Digitale Rechtsberatung Anwalt oder Algorithmus

Die Digitalisierung verändert die juristische Arbeit. Sogenannte Legal Techs helfen Passagieren, Mietern oder Arbeitnehmern online dabei, ihr Recht und ihr Geld zu bekommen. Was steckt dahinter?
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Anwalt oder Algorithmus
Von Imke Wrage

Bei juristischen Fragen oder Streitigkeiten hilft der Rechtsanwalt. Das war zumindest früher so. Heute müssen Menschen, die sich ungerecht behandelt fühlen, bei manchen Anliegen nicht mehr zum Anwalt, sondern bloß noch ins Internet gehen. Portale wie 123recht.de, Flightright.de oder Wenigermiete.de machen das möglich. Als sogenannte Legal Techs unterstützen sie zum Beispiel Passagiere, Mieter oder Arbeitnehmer online dabei, ihr Recht und ihr Geld zu bekommen. Aber was verbirgt sich eigentlich dahinter? Und wie kommen Verbraucher online zu ihrem Recht?

Was sind Legal Techs?

Der Begriff Legal Tech setzt sich zusammen aus „legal services“ und „technology“. Vereinfacht gesagt bedeutet das die Digitalisierung der juristischen Arbeit. Was in Banken und bei Versicherungen schon lange praktiziert wird, ist nun auch bei der Rechtsberatung angekommen. Mithilfe technischer Programme und ausgeklügelter Algorithmen können einzelne Arbeitsprozesse, teils auch ganze Rechtsdienstleistungen automatisiert erledigt werden. Egal, ob Schimmel in der Wohnung, Knöllchen, Flugverspätung oder Mieterhöhung – Internet-Dienstleister regeln das schnell, günstig und unkompliziert. So lautet zumindest das Versprechen. Kein lästiger Papierkrieg mehr, keine kostspieligen Anwälte, keine Sorgen, dafür Geld zurück mit ein paar Klicks. Bei den Verbrauchern kommt das offensichtlich gut an, das bestätigt auch die Bremer Verbraucherzentrale. Die Legal-Tech-Branche wächst: Die Website „Legal Tech in Deutschland“ hat in ihrer Datenbank aktuell rund 200 Online-Kanzleien für Verbraucherrecht gelistet, die auf eine meist hundertprozentig digitale Abwicklung von Mandaten setzen. Eine davon ist Rightmart aus Bremen.

Wie arbeitet Rightmart?

Rightmart wurde 2015 von den Rechtsanwälten Philipp Hammerich und Jan Frederik Strasmann gegründet. Egal, ob arm oder reich, sagen die Macher, mit Rightmart könne jeder schnell und günstig zu seinem Recht kommen. Die Tätigkeitsgebiete der Legal-Tech-Kanzlei umfassen aktuell Verkehrsrecht, Arbeitsrecht, Sozialrecht, Mietrecht und Immobilienrecht. Strasmann zufolge hat Rightmart bis heute mehr als 50 000 Mandate erfolgreich betreut.

Konkret, sagt Strasmann, funktioniere das so: Wer Hilfe auf den besagten Gebieten braucht, kann sich online ein Kundenkonto und damit eine eigene digitale Akte anlegen. Die Kanzleisoftware, die dabei zum Einsatz kommt, wurde vom Bremer Start-up Atornix entwickelt. Haben sich Verbraucher registriert, können sie in ihrem Kundenkonto eines der Rechtsberatungsangebote auswählen und entsprechende Fragen beantworten. Erforderliche Dokumente können mit dem Handy fotografiert und hochgeladen werden.

Danach heißt es warten: Ein Algorithmus berechnet nun die Erfolgschancen. Das funktioniert deshalb automatisiert, weil Fälle wie diese hundertfach und immer wieder in ähnlicher Weise vorkommen. Im Prinzip bedeutet das, dass das System abgleicht, wie ähnliche Anfragen bearbeitet wurden und welches Ergebnis am Ende herauskam. Die sogenannte Erstberatung, also das Prüfen auf Erfolg, ist kostenlos. Waren bisherige Fälle erfolgreich? Sind die Erfolgsaussichten gut? Dann bekommen Verbraucher ein Angebot mit individuellem Ansprechpartner und können einsehen, ob anfallende Kosten von ihrer Rechtsschutzversicherung übernommen werden. Selbstzahler bekommen dem Anbieter zufolge eine transparente Kostenübersicht.

Nehmen Verbraucher das Angebot an, werden sie in allen gerichtlichen und außergerichtlichen Angelegenheiten zu diesem Fall von Rightmart vertreten. Dann kommen „echte“ Juristen und Rechtsanwälte ins Spiel. Auf der Website vom Rightmart sind aktuell 13 mit Foto gelistet, jeweils spezialisiert auf bestimmte Rechtsgebiete. Mit ihrem Rechtsanwalt kommunizieren sie überwiegend online – also ortsungebunden. Bei einigen Legal-Tech-Portalen gibt es die Möglichkeit einer Prozesskostenfinanzierung. Dann fallen Kosten nur dann an, wenn der Fall erfolgreich verhandelt wurde. Das Prozessrisiko trägt der Anbieter, dafür muss der Mandant aber einen Teil des eingeklagten Geldes abgeben – dieser liegt meist zwischen 20 und 30 Prozent.

Was in der Theorie einfach klingt, ist auch in der Praxis unkompliziert – so lautet das Fazit von Nicole Mertgen-Sauer von der Verbraucherzentrale Bremen. Als sie nach einer Flugverspätung vor einiger Zeit Entschädigungsansprüche geltend machen wollte, habe sie sich an ein Legal-Tech-Portal gewendet. Ihr Eindruck: „Wenn man die Prämie an den Anbieter in Kauf nimmt, erspart einem die Online-Abwicklung viel Stress und Ärger.“ Aber auch Zeit? Um zu schauen, was dran ist, hat Mertgen-Sauer bei einem ähnlichen Fall versucht, selbstständig zu ihrem Recht und Geld zu kommen. „Beides hat ungefähr gleich lang gedauert“, sagt sie. „Aber sich selbst mit Dokumenten und Fluganbietern rumzuschlagen war bei Weitem nicht so entspannt.“

Vor Kurzem noch umstritten

Rechtlich war die digitale Rechtsberatung übrigens noch bis vor Kurzem umstritten. Der Grund: Viele Legal-Tech-Start-ups haben, anders als Rightmart, keine Anwaltslizenz. Sie sind lediglich als Inkasso-Unternehmen registriert. Im November hat der Bundesgerichtshof nun offiziell am Beispiel des Portals Wenigermiete.de entschieden: Die Geschäftsmodelle von Legal-Tech-Anbietern sind zulässig. Es gilt als Grundsatzurteil auf dem relativ neuen Markt der digitalen Rechtsberatung – und könnte die boomende Branche beflügeln.

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