Ausbildung im Wandel

Digitalisierungsmanager treiben Prozesse voran

Kaufleute für Digitalisierungsmanagement sollen Prozesse in Unternehmen vorantreiben. Die Ausbildung dazu ist neu. Der Klebesystemexperte Bühnen sucht noch einen passenden Kandidaten für eine Stelle.
20.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Digitalisierungsmanager treiben Prozesse voran
Von Lisa Boekhoff
Digitalisierungsmanager treiben Prozesse voran

Nachwuchs, bitte setzen: Der Geschäftsführer Bert Gausepohl und der Leiter der IT Jan Kosiankowski suchen eine Kollegin oder einen Kollegen. Das Unternehmen Bühnen ist Experte für Klebesysteme. Gerne soll der Auszubildende am Haus kleben bleiben – und übernommen werden.

Frank Thomas Koch

Rechner? Stuhl? Chefs? Alles da. Dieser Schreibtisch wartet nur, dass jemand an ihm Platz nimmt. Bisher allerdings vergebens. Denn Bühnen ist noch auf der Suche nach Nachwuchs. Dabei ist das Unternehmen eigentlich Experte für Anziehungskraft: als Anbieter von Klebesystemen. Ob in Autos, Milchtüten oder im Handy – überall ist Kleber versteckt. Nur ein Bewerber blieb hier noch nicht haften.

Ganz genau bietet Bühnen einen Ausbildungsplatz zum Kaufmann oder zur Kauffrau für Digitalisierungsmanagement an. Noch nie gehört? Das liegt vermutlich daran, dass dieser Beruf eine Premiere feiert. Die Ausbildung ersetzt die Lehre für die Informatikkaufleute. Die Aufgabe des Digitalisierungsmanagers ist wichtig für die Zukunft eines Unternehmens. Schließlich geht es um die Digitalisierung von Geschäftsprozessen – ganz zentral auch bei Bühnen.

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Das Unternehmen bietet Schmelzklebstoffe und passende Auftragstechnik dafür an. Die Systeme kommen überall zum Einsatz: ob bei Verpackungen, in der Bauindustrie oder als Heißklebepistole beim Floristen. „Die IT ist für mich inzwischen das Rückgrat der Firma“, sagt Geschäftsführer Bert Gausepohl. Wenn sie fehle? Dann funktioniere nichts mehr.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung genau? Im Augenblick beschäftigt man sich hier zum Beispiel mit Künstlicher Intelligenz. „Die Menge an Daten, die ein Unternehmen unserer Größenordnung schon produziert, ist in meinen Augen gigantisch“, sagt Gausepohl. Und diese Daten könnten noch stärker analysiert werden. KI könnte etwa Alarm schlagen, wenn sich bei einem Kunden das Kaufverhalten ändert. Das ist die Zukunft – für die braucht es aber Nachwuchs.

Frisch auf die Liste der Ausbildungen gekommen

Derzeit ist die IT noch eine One-Man-Show namens Jan Kosiankowski. Doch der Leiter der IT hofft auf Verstärkung. Bisher habe es keinen geeigneten Kandidaten gegeben und relativ wenig Bewerbungen. „Ich schätze, das hängt auch damit zusammen, dass der Beruf gerade frisch auf die Liste der Ausbildungen gekommen ist“, sagt Kosiankowski. Im Kern geht es bei der Lehre darum, dass das Unternehmen von der Digitalisierung profitiert – eine anspruchsvolle Tätigkeit.

Gesucht und begehrt. Generell gewinnt die IT in der Wirtschaft und damit auch auf dem Ausbildungsmarkt in Bremen immer mehr an Bedeutung. Rund 260 neue Ausbildungen sind in diesem Bereich in diesem Jahrgang laut Handelskammer bisher dazugekommen, 232 davon für den Fachinformatiker. Damit landet der Beruf bei den Ausbildungsverträgen derzeit an erster Stelle vor den Kaufleuten für Spedition und Logistikdienstleistungen und den Kaufleuten für Büromanagement. Das könnte auch mit Corona zusammenhängen: Die Pandemie hat die Logistik besonders getroffen.

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Michael Zeimet, Geschäftsführer für den Bereich Aus- und Weiterbildung bei der Handelskammer, sieht an den Zahlen zudem: „Die IT-Berufe sind innovativ und krisenfest.“ Unternehmen suchten teils händeringend nach Fachkräften in diesem Bereich. Das Informatikstudium ist derweil nicht mehr allein die Eintrittskarte für Bewerber. Für die Kaufleute für Digitalisierungsmanagement verzeichnet die Handelskammer bisher zwei Ausbildungsverhältnisse – überschaubar. Der Beruf sei aber auch speziell, sagt Zeimet: „Man muss ihm ein bisschen Zeit lassen, bis er sich durchsetzt und bekannt ist.“

Auch die Sparkasse Bremen bietet die neue Lehre an – angesichts rasanter Veränderungen in der Arbeitswelt durch die Di­gitalisierung. Im Mittelpunkt stehe die digitale Weiterentwicklung bestehender Geschäftsmo­delle mit einem noch stärkeren Fokus auf Kundennutzen und Wertschöp­fung, sagt Ausbilderin Janine Schulz. „Kaufleute für Digitalisierungsmanagement wirken mit bei der Umwandlung von analogen in digi­tale Prozesse und sie bewerten und analysieren kaufmännische Systeme, Daten und Prozesse.“

Detektivisch an die ganze Geschichte herangehen

Analog statt digital. Was muss der Nachwuchs bei Bühnen mitbringen? „Sherlock Holmes trifft es ganz gut, denn man muss detektivisch an die ganze Geschichte herangehen und strukturiert analysieren“, sagt Kosiankowski. Und Lösungen müssten dann auch die Kollegen zufriedenstellen – darum die kaufmännische Ausrichtung. „Unsere Mitarbeiter sind eigentlich alle meine Kunden.“

Azubis werden hier auch gesucht, weil die Materie Kleben kompliziert ist. „Wir bilden selbst aus, weil wir die Fachkräfte brauchen“, sagt Heike Lau, Leiterin des Marketings. „Wir wollen ihn oder sie gerne übernehmen.“ Kunden hat das Unternehmen mit 100 Mitarbeitern, davon 45 in Bremen, auch in Polen, Tschechien, Slowenien, Ungarn, der Schweiz, Belgien, Großbritannien, Polen, Österreich und den Niederlanden. Das Geschäft ist vielfältig und knifflig.

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Um die Komplexität des Klebens zu erahnen, reicht ein kurzes Gespräch mit Geschäftsführer Gausepohl. Nicht nur die Temperatur ist entscheidend, weil die Schmelzklebstoffe sich zum Auftragen bei Wärme verflüssigen und dann wieder fest werden sollen. Es kommt auf die Oberflächen an, das nötige Tempo für den Klebeprozess. "Wir kennen mehr als 3700 Schmelzklebstoffe.

Da müssen Sie den Richtigen für Ihre Anwendung herausfinden." Zwar werde immer noch genagelt, geschraubt, geschweißt und gelötet. Das sei aber ein bisschen "Old Economy", findet Gausepohl. Viele Formen seien erst mit Kleber möglich, überall sei er im Einsatz: Die Welt ohne Klebstoff zerfällt.

Der Kleber hat was von Bernsteinkugeln

Ob Kissen oder Granulat – in unzähligen Formen wird Kleber im Anwendungslabor aufbewahrt. Gausepohl zieht einen der vielen Kartons heraus, der eine Schmuckdose sein könnte: Der Kleber hat was von Bernsteinkugeln. „Die sehen schon schön aus.“

Bühnen möchte weitersuchen, selbst wenn der Ausbildungsbeginn in den Oktober fällt. Jan Kosiankowski muss beherrschen, was er dem Nachwuchs beibringen möchte: „Geduldig sein und zuhören. Das ist das Wichtigste.“

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