Beluga-Prozess Anklage gegen Stolbergs Steuerberater

Bewegung im Beluga-Prozess: Die Staatsanwaltschaft hat einen fünften Beschuldigten angeklagt. Dabei handelt es sich um den Steuerberater von Niels Stollberg.
14.07.2017, 20:11
Lesedauer: 3 Min
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Anklage gegen Stolbergs Steuerberater
Von Jürgen Hinrichs

Neue Wendung im Zusammenhang mit den Betrugsvorwürfen gegen Niels Stolberg und drei weitere Männer aus der Führungsetage der ehemaligen Bremer Reederei Beluga: Die Staatsanwaltschaft hat einen fünften Beschuldigten angeklagt, wie die Behörde am Freitag auf Anfrage des WESER-KURIER mitteilte. Vor Gericht verantworten soll sich jetzt auch der frühere Steuerberater von Stolberg. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit den Praktiken bei Beluga Beihilfe zum Kreditbetrug vor.

Für Stolberg könnte sich in der kommenden Woche nach anderthalb Jahren Verfahrensdauer abzeichnen, ob er ins Gefängnis muss oder zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wird. Die Große Wirtschaftsstrafkammer 2 des Bremer Landgerichts hat für Donnerstag das Ergebnis einer sogenannten Zwischenberatung angekündigt. Erwartet wird eine Aussage darüber, welchen ungefähren Strafrahmen sich die Richter für die Angeklagten vorstellen.

Der Mann, gegen den jetzt spät ebenfalls Anklage erhoben wurde, hat im Beluga-Prozess eine große Rolle gespielt. Nach Aussage mehrerer Zeugen war er maßgeblich daran beteiligt, für die Reederei finanzielle Konstrukte zu bauen, die zuletzt nur noch schwer zu durchschauen gewesen seien. Beluga war nach Beginn der Schifffahrtskrise im Jahr 2008 immer stärker in Not geraten und hatte Hilfe beim US-amerikanischen Finanzinvestor Oaktree gesucht. Einer der Rechtsanwälte, die damals die Verträge aufsetzten, bezeichnete den Steuerberater als Stolbergs engen Vertrauten und persönlichen Ratgeber. Nur er habe bei den Verhandlungen mit den Amerikanern noch den Durchblick gehabt. Das Vertragswerk sei am Ende so komplex gewesen, dass der Notar drei Tage gebraucht habe, um es nach und nach zu beglaubigen.

35 Vorwürfe gegen Stollberg

Ein anderer Zeuge, der damals im Auftrag von Oaktree dabei war, als der Einstieg bei Beluga perfekt gemacht wurde, schätzte den Steuerberater als Schlüsselfigur ein: „Sein Wort galt. Es ist durchaus denkbar, dass Stolberg ihm freie Hand ließ“, sagte der Rechtsanwalt, der für die Wirtschaftskanzlei Freshfields arbeitet.

Konkret wirft die Staatsanwaltschaft dem Steuerberater vor, Ideengeber eines Finanztricks zulasten von Oaktree gewesen zu sein. Den einzelnen Schiffsgesellschaften von Beluga soll Geld entzogen worden sein, das direkt in die Taschen von Stolberg floss. Die Amerikaner ließen das als Teil des Handels mit der Reederei zu, weil sie, so die Anklage, annehmen mussten, dass den Schiffsgesellschaften trotzdem genügend Eigenkapital bleibt. Sie seien von Beluga mit fingierten Geldflüssen über die Höhe der Einlagen getäuscht worden, argumentiert die Staatsanwaltschaft.

Stolberg und die drei Angeklagten, gegen die bereits verhandelt wird, müssen sich in unterschiedlichen Anteilen wegen Betrugs, Untreue und Kreditbetrugs verantworten. Allein gegen den Ex-Reeder werden 35 Vorwürfe erhoben. Er soll Banken, private Anleger und Oaktree betrogen haben, unter anderem mit gefälschten Einträgen in den Orderlisten. Laut Anklage sind im Jahr 2009 fingierte Aufträge im Gesamtwert von 300 Millionen Euro in den Büchern von Beluga enthalten gewesen. Die Amerikaner warfen Stolberg im März 2011 aus dem Unternehmen, das sie mittlerweile in ihre Hand bekommen hatten, und zeigten ihn bei der Polizei an.

Strafverfahren wird beschleunigt

Stolberg musste Privatinsolvenz anmelden. Die Gläubiger von Beluga haben gegen ihn nach Darstellung der Staatsanwaltschaft Forderungen in Höhe von 2,2 Milliarden Euro erhoben. In der Zwischenzeit ist Stolberg schwer an Krebs erkrankt. Der Prozess drohte deshalb zu platzen. Ein vom Gericht bestellter Amtsarzt erklärte den Angeklagten jedoch für verhandlungsfähig, allerdings nur in engen Grenzen. Ein Verhandlungstag, an dem Stolberg teilnimmt, darf nicht länger als eine Stunde dauern, unterbrochen von einer Viertelstunde Pause.

Um das Strafverfahren zu beschleunigen, hatte sich das Gericht zu einer sogenannten Zwischenberatung entschlossen. Wenn am Donnerstag tatsächlich das Ergebnis präsentiert wird, kommt das einem vorgezogenen Urteil gleich. Geht es nach dem Willen der Staatsanwaltschaft, wird Stolberg für einige Zeit hinter Gittern gesteckt. Die Ankläger waren vom Gericht aufgefordert worden, eine Einschätzung darüber abzugeben, in welchem Korridor sich die Strafen bewegen sollten. Für den Ex-Reeder forderten sie bis zu fünf Jahren Haft. Die drei anderen Angeklagten sollen mit Bewährungsstrafen davonkommen.

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