Internethändler hat Pläne im Bremer Umland

Amazon plant Logistikzentrum in Achim

Der Internetkonzern will ein Logistikzentrum in Achim bauen und Tausende Jobs schaffen. Es ist nicht das erste Mal, dass sich Milliardär Jeff Bezos für die Region interessiert.
08.05.2017, 19:44
Lesedauer: 4 Min
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Von Kai Purschke und Stefan Lakeband
Amazon plant Logistikzentrum in Achim

Paletten und Pappkartons so weit das Auge reicht im Koblenzer Logistikzentrum des Online-Händlers Amazon. Im Achimer Lager soll vieles automatisch laufen.

dpa

Der Internetkonzern will ein Logistikzentrum in Achim bauen und Tausende Jobs schaffen. Es ist nicht das erste Mal, dass sich Milliardär Jeff Bezos für die Region interessiert.

Rainer Ditzfeld ist in jüngster Zeit verdächtig gut drauf. Die Ansiedlungen von Coca-Cola und Mercedes-Benz in Bremens kleiner Nachbarstadt Achim haben dem parteilosen Bürgermeister außerordentlich Freude bereitet. Die Marktpassage in der Innenstadt steht offenbar vor dem Verkauf, die Stadtfest-Organisation läuft trotz eines kurzfristigen Veranstalterwechsels auf Hochtouren und nun noch das: Amazon möchte in Achim ein Logistikzentrum errichten. Das haben Ditzfeld und seine Kollegen nach Informationen des WESER-KURIER nun hinter verschlossenen Türen den Kommunalpolitikern der Weserstadt mitgeteilt. Bis zu 2000 Arbeitsplätze soll der Internetkonzern mitbringen wollen, wenn er sich im Gewerbegebiet Uesener Feld niederlassen darf.

Schlägt der Rathauschef nun Purzelbäume vor Freude? „Kein Kommentar“, war ihm am Montag lediglich zu entlocken. Was wiederum für Ditzfeld spricht, der erst den Bären erlegt sehen will, ehe er dessen Fell verteilt. Aber: Fetter könnte der Bär kaum sein, und er kommt gerade recht seines Weges daher. Erstens ist der innovative Internetkonzern – trotz aller Kritik an seinem Geschäftsgebaren – ein Global Player, zweitens hatte sich erst im Herbst vergangenen Jahres das ursprüngliche Vorhaben zerschlagen, wonach das Unternehmen Log-four-Real im Uesener Feld eine 85 000 Quadratmeter große Logistikhalle bauen wollte.

Interview Rainer Ditzfeld

Achims Bürgermeister Rainer Ditzfeld: "Kein Kommentar".

Foto: FOCKE STRANGMANN

Wie den Achimer Politikern dem Vernehmen nach auch vom Projektentwickler vorgestellt wurde, soll das Amazon-Logistikzentrum von der Grundfläche her etwas kleiner als die Log-four-Real-Halle ausfallen, dafür aber wesentlich höher. Der Logistikstandort in der Nähe des Autobahnanschlusses Achim-Ost soll hochmodern werden und offenbar stark automatisiert sein: Kein Packer müsse im Lager mehr nach den richtigen Waren suchen, das übernimmt ein Roboter, der die Produkte direkt zum Packer bringt. In Achim würden, wenn die Politiker grünes Licht für die Ansiedlung geben, die Waren gepackt und von dort per Lastwagen zu den Zustelldiensten gebracht.

Der Punkt Lkw-Verkehr bereitet den Achimern aber nach wie vor Kopfzerbrechen, denn die in Uesen vorhandenen Straßen und die Zubringer zur Anschlussstelle der A 27 werden den Verkehrsbelastungen heute schon kaum gerecht. So dürften die Politiker angesichts der zu erwartenden zusätzlichen Schwerlastfahrzeuge auf ein Verkehrsgutachten beharren und eine Lösung fordern. „Denn mit den jetzigen Straßen wird es wohl kaum gelingen“, ist aus Ratskreisen zu hören. Zumal über Achim-Ost ja bereits der Berufsverkehr abgewickelt wird, und wenn die Menschen zu Anlässen wie Weihnachten oder Ostern beim Onlinehändler deutlich mehr als sonst bestellen, dürfte sich die Verkehrsbelastung nochmals steigern. Bis zur Sitzung des nicht öffentlich tagenden Verwaltungsausschusses am 11. Mai sollen sich die Fraktionen nun eine grundsätzliche Meinung bilden, damit die Stadtverwaltung tiefer in die Gespräche einsteigen kann. Sowohl von Amazon selbst als auch von dem für Amazon tätigen Projektentwickler Goodman waren am Montag keine Stellungnahmen zu bekommen.

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Es ist nicht das erste Mal, dass sich das Unternehmen von Gründer Jeff Bezos für die Region interessiert. Schon vor einigen Jahren gab es große Hoffnungen, dass sich Amazon mit einem Versandzentrum in Bremen niederlässt. Angedacht war damals ein Standort im Güterverkehrszentrum (GVZ). Die ersten Schlagzeilen gab es Ende 2012. Offiziell wurde immer nur vor einer „Großansiedlung“ gesprochen, bald galt es jedoch als offenes Geheimnis, dass es sich um den US-Konzern handeln soll. Fast zweieinhalb Jahre hatten die Beteiligten über die Ansiedlung gesprochen und verhandelt, zustande gekommen ist sie am Ende dann aber doch nicht. Dabei hatte die Politik damals bereits etwa eine Million Euro für die Aufbereitung des angedachten, 27 Hektar großen Grundstücks im GVZ ausgegeben. Als Begründung wurde 2014 angeführt, dass Amazon in Deutschland vorläufig keine weitere Großansiedlung plane.

Würde Amazon nun tatsächlich nach Achim kommen, wäre es das 13. Logistikzentrum des Konzerns in Deutschland und das zweite in Niedersachsen. Bislang ist Amazon unter anderem in Bad Hersfeld, Pforzheim, Brieselang, Werne, Rheinberg, Leipzig, Koblenz und Graben vertreten. Zudem baut das Unternehmen in Dortmund und Frankenthal; gegen Ende des Jahres will der Versandhändler einen Standort in Winsen eröffnen. Auf einem Grundstück mit etwa 64.000 Quadratmetern sollen dort zuerst 1000 Arbeitsplätze entstehen, später soll die Zahl auf bis zu 2000 steigen. Nach eigenen Angaben investiert der Versandhändler 90 Millionen Euro in den Neubau des Zentrums, 110 Millionen Euro sollen von Partnern kommen.

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Auch wenn der Bau eines Logistikzentrums für Amazon meist eine hohe Zahl von neuen Jobs verspricht, sind solche Vorhaben häufig umstritten. Denn der Konzern steht immer wieder für seine Arbeitsbedingungen in der Kritik. Seit Jahren will die Gewerkschaft Verdi unter anderem in den deutschen Versandzentren einen anderen Tarifvertrag mit besseren Sozialstandards durchsetzen. Und seit Jahren kommt es deswegen auch immer wieder zu Streiks. Erst Anfang April legten Beschäftigte an vier Standorten die Arbeit nieder.

Wie hoch der Preisdruck bei Amazon ist, bekam offenbar zuletzt auch die Firma DHL Home Delivery in Bremen zu spüren. Die Tochter der Deutschen Post hat im vergangenen Jahr ihre rund 350 Mitarbeiter entlassen, weil Amazon als einziger Kunde des Unternehmens weggefallen ist. Seit 2013 war das Unternehmen für den Versandhändler als Versender tätig gewesen. DHL Home Delivery hatte damals den Vertrag mit Amazon selbst beendet, weil es sich nicht in der Lage sah, das Geschäft zu den damaligen Konditionen weiter kostendeckend zu betreiben.

Über Amazon: Weltweiter Versandhändler

Amazon wurde 1994 in Seattle von Jeff Bezos gegründet. Weltweit arbeiten insgesamt mehr als 340 000 Menschen für den Konzern, der Umsatz lag zuletzt bei 136 Milliarden US-Dollar. Deutschland ist der wichtigste Auslandsmarkt für Amazon. Zuletzt hatte das Unternehmen angekündigt, mit Amazon Fresh seinen Lieferservice für Lebensmittel auch in Deutschland starten zu wollen. Startschuss soll in Berlin und Potsdam sein. Bezos ist mittlerweile Multimilliardär und kümmert sich nicht nur um seine Verkaufsplattform: So hat er beispielsweise 2013 die Zeitung „Washington Post“ gekauft und schon im Jahr 2000 das private Raumfahrtunternehmen Blue Origin gegründet.

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