Rückgang um 82 Prozent

Ausbau der Windenergie deutlich ausgebremst

Im ersten Halbjahr 2019 sind nur noch 86 Windenergieanlagen in Deutschland aufgestellt worden. Das sind 82 Prozent weniger als im bereits schwachen Vorjahr. Wer beim Ausbau ganz vorn liegt.
25.07.2019, 18:50
Lesedauer: 4 Min
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Von Andreas Hoenig und Lisa Boekhoff
Ausbau der Windenergie deutlich ausgebremst

Über einem Feld mit Windrädern in Niedersachsen bei Hannover geht die Sonne auf. Die Branche sieht derzeit aber wenig Hoffnung am Horizont.

Stratenschulte/DPA

Der Ausbau der Windenergie an Land in Deutschland ist fast zum Erliegen gekommen. Im ersten Halbjahr lag der Bruttozubau bei 287 Megawatt beziehungsweise 86 Anlagen – im Vergleich zum bereits schwachen Vorjahreszeitraum war dies ein Rückgang von 82 Prozent.

Das geht aus Zahlen der Deutschen Windguard im Auftrag der Verbände BWE und VDMA Power Systems hervor, die am Donnerstag vorgelegt wurden. „Genehmigungsstau und Klageflut belasten die Branche“, sagte der Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE), Hermann Albers. Er forderte die Politik zu einem Windenergie-Gipfel auf.

In sechs Bundesländern wurden im ersten Halbjahr gar keine neuen Windanlagen errichtet – in Bayern, wo es strenge Abstandsregelungen zur Wohnbebauung gibt, in Hessen, dem Saarland, Hamburg, Berlin und auch in Bremen nicht. Dagegen belegte Niedersachsen im Ländervergleich den zweiten Platz hinter Rheinland-Pfalz. Seit Jahresbeginn sind hier 14 Anlagen gebaut worden.

Die Zahl der Anlagen legte auch in Bremen in den vergangenen Jahren stetig zu. Insgesamt gibt es 89 – davon 25 in Bremerhaven. Das Potenzial sei nun aber weitgehend ausgeschöpft, sagte Tim Cordßen, Sprecher des Wirtschaftsressorts. In einem Stadtstaat gebe es schneller Grenzen.

„Wir liegen mit einer Leistung von knapp 200 Megawatt im Jahr auch schon weit vorne“, so Cordßen. Nun gehe es öfter um die Frage, Windanlagen, die bereits am Ende ihrer Laufzeit angekommen seien, zu ersetzen. Das müsse aber teils auch mit einem andere Interesse abgewogen werden: ausreichend Gewerbeflächen zu schaffen. „Es gibt einen Nutzungskonflikt.“

Die Branchenverbände sprachen am Donnerstag angesichts der Zahlen vom schlechtesten Zuwachs seit Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2000. Insgesamt kletterte die Zahl der Anlagen unterm Strich um 35 hoch und damit um 231 Megawatt mehr, weil zugleich Anlagen zurück gebaut wurden. Neue Windräder sind deutlich leistungsstärker.

Genehmigungsverfahren müssen vereinfacht werden

Als Hauptgrund für den Einbruch gelten lange Genehmigungsverfahren. Albers sagte, die Energiewende scheitere nicht an den Kosten, sondern werde durch eine unzureichende Flächenbereitstellung in den Ländern, fehlende Genehmigungen und Klagen sowie Widerspruchsverfahren gegen bereits erteilte Genehmigungen aufgehalten. Er forderte die Politik auf, die Verfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen. Es müsse geprüft werden, ob sich Klageverfahren über Jahre hinweg ziehen müssten.

Nach einer Analyse der Fachagentur „Windenergie an Land“ werden derzeit in Deutschland mehr als 300 Anlagen mit 1000 MW Leistung beklagt. Der Natur- und Artenschutz ist mit weitem Abstand der Hauptklagegrund gegen neue Windräder. Aber auch militärische Belange und Drehfunkfeuer stellten Genehmigungshemmnisse dar. Gegen den Bau von Windrädern gibt es vor Ort zahlreiche Bürgerinitiativen.

Eine Arbeitsgruppe der Großen Koalition zur Akzeptanz der Energiewende sollte eigentlich bis Frühjahr ein Papier vorlegen. Fachpolitiker von Union und SPD konnten sich aber nicht einigen. Umstritten sind dem Vernehmen nach vor allem Abstandsregelungen.

Der Verband BEW erwartet zwar im zweiten Halbjahr mehr neue Anlagen. Er schraubte aber seine Prognose für das Gesamtjahr herunter, auf einen Bruttozubau von rund 1500 Megawatt (MW). Matthias Zelinger von VDMA Power sprach mit Blick auf den massiven Einbruch von einem „Schlag in die Magengrube“ der Energiewende. „Es ist hart für die Branche, jetzt die Prognose kappen zu müssen, denn wir sehen ja, dass mehr Erneuerbare Energie gebraucht wird. Immer mehr Industrie-Unternehmen wollen klimaneutral produzieren. Wärme und Verkehr brauchen zusätzlich erneuerbaren Strom.“

„Die Branche war bisher mit einem Ausbau von 4000 bis 5000 MW pro Jahr auf einem hohen Niveau“, relativierte Dirk Briese, Geschäftsführer vom Bremer Marktforschungsinstitut Windresearch, ein wenig. Der Einbruch komme nicht überraschend: „Diese Hungerjahre ließen sich schon voraussehen.“ Neben der generellen Begrenzung der Menge gebe es weitere Ursachen für den Rückgang. In den Ausschreibungen 2017 setzten sich etwa vor allem Bürgerenergiegesellschaften durch. „Das Ausschreibungsdesign hat sie bevorzugt, um die Akzeptanz für die Windenergie in der Bevölkerung zu erhöhen.“ Die Projekte dieser Gesellschaften hätten aber mit 54 Monaten wesentlich mehr Zeit für die Umsetzung der Pläne bekommen.

Zu wenige Genehmigungen

Die Auswirkungen des Einbruchs spiegeln sich beim Bremer Windparkentwickler WPD wider. Bislang brachte das Unternehmen in Deutschland jährlich Anlagen im Umfang von 120 bis 150 MW auf den Weg. Nun sind es laut Sprecher Christian Schnibbe noch 30 bis 40 MW. „Wir sehen im Augenblick eine massive Ausbaudelle.“ Wie Briese macht Schnibbe dafür vorherige Ausschreibungen verantwortlich. Viele der dabei privilegierten Bürgerwindparks seien nicht realisiert worden, weil es keine Genehmigung gab.

Damit fehle dem Markt ein großes Volumen. Überhaupt mangele es an genehmigten Projekten. „Die naturschutzrechtlichen Hürden sind unverhältnismäßig im europäischen Vergleich“, kritisierte Schnibbe. „In Deutschland wird Individuenschutz statt Artenschutz betrieben und die Politik, die die Ausbauziele definiert, überlässt den Genehmigungsbehörden hier den Druck der Verantwortung.“ WPD habe die Aktivitäten im Ausland verstärkt.

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Diese Strategie verfolgt auch Enercon. Der größte deutsche Hersteller von Windenergieanlagen mit Sitz im ostfriesischen Aurich will seine Aktivitäten im Ausland weiter ausbauen. Die „andauernde Blockade des deutschen Onshore-Windenergiemarktes“ sei auch für Enercon eine „äußerst unbefriedigende Situation“, teilte ein Sprecher mit.

Die Einführung von Ausschreibungen und der „Genehmigungsstau mit inzwischen dramatischem Ausmaß“ habe das Marktvolumen massiv reduziert. „Enercon warnt seit Monaten vor den Folgen für die deutsche Windindustrie und fordert zusammen mit den Branchenverbänden die Politik eindringlich zum Handeln auf – bislang jedoch leider ohne Erfolg.“ Der Negativtrend werde in den nächsten Monaten anhalten.

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