Ehemaliger Leiter der Flügelausrüstung

Ex-Airbus-Führungskraft nimmt Bremer Politik in die Pflicht

Warum bei Airbus auch künftig das Kompetenzzentrum für die Flügelausrüstung und den Hochauftrieb in Bremen sein muss. Ex-Airbus-Leiter der Flügelausrüstung gibt Tipps.
04.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Ex-Airbus-Führungskraft nimmt Bremer Politik in die Pflicht
Von Peter Hanuschke
Ex-Airbus-Führungskraft nimmt Bremer Politik in die Pflicht

Am Bremer Airbus-Standort befindet sich das Hochauftriebszentrum - eine Art Kompetenzzentrum für den Flügelbau bei Airbus.

Torsten Spinti

„Die Flügel sind das Entscheidende an einem Flugzeug – ohne sie gibt es nicht den notwendigen Auftrieb“, sagt Heinz Böcker. Böcker weiß, wovon er spricht: Er war jahrelang Leiter der Flügelausrüstung vom Hochauftriebszentrum im Bremer Airbus-Werk. Der aktuell geplante Stellenabbau sei für die Betroffenen bedauerlich, aber Böcker macht sich vor allem auch Sorgen um die Hightech-Schmiede und die generellen Perspektiven für den Standort: „Die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten, die in Bremen in der Vergangenheit stattgefunden haben, hatten bisher immer eine hervorragende Performance. Andere Airbus-Standorte hätten diese Abteilung gerne selber.“ Diese Begehrlichkeiten habe es schon immer gegeben, aber die Flugzeugentwicklung stehe vor einem neuen Zeitalter, und bei solchen Weichenstellungen bestehe die Gefahr, dass ein Konzern wie Airbus grundsätzlich neue Wege im Rahmen der Unternehmensstruktur gehe.

Klare Positionierung von der Politik gefordert

„Es soll das grüne Flugzeug entwickelt werden, da sind sich alle einig. Doch gerade die Bremer Politik muss sich viel deutlicher positionieren und klarer formulieren, dass das ohne die Kompetenz der etablierten Prozesskette in Bremen nicht möglich sein wird“, sagt Böcker. Sicherlich sei das Ecomat (Center for Eco-efficient Materials & Technologies) in der Bremer Airport-Stadt eine sinnvolle Einrichtung. Sich aber allein darauf zu beziehen, wenn es um technologische Weiterentwicklung gehe, reiche bei Weitem nicht aus, um im Wettbewerb der Standorte bestehen zu können. Aktuell sei immer wieder von der Politik zu hören, dass die norddeutschen Standorte gut aufgestellt und vernetzt seien, wenn es um die Zukunft des Fliegens gehe. „Ich vermisse dabei aber, dass Bremen die Führungsrolle weiterhin einnimmt, beansprucht und ausübt.“ Andere Airbus-Standorte in Deutschland und insbesondere in England stehen bei diesen Zukunftsthemen in den Startlöchern und würden nur zu gerne diese Zukunftstechnologien selber entwickeln. „Das war in der Vergangenheit so, und daran hat sich bis heute nichts verändert“, sagt Böcker, der zwar seit 2007 nicht mehr bei Airbus aktiv tätig ist, aber „ich bin nach wie vor in der Szene und im Unternehmen gut vernetzt“.

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Und am Zusammenwirken der Prozesskette zwischen Aerodynamik, Flugphysik, Systementwicklung, Strukturentwicklung, Nachweisversuche samt Tests, Strukturmontage und Flügelausrüstung bis hin zur Ablieferung an die Endlinie in Toulouse habe sich nichts geändert und werde sich nichts grundsätzlich ändern, so der 73-Jährige. Ob ein Flieger von den Flugeigenschaften gut oder schlecht performe, hänge im Wesentlichen von der Flügelkonzeption und dem Antrieb ab. „Das, was in Bremen an Technologie und Qualität und den Mitarbeitern geleistet wird, ist hervorragend, wird in der Öffentlichkeit aber nicht so wahrgenommen, weil die Flügel-Box in England gefertigt wird. Es muss auf allen Ebenen, die sich innerhalb und außerhalb des Bremer Werkes mit dem Airbus-Standort beschäftigen, massiv bewusst gemacht werden, dass Bremen die entscheidende Schnittstelle in der Produktionskette ist. Wir bekommen die ,Rohlinge' aus England geliefert und machen daraus erst die Flügel.“

Böcker ergänzt: „Um das bildlicher auszudrücken: Es wird zum Beispiel jeder A330-Flügel mit vier Tonnen Ausrüstung ausgestattet. Dazu gehören Landeklappen, Systemgeräte, Bremsklappen, Vorflügel, Kabelstränge und Hydraulikanlagen. Diese Flügel kommen mit 18 Tonnen Gewicht pro Flügel rein und werden mit 22 Tonnen an die Endlinie geliefert."

Beste Voraussetzungen

Was sich Böcker wünscht? „Bremen muss das Kompetenzzentrum für Flügelausrüstung und Hochauftrieb bleiben." Gerade auch, wenn es künftig um neue Materialien zur Gewichtsreduzierung gehe sowie für den Antrieb Kohlenwasserstoffe und synthetische Kraftstoffe. Das ermögliche erst zusammen mit einem "grünem" Flügel ein klimagünstiges Fliegen. Der Bremer Airbus-Standort im Zusammenspiel mit Zulieferern und wissenschaftlichen Institutionen habe dafür die besten Voraussetzungen. Nur das müsse wesentlich selbstbewusster innerhalb des Konzerns und durch Entscheidungsträger in der Politik und Gewerkschaft vertreten werden, um dadurch den Standort auch für die Zukunft abzusichern. Denn eines müsse jedem klar sein: „Nur wer entwickelt, fertigt auch.“

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