinter der mehrere Nationen stehen, soll auf einer elliptischen Umlaufbahn im Mondorbit als Basislager für ­Missionen zur Mondoberfläche genutzt ­werden.

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Artemis I, der erste unbemannte Testflug von Orion mit einem europäischen Servicemodul, soll noch in diesem Jahr starten. Die darauffolgende Mission ist bemannt geplant – mit Artemis II sollen dann die ersten Astronauten um den Mond und zurück zur Erde fliegen. Bis 2024 will die NASA mit der Mission Artemis III dann Astronauten auf den Mond bringen und mit innovativen Technologien mehr von der Mondoberfläche erkunden als je zuvor. Die heute beauftragten ESM werden für die Missionen Artemis IV bis VI eingesetzt. Die ersten beiden dieser ESM dienen als sogenanntes Barter-Agreement (Kompensationsabkommen) und sind der europäische Beitrag zum geplanten Gateway, das ab 2024 in einer Mondumlaufbahn aufgebaut werden soll.

Dass die Nasa überhaupt bei der Entwicklung von systemrelevanter Technik auf europäische Technik zurückgegriffen hat, liegt an der Erfolgsgeschichte des Automated Transfer Vehicle (ATV) der Esa, das ebenfalls von Airbus in Bremen als Hauptauftragnehmer verantwortet wurde. Den unbemannten Raumtransporter hatte Airbus entwickelt, er diente der Versorgung der Internationalen Raumstation (ISS).

Besatzung der ISS bei fünf Missionen durch ATV versorgt

Der erste Start war 2008. Das ATV konnte vollautomatisch bei 28.000 Stundenkilometern mit einer Genauigkeit von weniger als zehn Zentimetern an die ISS andocken. Die Besatzung der ISS wurde so bei fünf Missionen mit Testgeräten, Ersatzteilen, Lebensmitteln, Luft, Wasser und Treibstoff versorgt. Der letzte ATV-Start war 2014. Die Produktion der ATV-Einheiten, die über sieben Tonnen Nutzlast transportieren konnten, sowie die Missionsvorbereitung und die Betriebsunterstützung war die Beteiligung der Europäer an der internationalen Raumstation.

Für Wörner ist die Integration des Servicemoduls mit der US-Raumkapsel im Dezember ein weiterer Meilenstein und eine neuerliche Bestätigung für die Leistungsfähigkeit der europäischen Raumfahrtindustrie. Wörner erinnerte in diesem Zusammenhang an ein Gespräch, das er mit Nasa-Verantwortlichen 2007 über das ATV-Projekt geführt habe: Das sei ein schöne Idee, aber werde nicht funktionieren. Bekanntlich habe sich die Technik bewährt und habe weiterentwickelt werden können. Nun sei man als Europäer mit auf dem Weg zum Mond.

+++ Dieser Artikel wurde aktualisiert um 21:47 Uhr +++

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Modul zur Lebenserhaltung

Das ESM hat eine zylindrische Form und einen Durchmesser und eine Höhe von etwa vier Metern. Es verfügt über vier Solarzellen, die im ausgeklappten Zustand einen Durchmesser von 19 Metern haben. Sie erzeugen Energie für zwei Haushalte. Die 8,6 Tonnen Treibstoff des Servicemoduls können ein Haupttriebwerk und 32 kleinere Triebwerke antreiben. Insgesamt wiegt das ESM knapp über 13 Tonnen. Neben seiner Funktion als Hauptantriebssystem für das Orion-Raumschiff ist das ESM für Orbitalmanöver und die Positionskontrolle zuständig. Außerdem versorgt es die Besatzung mit den zentralen Elementen für die Lebenserhaltung wie Wasser und Sauerstoff und regelt – am Besatzungsmodul angebracht – die Thermalkontrolle.

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