Trägerrakete mit Startschwierigkeiten

Ariane-6-Rakete: Zulieferer warnt vor Stellenabbau

Verspätungen und wenig Nachfrage: Die Lage für die Ariane-6-Rakete könnte besser sein. Mit MT Aerospace warnt nun ein wichtiger Zulieferer. Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel.
06.08.2020, 05:00
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Ariane-6-Rakete: Zulieferer warnt vor Stellenabbau
Von Stefan Lakeband
Ariane-6-Rakete: Zulieferer warnt vor Stellenabbau

Zwei Baustellen: Noch gibt es die Ariane 6 nur im Modell. Der erste Flug wurde immer wieder verschoben und ist aktuell für die zweite Jahreshälfte 2021 geplant. Einer der Gründe ist die Corona-Pandemie, wodurch die Bauarbeiten am neuen Startplatz in Französisch-Guayana verzögert wurde. Auch diese Baustelle muss erst noch abgeschlossen werden. Das bringt den Zulieferer MT Aerospace in Bedrängnis.

Janne Kieselbach /dpa

Noch im Mai sprach Esa-Chef Jan Wörner davon, dass die europäische Raumfahrt mit einem blauen Auge durch die Corona-Krise kommen werde. Nun zeigt sich: Der Chef der europäischen Weltraumagentur könnte gehörig daneben gelegen haben. Denn jetzt schlägt ein wichtiger Zulieferer für Europas neue Rakete, die Ariane 6, Alarm.

Es ist ein untrügliches Zeichen, dass es ein Unternehmen ernst meint, wenn der Chef und der Betriebsrat gemeinsam an die Öffentlichkeit gehen und davon sprechen, dass Stellen in Gefahr sind. Genau das hat Hans Steininger, Vorstand von MT Aerospace, aber am Mittwoch gemacht. Er sagt, sein Unternehmen könne in „massive wirtschaftliche Schwierigkeiten“ kommen und das der „Verlust weiterer Arbeitsplätze“ droht.

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MT Aerospace hat seinen Sitz in Augsburg, gehört zum Bremer Raumfahrtunternehmen OHB und baut unter anderem Tanks für die europäische Trägerrakete Ariane 5. Am Bau der Nachfolgerin ist der Zulieferer ebenfalls beteiligt. Sein Arbeitsanteil macht ungefähr zehn Prozent aus. Doch weil die Ariane 6 Startschwierigkeiten hat, bekommt nun auch MT Aerospace Probleme. Eigentlich hätte die Ariane 6 Ende dieses Jahres ihren Erstflug haben sollen.

Wegen Corona wurde der aber verschoben – auf die zweite Jahreshälfte 2021. Denn nicht nur in der Produktion hat die Corona-Krise zu Verzögerungen geführt, auch am Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana. Hier dauern die Arbeiten am Startplatz an. Wie lange, das kann noch nicht gesagt werden. In dem Departement in Südamerika beeinträchtigt Covid immer noch den Alltag.

Preise haben sich halbiert

Hinzu kommt, dass sich der Markt für große Raketen wie die Ariane 6 seit dem europäischen Beschluss für den Bau im Jahr 2014 massiv geändert hat. Mit SpaceX ist ein großer Konkurrent herangewachsen; gleichzeitig werden Satelliten kleiner und können mit anderen Raketen gestartet werden. Als Folge fallen die Preise. Habe der Startpreis für einen großen Satelliten 2014 noch bei 100 Millionen Dollar gelegen, sei es jetzt gerade einmal die Hälfte, sagt der MT-Aerospace-Chef.

Im Gespräch mit dem WESER-KURIER sagt Steininger, dass sein Unternehmen ursprünglich für elf Raketen im Jahr zuliefern sollte. Diese Zahl wurde nun deutlich reduziert. „Mit vier Raketen im Jahr können wir aber nicht überleben.“ Und: „Wenn der Umsatz fehlt, müssen wir an den Kosten drehen.“ Circa 100 Beschäftigte könnten von diesen Einsparungen betroffen sein. Viele davon in Augsburg, aber auch am Standort Bremen. Hier wird an den Tanks für die Oberstufe der Ariane 6 gearbeitet. Eigentlich wollte MT Aerospace laut Steininger etwa 30 Mitarbeiter dafür beschäftigten. Diese Zahl soll nun auf ein Drittel oder ein Viertel reduziert werden.

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Ob das tatsächlich so eintritt, werde sich im Herbst zeigen. Bis dahin hofft der Manager, Unterstützung zu bekommen – vor allem finanzielle. „Wir sind hier in einer Situation, in der nur Entscheidungen der Politik die Gefahr abwenden können“, sagt auch Markus Zerle, Betriebsratsvorsitzender von MT-Aerospace. Konkret geht es einerseits um finanzielle Mittel, die dabei helfen sollen, den schwierigen Übergang von der Ariane 5 zur Ariane 6 zu ermöglichen. Andererseits hofft Steininger auf Hilfe, die die fehlenden Aufträge ausgleicht – bis die neue Ariane 6 so angepasst worden sei, dass sie besser auf den Markt zugeschnitten ist.

Vor allem die Raketen des US-Unternehmens SpaceX setzen der europäischen Ariane zu. Auch, weil sie deutlich günstiger sind. Das hängt einerseits damit zusammen, dass SpaceX bei institutionellen Starts, zum Beispiel für US-Behörden, viel höhere Preise verlangen kann als für kommerzielle Starts. Laut Steininger fast zwei- bis dreimal so viel. Andererseits kann SpaceX auch günstiger sein, weil Teile der Rakete wiederverwendet werden können. „Wer das macht“, sagt er, „hat einen Kostenvorteil.“

Von Einschnitten weit entfernt

Beim Hauptauftragnehmer Ariane Group, der seinen Sitz in Bremen hat, ist die schwierige Lage von MT Aerospace bekannt. Dass ein Zulieferer so drastische Probleme habe, kenne man aber nur vom Augsburger Unternehmen. Für die anderen der rund 200 deutschen Zulieferer sei die Situation nicht so dramatisch, heißt es aus dem Unternehmen. Auch Ariane Group selbst ist sich der schwierigen Lage ihrer neuen Rakete bewusst. Man stehe aber vor keinen Problemen, die nicht zu bewältigen wären. Auch von Einschnitten, wie sie bei MT Aerospace drohen, sei man weit entfernt.

Hans Steininger glaubt trotz der Lage an die Ariane 6. Daran, dass Europa weiterhin einen eigenen Zugang zum All haben will und daran, dass es nicht von Staaten wie China oder den USA abhängig sein will. Und schließlich habe sich die Ariane 5 vor vielen Jahren schon einmal gegen eine andere Rakete durchgesetzt. Die kam damals aus Russland.

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