Hausarztpraxen in Bremen Aus für 150 Praxen möglich

Bremen. Bis zu 12000 Arztpraxen könnten in Deutschland verschwinden, ohne dass sich die medizinische Versorgung verschlechtert. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).
12.07.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Aus für 150 Praxen möglich
Von Sabine Doll

Bremen. Bis zu 12000 Arztpraxen könnten in Deutschland verschwinden, ohne dass sich die medizinische Versorgung verschlechtert. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Aus Sicht des Verbandes sollen die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) überzählige Arztsitze aufkaufen. Auch Bremen gilt als überversorgt. Auf Grundlage des Gutachtens könnten rund 150 Praxen in der Hansestadt betroffen sein.

Ärztemangel oder -überschuss - um diese Frage dreht sich die aktuelle Debatte in der Gesundheitspolitik. Mit dem Gutachten des Prognos-Instituts hat der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen jetzt deutlich den Abbau von Arztsitzen gefordert. "Als überversorgt gilt eine Region dann, wenn sie den Höchstwert von 110 Prozent beim Versorgungsgrad erreicht hat", sagt Jörg Hermann, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung in Bremen (KVHB).

Wie die meisten anderen Großstädte in Deutschland erreicht auch Bremen diese Marke nach einer aktuellen Statistik der KVHB in allen Arztgruppen. Ganz oben stehen die Psychotherapeuten und die fachärztlich tätigen Internisten mit knapp 160 Prozent. Letztgenannte müssten um das Aus von 104 Praxen im Stadtgebiet bangen (wir berichteten).

Vorkaufsrecht für KV

Feuer in die Debatte bringt ein Entwurf zum neuen Versorgungsgesetz, das die Bundesregierung noch in diesem Jahr verabschieden will: Danach sollen die Kassenärztlichen Vereinigungen künftig ein Vorkaufsrecht haben, wenn ein Mediziner in den Ruhestand geht oder aus anderen Gründen seine Praxis aufgibt. Der GKV-Spitzenverband fordert in seinem Gutachten, dass die KVen in überversorgten Gebieten zum Aufkauf und der Stilllegung überflüssiger Praxen verpflichtet werden. Bezogen auf die aktuell bestehende Grenze von 110 Prozent würde dies bundesweit rund 12000 Ärzte betreffen, in Bremen könnten dafür nach Informationen dieser Zeitung 150 Praxen infrage kommen.

Dass es in der Hansestadt "in einigen Arztgruppen Überkapazitäten gibt, die wir uns demnächst genauer anschauen werden", ist für Hermann eine der zentralen Aufgabe der Bremer KV. Der Aufkauf von Praxissitzen sei nicht neu. Bislang war dies allerdings nur dann möglich, wenn der Praxisinhaber mindestens 62 Jahre alt war. Diese Altersgrenze soll nun mit dem neuen Versorgungsgesetz fallen.

"In den letzten zehn Jahren haben wir rund ein Dutzend Arztsitze, die durch Ruhestand frei geworden sind, aufgekauft und stillgelegt. Und das werden wir auch in Zukunft als Instrument zur Steuerung einsetzen."

Warnung vor Unterversorgung

Die Forderung des Kassenverbandes nach konsequentem Abbau hält Hermann aber für zu kurzsichtig: "Beispiel fachärztliche Internisten: In dieser Arztgruppe sind mehrere Fachärzte zusammengefasst. Geht etwa ein Gastroenterologe in den Ruhestand, kann dieser Sitz nicht automatisch für eine Wiederbesetzung gesperrt werden, wenn es sich dabei um einen von drei Gastroenterologen handelt. Dann entsteht eine Unterversorgung."

Regulierungsbedarf sieht der KV-Chef bei den Psychotherapeuten: "Patienten müssen mehrere Wochen auf einen freien Therapieplatz warten. Ein Grund dafür ist aber auch, dass es Therapeuten gibt, die eine deutlich geringere Wochenarbeitszeit haben als viele Fachärzte", kritisiert der KV-Chef. "Auf dieser Grundlage kann man nicht sagen: Die Wartezeit weist auf einen größeren Bedarf hin."

Die Bremer Krankenkasse hkk hält das Gutachten ihres Dachverbandes für stimmig, verweist aber auf die Sondersituation als Stadtstaat: "Zwar hat Bremen nach Hamburg die zweithöchste Arztdichte in Deutschland, zudem gibt es bei uns 36,5 Prozent mehr Ärzte im Vergleich zu 1991 - das ist das stärkste Wachstum aller westlichen Bundesländer", betonte hkk-Chef Michael Lempe gegenüber dieser Zeitung.

"Allerdings muss man berücksichtigen, dass 20 Prozent der Behandlungsfälle bei Bremer Ärzten auf niedersächsische Patienten entfallen. Dies rechtfertigt eine höhere Facharztdichte als in anderen Städten."

Regionale Unterschiede

Norbert Kaufhold, Chef der AOK Bremen/Bremerhaven, sieht in dem GKV-Gutachten " eine deutliche Antwort auf den angeblich akuten Ärztemangel in Deutschland. Die Studie belegt, dass dies nicht so ist. Auch in Bremen haben wir in einigen Bereichen Überkapazitäten." Allerdings schränkt auch er ein, dass es bei den einzelnen Arztgruppen und regional Unterschiede gibt.

Den Aufkauf und die Stilllegung von Arztsitzen in überversorgten Gebieten hält Kaufhold grundsätzlich für ein wichtiges Steuerungsinstrument. Dies erhöhe den Anreiz für Ärzte, sich in unterversorgten Gebieten, die es vor allem auf dem Land gibt, niederzulassen.

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