Konjunkturexperte sieht Deutschland auf gutem Weg 'An Österreich ein Beispiel nehmen'

Die deutsche Wirtschaft brummt, als hätte es die Krise nie gegeben. Prognosen versprechen Hunderttausende neuer Arbeitsplätze und zusätzliche Steuermilliarden. Doch wie stabil ist der aktuelle Aufschwung tatsächlich? Und was muss Deutschland tun, um dauerhaft auf Wachstumskurs zu bleiben? Darüber sprach Sebastian Manz mit dem Konjunkturexperten Alfred Boss vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel.
21.10.2010, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Die deutsche Wirtschaft brummt, als hätte es die Krise nie gegeben. Prognosen versprechen Hunderttausende neuer Arbeitsplätze und zusätzliche Steuermilliarden. Doch wie stabil ist der aktuelle Aufschwung tatsächlich? Und was muss Deutschland tun, um dauerhaft auf Wachstumskurs zu bleiben? Darüber sprach Sebastian Manz mit dem Konjunkturexperten Alfred Boss vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

Der rasante Aufschwung, den die deutsche Wirtschaft derzeit hinlegt, scheint die meisten Experten zu überraschen. Wie erklären Sie sich die schnelle Genesung?

Alfred Boss: Ein Teil der Antwort ist statistischer Natur. Die Zahlen für die zurückliegenden Quartale sind schlicht nach oben korrigiert worden. Viel wichtiger ist, dass man die Erholung der Weltwirtschaft viel zu schwach eingeschätzt hat. Man hat nicht damit gerechnet, dass zahlreiche Schwellenländer wie etwa China oder Indien von der Krise nur wenig betroffen waren.

Welche Folgen hatte das für die deutsche Wirtschaft?

Das mehr oder weniger konstante Wachstum in diesen Schwellenländern hat unserem Export geholfen. Der Export Deutschlands hat sich in einer Weise wiederbelebt, wie es nicht zu erwarten war. Als hilfreich erwies sich zudem eine alte Stärke: Seit Jahrzehnten ist die heimische Wirtschaft stark beim Export von Investitionsgütern. Im Übrigen haben viele Industrieländer die Konjunktur massiv über niedrige Zinsen und Konjunkturprogramme gestützt. Auch davon profitierte der Export.

Während in Deutschland der Optimismus wächst, tun sich die USA nach wie vor schwer damit, einen Weg aus der Krise zu finden. Setzt man jenseits des Atlantiks auf die falschen Strategien?

Die Vereinigten Staaten haben unter der Immobilien- und Finanzkrise besonders stark gelitten. Das gilt abgeschwächt auch für Großbritannien, Spanien, Portugal, Irland und zum Teil auch Griechenland. Vor allem aber in den USA hat das Platzen der Immobilienblase eine kräftige Anpassung nach unter verursacht. Mit dem Sinken der Immobilienpreise sank das Vermögen der privaten Haushalte. Die Folge war ein Rückgang des Konsums. Entsprechend tut sich die dortige Wirtschaft viel schwerer damit, aus der Rezession herauszukommen. In den Vereinigten Staaten überlegt man mittlerweile schon wieder, ob man neue Pakete zur Ankurbelung der Wirtschaft schnüren soll.

Was lief in Deutschland anders?

Eine Immobilienkrise gab es hier nicht. Einzelne Banken, vor allem Landesbanken, hatten zwar ihre Probleme, aber der Bankensektor in seiner Gesamtheit ist vergleichsweise ruhig durch diese Krise gekommen.

Welche Hausaufgaben muss Deutschland nun machen, um im Aufwind zu bleiben?

Die Weichen sind eigentlich gestellt. Die Europäische Zentralbank wird die Zinsen im Euroraum noch einige Zeit niedrig halten. Sie muss allerdings aufpassen, dass sie die Zinsen auch rechtzeitig erhöht, damit in den kommenden Jahren keine Inflation entsteht. Der Staat hat seine Aufgaben im Großen und Ganzen gemacht. Man hat Maßnahmen ergriffen, um den Anforderungen der Schuldenbremse gerecht zu werden. Dazu gehört das Zukunftspaket des Bundes, das Abgabenerhöhungen und Ausgabenkürzungen vorsieht. Auch die Länder und Kommunen sind dabei, ihre Haushalte in Ordnung zu bringen. Kurz: Die Finanzpolitik ist auf einem Konsolidierungskurs. Das ist dringend notwendig, weil die Schulden durch die Ankurbelungs- und Stützungsmaßnahmen während der Krise geradezu explodiert sind.

Soviel zum Staat. Welche Akteure sind außerdem gefragt?

Man darf hoffen, dass die anstehenden Tarifverhandlungen positiv verlaufen. Es gab über Jahre hinweg sehr maßvolle Lohnerhöhungen. 2011 und 2012 sollten beide Seiten Augenmaß beweisen und alles dafür tun, um das hohe Beschäftigungsniveau zu halten oder sogar zu steigern.

Die positive Entwicklung spült auch dem Fiskus unverhoffte Milliarden in die Kasse. Wie ist dieses Geld klug angelegt?

Nach vorläufigen Schätzungen muss man für das Jahr 2010 mit zusätzlichen Mehreinnahmen für Bund, Länder und Gemeinden in Höhe von etwa zwölf Milliarden Euro rechnen. 2011 wird es noch ein bisschen mehr sein. Man sollte diese Mehreinnahmen nutzen, um die Neuverschuldung zu verringern. Es wäre völlig falsch, bei den Sparbemühungen nachzulassen oder gar neue Ausgaben zu beschließen. Der Schuldenstand ist extrem hoch, und es muss alles dafür getan werden, um mindestens wieder die Maastricht-Kriterien einzuhalten.

Das klingt nach sehr viel Vorsicht. Wie stabil schätzen Sie den aktuellen Aufschwung ein?

Er ist durchaus stabil. Trotzdem könnte etwa ein Rückschlag in den USA Deutschland treffen. Außerdem treten einige Länder in Europa kräftig auf die Bremse, um ihre Haushalte in Ordnung zu bringen. Das kann negative Auswirkungen auf die deutschen Exporte haben. Aber in der Summe ist die Situation für Deutschland günstig. Möglicherweise erleben wir ein paar Jahre mit relativ komfortablen Wachstumsraten.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag DIHK rechnet im kommenden Jahr mit bis zu 300000 neuen Arbeitsplätzen. Sind Sie ähnlich optimistisch?

Diese Prognose ist noch etwas günstiger als jene der Institute aus der vergangenen Woche. Die Institute erwarten jedoch auch, dass die Beschäftigung zunehmen wird. Aber auch der Arbeitsmarkt ist weltwirtschaftlichen Einflüssen unterworfen.

Und das bedeutet?

Die Probleme der USA hatte ich erwähnt. China hat den Leitzins erhöht, weil auch dort die Immobilienpreise kräftig gestiegen sind. Ein chinesisches Bremsmanöver kann sich unmittelbar auf die deutsche Exportwirtschaft auswirken. Es gibt also Risiken, aber die Prognose von 300000 neuen Jobs steht auf vergleichsweise solidem Fundament. Immerhin beruht die DIHK-Studie auf der Aussage vieler Unternehmer, und die müssten eigentlich wissen, was sie vorhaben.

Sie haben selbst zwei Kinder. Wenn ihr Nachwuchs jetzt vor der Berufswahl stünde - welche Branche würden Sie empfehlen?

Oh, das ist eine schwierige Angelegenheit. Es kommt ja immer auf die Neigungen und Interessen an. Wenn es diesbezüglich keine Einschränkungen gäbe, würde ich zu Maschinenbau oder Informationstechnologie raten. Da scheinen mir die Chancen in den nächsten Jahren sehr gut zu sein.

Die Suche nach qualifiziertem Nachwuchs wird für die deutsche Wirtschaft schwerer werden. Wie kritisch ist die Lage?

Das ist ein großes Problem. Nicht in den nächsten zwei bis drei Jahren, aber danach. Zum einen werden die Menschen wohl länger arbeiten müssen. Hilfreich wäre es aber auch, qualifizierte Menschen aus dem Ausland anzuwerben. Das wird allerdings nur gelingen, wenn die Bedingungen hierzulande attraktiv sind. Noch gibt es zu viele Restriktionen. Wir sollten uns am Punktesystem von Österreich und Kanada ein Beispiel nehmen. Wir konkurrieren in diesem Bereich mit vielen anderen Ländern. Und die Umworbenen sind völlig frei in ihrer Wahl.

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