Raumfahrt-Zulieferer

Aus der Nische ins All

Advanced Space Technologies aus Osterholz-Scharmbeck sorgt dafür, dass Raketen-Triebwerke genug Treibstoff erhalten. Firmengründer Hans-Peter Harmann hatte gute Gründe, sich im Nordwesten niederzulassen.
23.09.2018, 21:37
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Aus der Nische ins All
Von Stefan Lakeband

Für Hans-Peter Harmann geht es nach oben. Der geräumige Konferenzraum unterm Dach seines neuen Firmengebäudes steht nur stellvertretend für den Aufstieg, den sein Unternehmen in den vergangenen Jahren hingelegt hat. Und dafür, welche wichtige Rolle Zulieferer in der Raumfahrt spielen.

Denn egal ob Rakete, Satellit oder Sonde: Überall werden Rohre, Schrauben, Kabel gebraucht. Meist werden diese Teile von Mittelständlern hergestellt, von Firmen, deren Namen kaum einer mit dem Weltraum in Verbindung bringt. Auch Harmanns Unternehmen ist meist nur Kennern der Branche bekannt. Dabei hat er mit Advanced Space Technologies (AST) etwas geschaffen, das das Potenzial hat, eine kleine Revolution in der Raumfahrt auszulösen.

Der 49-Jährige bietet nicht nur etwas an, das es schon auf dem Markt gibt. Er hat das Produkt sogar noch verbessert. Die Firma AST ist Spezialist für die Treibstoffversorgung von Triebwerken. Ventile, Drucksensoren, Leitungen – „alles was man braucht, um Flüssigkeiten und Gase zu kontrollieren“, sagt Harmann.

Ein Auftrag wie ein Ritterschlag

Als der promovierte Physiker sein Unternehmen 2010 gründete, kamen diese Komponenten allesamt aus den Vereinigten Staaten. Zusammengebaut waren sie nicht nur riesig, sondern auch sehr schwer. Sie ins All zu befördern, war entsprechend teuer. Harmann wollte beides ändern. Mit Hilfe einer Förderung der Europäischen Kommission hat er geforscht, gebastelt, entwickelt und letztendlich eine Lösung gefunden.

Statt viele Rohrleitungen zwischen den einzelnen Ventilen unterzubringen, hat er das System neu gedacht. Herausgekommen ist eine Art Platine, auf der Ventile Platz finden. Verbunden sind sie über ein Netzwerk von Kanälen innerhalb der Bodenplatte. „Da wackelt nichts“, sagt Harmann. Und vor allem ist sein System deutlich kleiner als alles, was es bislang auf dem Markt gibt.

„Wir sind mit allen großen Playern in Kontakt“, sagt Harmann. Ein Auftrag sei aber wie ein Ritterschlag gewesen: Für das Projekt Oneweb, das mit 900 Satelliten an jedem Punkt der Erde Internet bereitstellen will, liefert AST die Verbindung zwischen Triebwerk und Tank. Ein Auftrag, der sich lohnt. AST will damit vom Technologie- auch zum Marktführer werden. „Wir gehen davon aus, dass unser System der weltweite Standard wird“, sagt Harmann.

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Welche Bedeutung das Geschäft mit Oneweb hat, zeigt auch eine andere Dimension. Advanced Space Technologies wächst. Nicht nur ein bisschen, sondern gewaltig. Gerade ist das Unternehmen umgezogen. Von 400 Quadratmetern auf 5000. Dafür hat die Firma ein Gebäude in Osterholz-Scharmbeck übernommen. Dort baut sie die Serienfertigung auf – Reinraum inklusive.

Dass sich AST überhaupt im Bremer Umland ansiedelte, hat laut Harmann vor allem mit der Infrastruktur zu tun. Ein internationaler Flughafen sollte in der Nähe sein, außerdem ein Bahnhof mit ICE-Anschluss. All das hatte Harmann am ersten Standort in Lindau am Bodensee nicht. Doch warum Bremen? Flughäfen und Fernbahnhöfe gibt es schließlich an vielen Orten in Deutschland.

Ausschlaggebend war letztendlich der Bremer Raumfahrt-Kosmos – und die Bemühungen der Wirtschaftsförderung (WFB). Der zuständige Mitarbeiter sei sehr bemüht gewesen, habe ihn mit vielen Informationen versorgt und das Gefühl gegeben, er sei in Bremen willkommen, sagt Harmann.

Nichts mehr von der Willkommenskultur übrig

„Als ich bei einer Veranstaltung zu Besuch war, hat er mir ein Glas Sekt in die Hand gedrückt und mich allen wichtigen Menschen aus der Branche vorgestellt“, erinnert sich der Geschäftsführer. Wie leicht man hier ins Gespräch kommt, habe ihn beeindruckt. Dass er mit seiner Firma dann nach Stuhr und nicht direkt in die Hansestadt umgesiedelt ist, war Zufall. Erst nachdem er sich für das Grundstück entschieden hatte, stellte er fest, dass Stuhr schon zu Niedersachsen gehört.

So zufrieden er 2012 mit der WFB war, so unzufrieden ist er nun. Der Verantwortliche habe gewechselt, von der Willkommenskultur sei nichts mehr übrig. Als er nun einen größeren Standort für AST suchte, habe er kaum Hilfe bekommen. „Ich hatte das Gefühl, als sei es der WFB egal, ob wir kommen oder nicht“, sagt Harmann. Fündig ist er dann im Landkreis Osterholz geworden. Neben ausreichend Platz sieht Harmann darin noch eine weitere Chance: Er kann sich vorstellen, mit seiner Firma den „Nukleus für einen Zulieferer-Gürtel rund um Bremen aufzubauen“.

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