Einkaufen im Internet

Alarm im Online-Shop

Viele Webseiten setzen zusätzliche Kaufanreize ein. Wie der Internethandel Kunden zum Kauf zu drängen versucht – und worauf man beim Einkauf achten sollte.
20.06.2018, 21:53
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Alarm im Online-Shop
Von Jonas Mielke
Alarm im Online-Shop

Viele Webseiten setzen zusätzliche Kaufanreize ein.

dpa

Der Druck steigt. In roten Lettern alarmiert die Internetseite: „Sehr gefragt! In den letzten zwölf Stunden sieben Mal gebucht.“ Wer auf Reiseportalen ein Hotel in Achim, Aachen oder Athen sucht, bekommt den Eindruck: besser schnell zuschlagen. „Nur noch zwei Zimmer auf unserer Seite verfügbar!“ – „Tolles Schnäppchen heute.“

Die Hinweise der Online-Shops stechen hervor und setzen Käufer unter Druck: Verschwindet das Angebot bald? Die ohnehin umstrittene Ticketplattform Viagogo setzt noch stärker auf warnende Kaufanreize. In der Liste verfügbarer Tickets leuchtet es rot auf, sobald eines verkauft wurde.

Warnsymbole weisen darauf hin, wie schnell die Karten vergriffen sein könnten. Der Kunde soll handeln. Jetzt. Während die Angebote geladen werden, fliegen immer wieder Warnsymbole auf den Bildschirm: „241 Leute schauen sich die Veranstaltung gerade an“. Noch bevor der Kunde kaufen kann, wird deutlich gemacht: Jetzt oder nie.

Diese Form der Werbung ist nicht verboten. Viele Webseiten setzen zusätzliche Kaufanreize ein. „Das funktioniert leider sehr gut“, sagt Annabel Oelmann von der Verbraucherzentrale Bremen. „Man lässt sich unter Zugzwang setzen.“ Auch sie ertappe sich dabei, dass sie hektisch werde. Was können Kunden dagegen tun? „Eigentlich heißt es dann, erst mal den Rechner auszumachen“, sagt sie.

Das Reiseportal „Booking.com“ erklärt: „Bei den Informationen, die wir auf der Webseite unseren Kunden geben, ist es immer unser Ziel, so relevant, transparent und hilfreich wie möglich für die Kunden zu sein.“ Die Daten des Unternehmens zeigten, dass Kunden die Hinweise auf spezielle Angebote zu schätzen wüssten.

Helfen kann nach Einschätzung von Verbraucherschützern, Angebote zu vergleichen – besonders bei Hotels. „Oft ist es so, dass verschiedene Plattformen ein bestimmtes Kontingent an Zimmern in einem Hotel haben“, sagt Oelmann. Wenn also auf einem Reiseportal nur noch zwei Zimmer frei seien, könne es auf einem anderen Portal schon ganz anders aussehen.

Vergleich mit Offline-Offerten

„Es lohnt sich dann auch zu schauen, was das Hotel selber anbietet“, sagt sie. Auch die Preise können unterschiedlich sein. Zusätzlich helfe oft auch der Vergleich mit Offline-Offerten, zum Beispiel in Reisebüros. Was erlaubt ist und was nicht, das regelt der Paragraf 5 des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG).

Dort heißt es: „Unlauter handelt, wer eine irreführende geschäftliche Handlung vornimmt, die geeignet ist, den Verbraucher oder sonstigen Marktteilnehmer zu einer geschäftlichen Entscheidung zu veranlassen, die er andernfalls nicht getroffen hätte.“ Irreführend, das sind laut Gesetz unwahre oder zur Täuschung geeignete Angaben über ein Produkt oder eine Dienstleistung.

Es gebe Grenzfälle, sagt Peter Brammen. Er leitet das Hamburger Büro der Wettbewerbszentrale, eine Art Selbstkontrolle der Wirtschaft. Der Jurist sagt aber auch: „Grundsätzlich gibt es in der Wirtschaft einen breiten Konsens, dass niemand irreführende Werbung haben will.“

Bei dem Hinweis zu verfügbaren Hotelzimmern sei der Zusatz „auf dieser Seite“ wichtig. „Das reicht dann aber auch aus“, sagt Brammen. So sei für Verbraucher klar, dass bei anderen Anbietern noch Zimmer für das Hotel verfügbar sein könnten. Im Juni 2011 gab das Oberlandesgericht Köln einer Klägerin gegen das Reiseportal „Booking.com“ recht, sie fühlte sich in die Irre geführt.

Jetzt wirbt „Booking.com“ zurückhaltender, der Zusatz „auf dieser Seite“ hängt seither beim Hinweis auf verbleibende Restkontingente an. Auf dem Reiseportal HRS heißt es: „Nur noch zwei Zimmer bei uns verfügbar.“ Generell funktioniere die Selbstkontrolle der Wirtschaft gut, sagt Brammen. „Die Wettbewerber beobachten sich gegenseitig genau.“

Besonders aufmerksam seien Firmen, die schon einmal aufgeflogen seien mit irreführender Werbung. „Die sagen, sie müssen sich an die Spielregeln halten, dann sollen die anderen Unternehmen das auch machen“, sagt Brammen. Die Wettbewerbszentrale mahnte 2015 den Online-Versandhändler Zalando ab, weil das Unternehmen das Angebot künstlich verknappte. Den Anstoß gab damals eine Recherche des Norddeutschen Rundfunks.

Fingerspitzengefühl ist wichtig

Das Unternehmen behauptete in seinem Online-Shop, dass nur noch eine sehr geringe Anzahl eines Artikels vorrätig sei. Bestellen konnte man jedoch mehr Artikel, als Zalando vorgeblich vorrätig hatte. Das Unternehmen entschuldigte sich – und setzt momentan kaum noch auffällige Hinweise in seinem Online-Shop ein. Fingerspitzengefühl sei wichtig bei solchen Kaufanreizen, sagt E-Commerce-Experte Lars Hofacker vo Kölner Handelsinstitut EHI.

Denn es werde schon ein gewisser Druck für den Kunden erzeugt. „Das muss zur Zielgruppe passen und funktioniert nicht überall.“ Der Hinweis auf knappe Kontingente könne aber auch hilfreich sein: Er ist im Online-Shop vergleichbar mit einem guten Verkäufer in Ladengeschäften, der Kunden im richtigen Moment darauf hinweist, dass ein bestimmtes Modell bald vergriffen sei.

Die Reisebranche sei mit solchen Kaufanreizen weiter, Händler gehen sensibler damit um. „Es ist eben nur ein Baustein, um Anreize zu setzen“, sagt Hofacker. Der Markt wächst in Deutschland. Laut einer Studie des EHI-Instituts hat sich der Umsatz der 1000 umsatzstärksten Internet-Shops zwischen 2009 und 2016 verdoppelt: von 20 Milliarden Euro auf 39,6 Milliarden Euro. „Viele lieben es“, sagt die Bremer Verbraucherschützerin Oelmann.

Trotzdem sollten Verbraucher auf ein paar Dinge beim Einkauf im Internet achten. Oelmann rät bei Vorauszahlungen zur Vorsicht. „Das ist nicht per se ein Zeichen für unseriöse Anbieter“, sagt sie. „Aber für Kunden ist das die schlechteste Variante. Wenn etwas schiefgeht, ist das Geld weg.“ Kenne man den Online-Shop und habe dort bereits häufig eingekauft, sei Vorkasse kein Problem. Aber bei unbekannten Internetläden rät Oelmann zur Wachsamkeit.

Bei Vergleichsportalen im Internet empfiehlt die Verbraucherschützerin, auf die Voreinstellungen der Suche zu achten und sich bewusst zu machen, dass die ersten Treffer häufig Werbeanzeigen seien – „mehr oder minder gekennzeichnet“, wie Oelmann sagt. Häufig sei der Preis auch nur eine Komponente. Man solle beim Vergleich darauf achten, was man für sein Geld tatsächlich bekommt.

„Beim Urlaub sind Leute bereit, sehr viel Zeit zu investieren“, sagt Oelmann. Deswegen rate sie zu besonderer Vorsicht beim Kauf von Versicherungen, bei denen Kunden oft weniger Affinität hätten, sich genau mit dem Produkt auseinanderzusetzen. „Aber gerade da wird es oft teuer“, sagt sie. Wichtig sei immer, sich Zeit zu nehmen, ­bevor man online sein Geld ausgibt. Und sich nicht stressen zu lassen – von roten ­Hinweisen auf die letzte Chance für ein Angebot.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+