Saisonkräfte in Bremen

Paketboten erheben Vorwürfe gegen Amazon-Subunternehmen

Ausländische Fahrer eines Amazon-Subunternehmens erheben Vorwürfe gegen ihren Arbeitgeber. Der bestreitet die Anschuldigungen. Für die Gewerkschaft Verdi ist die Auseinandersetzung kein Einzelfall.
11.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Paketboten erheben Vorwürfe gegen Amazon-Subunternehmen
Von Stefan Lakeband
Paketboten erheben Vorwürfe gegen Amazon-Subunternehmen

Der Internetkonzern Amazon arbeitet nicht nur mit Paketdiensten zusammen, sondern liefert Waren auch selbst aus. Dazu greift der Versandhändler auf Subunternehmer zurück. Auch in Bremen gibt es solche Firmen, die im Auftrag von Amazon Pakete ausliefern. (Symbolbild)

Karl-Josef Hildenbrand

Sie kamen Anfang des Jahres als Saisonkräfte, lieferten drei Monate lang sechs Tage die Woche Pakete in Bremen aus und reisten danach wieder in ihre Heimat. Bezahlt worden seien sie dafür nur zum Teil. Diesen Vorwurf erheben nun mehrere ukrainische Arbeiter.

Wie die Deutsche Welle in einem Beitrag berichtet, waren 14 Männer von der Firma KS Logistikverkehr in Wardenburg bei Oldenburg angeworben worden. Diese Firma hatte wiederum vom Versandhändler Amazon den Auftrag bekommen, Pakete auszufahren. Seit einiger Zeit arbeitet der Konzern nicht nur mit klassischen Paketdiensten wie DHL oder Hermes zusammen, sondern organisiert die Auslieferung der Waren auch selbst – und greift dafür auf Subunternehmer wie KS Logistikverkehr zurück.

In diesem Fall scheint das zu Problemen geführt zu haben. Laut Medienbericht stehen noch 20.000 Euro Lohn für die Paketfahrer aus. Wie es dazu kam, erzählt einer der Betroffenen: Aus Geldnot habe er einen Job in Deutschland gesucht und schnell die Zusage als Fahrer für das Logistikunternehmen bekommen. Mit einem Studentenvisum sei er nach Deutschland gereist, um hier zu arbeiten. Von Montag bis Sonnabend, rund zwölf Stunden pro Tag, hätten er und seine Kollegen Amazon-Pakete ausgeliefert, heißt es in dem Beitrag. Das Ganze für etwa 1400 Euro netto im Monat.

Gehalt für zwei Monate nicht erhalten

„Man hat uns immer gesagt, dass es keine Probleme mit der Bezahlung geben wird“, erzählt der Mann, der anonym bleiben möchte, in einem Video der Deutschen Welle. Als die Arbeitserlaubnis abgelaufen sei, mussten er und seine Kollegen in die Ukraine zurückkehren. Den Lohn für zwei noch ausstehende Monate hätten sie nie bekommen. Als sie sich telefonisch bei ihrem alten Arbeitgeber erkundigten, seien sie erst vertröstet worden, irgendwann habe niemand mehr abgenommen, dann habe man ihre Telefonnummern blockiert.

Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück. „Wir zahlen grundsätzlich alle unsere Mitarbeiter immer fristgerecht und in vollem Umfang aus“, teilt Geschäftsführer Stefan Sartison auf Anfrage des WESER-KURIER mit. Sein Unternehmen sei ein großer Dienst­leister im Paketbereich mit mehr als 170 Mitarbeitern. „Wir legen großen Wert auf gesetzes­konforme Abläufe und halten uns immer an alle gesetzlichen Richtlinien und Bestim­mungen.“

Versandhändler Amazon teilt mit: „Wir prüfen diesen Fall und werden durchgreifen, wenn wir feststellen, dass der Partner unsere Erwartungen nicht erfüllt.“ Zudem verweist Amazon darauf, dass es seine Partnerunternehmen regelmäßig überprüfe und bei Verstößen gegen geltendes Gesetz und den Verhaltenskodex entsprechende Maßnahmen ergreife. Außerdem hat der Konzern nach eigenen Angaben eine Hotline eingerichtet, bei der sich Fahrer bei Problemen melden können – auch anonym.

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Für Tanja Post, bei der Gewerkschaft Verdi in Oldenburg für den Bereich Logistik zuständig, sind solche Probleme nicht neu. Schon in den vergangenen Jahren habe es immer wieder Ärger mit Subunternehmen großer Paketzusteller gegeben. Laut Post ist die Situation mit der in der Fleischindustrie vergleichbar. „Die Beschäftigung ist häufig prekär, Arbeitskräfte werden oft aus dem Ausland angeworben und sind nur kurze Zeit hier.“ Der Fall der ukrainischen Fahrer sei nur ein Beispiel. Post habe schon von Zustellern gehört, die in Massenunterkünften schlafen mussten oder gar in ihrem Fahrzeug. „Amazon nimmt so eine Situation in Kauf, weil es sich für das Modell mit Subunternehmern entschieden hat“, sagt Post.

Medien berichten immer wieder von Pro­blemen, die es mit Subunternehmern gebe, die auch für Amazon arbeiteten. Vor wenigen Wochen schrieb der „Spiegel“ etwa über einen Fahrer, der sich an das Nachrichtenmagazin gewandt hatte. Demnach habe er von seinem Arbeitgeber ein offizielles Gehalt bekommen – überwiesen auf sein Konto. Das restliche Geld habe er nach eigenen Angaben in bar erhalten, ohne dass das Finanzamt Bescheid gewusst habe.

Kein festes Arbeitsverhältnis

Kritik gab es auch, als der Internetkonzern vor einigen Jahren sein Angebot Amazon flex nach Deutschland brachte. Hier können sich Einzelpersonen anmelden und einzelne ­Auslieferungen übernehmen. Amazon wirbt mit einem Stundenlohn von 25 Euro um Fahrer – ein festes Arbeitsverhältnis gibt es aber nicht. Ähnlich wie beim umstrittenen Fahrdienst Uber sind die Fahrer selbstständig; für Spritkosten, Versicherung und das Lieferfahrzeug müssen sie beispielsweise selbst aufkommen.

Im Fall der Fahrer aus der Ukraine besteht nach Angaben der Gewerkschaft offenbar noch Hoffnung, dass sie ihr Geld erhalten. Das Unternehmen habe auf eine Anfrage der Gewerkschaft reagiert, sagt Tanja Post. Sollte das nichts bringen, könnte immer noch die Nachunternehmerhaftung greifen, die seit Ende 2019 im Paketbereich gilt. Sie regelt, dass ein Auftraggeber haften muss, wenn ein Subunternehmer sich nicht an den Mindestlohn hält.

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Immer mehr Pakete unterwegs

Der Pakethandel in Deutschland wächst seit Jahren. Allein 2019 wurden 3,65 Milliarden Pakete verschickt. Vor zehn Jahren waren es noch 2,18 Milliarden. Das geht aus einer Untersuchung des Bundesverbands Paket und Expresslogistik hervor. Auch in der Corona-Zeit haben viele Versender an Umsatz zugelegt. Bei DHL stieg er im zweiten Quartal um 3,1 Prozent auf 16 Milliarden Euro. Der Verband sieht die Branche dennoch nicht als Corona-Gewinner. Auch wenn der E-Commerce-Handel zugelegt habe, seien die geschäftlichen Sendungen weggebrochen.

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