Sitzung des Medienrates

Aufsehen um die Aufseherin

Darf sich Medienaufseherin Cornelia Holsten einen Podcast produzieren lassen? Umsonst? Von der Tochter einer Firma, die sie beaufsichtigt? Bevor der Medienrat diese Fragen diskutiert, müssen Journalisten gehen.
13.03.2020, 10:08
Lesedauer: 3 Min
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Aufsehen um die Aufseherin
Von Nico Schnurr
Aufsehen um die Aufseherin

Für ihren Podcast hat die Direktorin der Landesmedienanstalt, Cornelia Holsten, Kritik einstecken müssen. Bei der Diskussion des Medienrats wurde die Presse kurzerhand ausgeschlossen.

BreMa/sagmalspaghetti fotodesign

Die Sitzung des Bremer Medienrates läuft schon etwa eine Stunde, da rutscht das Namensschild von Cornelia Holsten vom Tisch auf den Boden. Die Unterlagen vor ihr sind schuld, Holsten berührt sie leicht, der Papierstapel schiebt nach vorne und stößt das Namensschild vom Tisch. „Oh“, sagt Holsten, „die Aktenlage ist aber auch besonders umfassend heute.“ Und das ist natürlich eine hübsche Umschreibung für das Theater, das sich seit einigen Wochen in Mails und Stellungnahmen zwischen der Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt und ihrem Beschlussgremium abspielt, und nun in Teilen ausgedruckt und abgeheftet vor ihr liegt.

Auch am Donnerstag wird das Theater erst mal nicht kleiner. Der Medienrat will der Direktorin Fragen stellen, das ist der Plan, so sieht es die Tagesordnung vor. Bevor es dazu kommt, vergehen beinahe anderthalb Stunden Diskussion. Mitglieder des Medienrats beleidigen sich gegenseitig, mehrfach wird die Sitzung unterbrochen, Vorstand und Justiziar ziehen sich zurück und beraten.

Es geht um die Frage, ob die Presse zuhören darf, wenn der eigentliche Auslöser des ganzen Theaters diskutiert wird. Es folgt ein Hin und Her. Kurz scheint es, als dürften die Journalisten bleiben. Am Ende müssen sie den Raum dann doch verlassen. Obwohl zwischenzeitlich kaum jemand so genau weiß, ob das richtig ist. Unklarheiten? Egal. Die Presse muss gehen. Geht ja auch um einiges. Um einen Podcast. Und eine Personalie.

Also von vorne: Bremens Medienaufseherin hat einen Podcast produziert. Cornelia Holsten hat sich für die erste Folge des Formats mit einem sogenannten Influencer unterhalten, der sein Geld mit Beiträgen über Männermode auf der Plattform Instagram verdient. Holsten, die Medienaufseherin, arbeitet sich in dem aufgezeichneten Gespräch vor allem an Oberflächlichkeiten ab. Es geht unter anderem um Kleiderschränke und Boxershorts. Flughöhe der Unterhaltung: „Haben Sie ein Ankleidezimmer, so wie Carrie Bradshaw?“ Oder: „Mal Hand aufs Herz: Über oder unter 30 Paar Schuhe?“

Gibt es einen Interessenskonflikt?

Kritische Fragen stellt Holsten eher nicht. Das erledigen dann später Journalisten der Seite „Übermedien“. Sie finden heraus, dass Holstens Gast seine Instagram-Follower teilweise ertrickst und die Texte unter seinen Bildern in einigen Fällen bei anderen Nutzern geklaut hat. Der Influencer räumt sein Vorgehen daraufhin ein und entschuldigt sich.

Holsten soll den Podcast aus eigenen Stücken gestartet haben. Der Medienrat will erst kurz vor Veröffentlichung der ersten Folge davon erfahren haben. Das Projekt, das Holsten inzwischen eingestellt hat, soll Audio Alliance in Berlin produziert haben, ein Tochterunternehmen des Senders RTL. Gegenüber dem Medienrat erklärt Holsten laut „Übermedien“ per Mail, der Podcast habe „keine Kosten“ verursacht. Mit anderen Worten dürfte das bedeuten: Die RTL-Tochter hat ihr die Produktion eines Podcasts geschenkt.

Holsten ist aber keine Privatperson, sondern die Medienaufseherin Bremens. Es gehört zu ihren Aufgaben, das Regionalprogramm von RTL Nord zu beaufsichtigen. Darf sie da einfach mit diesem Sender zusammenarbeiten? Umsonst? Oder entstehen bei so einem Projekt nicht nur Podcasts, sondern gibt es vielleicht auch einen In­teressenskonflikt?

Der Medienrat will diesen Fragen am Donnerstag nachgehen. Die Sitzung findet in der Neustadt statt, in einem Tagungsraum im Martinsclub, sie beginnt am Nachmittag und wird bis in die Abendstunden dauern. Der Medienrat schreibt sich Transparenz auf die Fahne, deswegen soll ein Großteil der Sitzung öffentlich stattfinden, so ist es angekündigt.

Es kommt dann, einige Streits und diverse Abstimmungen später, anders. Ein Ausnahmefall, heißt es, Persönlichkeitsschutz. Als die Journalisten gehen, glaubt man, in einigen Gesichtern Erleichterung zu erkennen. Stunden später ist dann zu erfahren: „Nach kontroversen Diskussionen wurde festgestellt, dass der Medienrat keine rechtlichen Einwände gegen das Podcast-Projekt von Frau Holsten hat.“

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