Interview zur Ausbildung in der Krise

Zahl der Lehrstellen in Bremen geht zurück

Die Zahl der Ausbildungsstellen sorgt Kammern und Gewerkschaften. Wie lässt sich gegensteuern? Ein Interview mit Janina Marahrens-Hashagen und Annette Düring.
26.06.2020, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Zahl der Lehrstellen in Bremen geht zurück
Von Lisa Boekhoff
Zahl der Lehrstellen in Bremen geht zurück

Durch die Corona-Krise ist die Zahl der verfügbaren Ausbildungsplätze in Bremen gesunken.

Sebastian Gollnow/dpa
In Bremen war Ausbildung schon vor Corona ein Sorgenkind. Wie groß sind Ihre Bedenken nun in dieser Krise, dass viele junge Menschen keine Stelle finden?

Annette Düring: Wir sehen, dass die Zahl der Ausbildungsplätze zurückgeht. Wir haben auch ein großes Problem, weil viele junge Leute durch den Shutdown der Schule überhaupt nicht auf die Idee gekommen sind, sich um einen Ausbildungsplatz zu kümmern. Ich habe die Befürchtung, dass wir eine Generation verlieren – ich muss das so deutlich sagen. Das macht mir große Sorgen. Wir merken, dass Schule in dieser Frage einen immensen Wert hat. Umgekehrt könnte ich sagen: Was für Probleme haben wir in den Elternhäusern, dass das Thema nicht auf der Agenda steht?

Die Nachfrage ist zurückgegangen. Es gibt Unternehmen, die keinen Bewerber finden. Frau Marahrens-Hashagen, wie sehen Sie das?

Janina Marahrens-Hashagen: Ich gebe Frau Düring Recht. Es hat überhaupt keine Berufsorientierung gegeben. Die Elternhäuser sind maßgeblich, aber nicht alle können ihren Kindern eine Leitlinie geben. Viele kleinere Unternehmen inserieren jetzt wieder und suchen Auszubildende. In der Metall- oder Elektroindustrie läuft es gut. Andere Branchen hat der Shutdown schwer getroffen. Die Unternehmer haben sich um sich selbst gekümmert, bevor sie sich Gedanken über die Ausbildung machten. Viele Betriebe wollen aber ausbilden. Wir reden ständig über den Fachkräftemangel: Die Ausbildung ist unsere Chance, junge Menschen im Betrieb zu halten.

Janina Marahrens-Hashagen - DGB trifft Handelskammer - Doppelinterview

Janina Marahrens-Hashagen

Foto: Christina Kuhaupt
Gerade läuft die intensivste Phase auf dem Ausbildungsmarkt. Welche Branchen ziehen sich bei der Ausbildung derzeit zurück?

Düring: Wir beobachten das in der Gastronomie und Hotellerie, mit Verzögerung auch etwas im Handwerk. Im Einzelhandel fürchte ich, dass es dort ebenfalls weniger Plätze geben wird. Warum es im Metall- und Elektrogewerbe oder der Raumfahrt anders ist? Das hat einen einfachen Grund: Die Betriebe haben im vergangenen Jahr schon die Verträge unterschrieben. Grundsätzlich lässt sich außerdem ein Strukturwandel beobachten: Es gibt eine Tendenz der Unternehmen, sich aus der kaufmännischen Ausbildung rauszuziehen und Bachelorabsolventen einzustellen.

Marahrens-Hashagen: Es gibt schon einen massiven Trend hin zum Studium. Gerade kleine Betriebe suchen jedoch immer noch händeringend Auszubildende mit entsprechenden Fähigkeiten. In bestimmten Berufen haben wir 20 Prozent mehr Stellen als Bewerber. Ich sehe bei mir im Betrieb, dass es in den letzten Jahren in den MINT-Fächern schwieriger geworden ist. Wenn jemand einen Metallberuf ausüben möchte, muss er aber rechnen können. Wir mussten schon eine Menge Arbeit in die Ausbildung stecken. Natürlich gibt es Hilfen. Ich wünsche mir aber, dass die jungen Leute besser ausgebildet in die Betriebe kommen.

Annette Düring - DGB trifft Handelskammer - Doppelinterview

Annette Düring

Foto: Christina Kuhaupt
Im Fall Mercedes ist bis 2023 gesichert, dass es 150 Ausbildungsplätze im Bremer Werk gibt. Das kann in solchen Zeiten ein Segen sein.

Düring: In Großbetrieben haben wir, insbesondere durch Tarifverträge, eine andere Planung. Doch auch hier sind wir vor Einschnitten nicht gefeit. Wir wissen nicht, wie es mit Arcelor-Mittal und dem Bremer Stahlwerk weitergeht. Natürlich sind wir optimistisch. Der größte Bereich, der uns Sorgen macht, sind aber die kleinen und mittelständischen Unternehmen, die nicht wissen, wie sie über die Runden kommen. Und dann wird überlegt, an welchen Stellschrauben man drehen kann. Das werfe ich den Unternehmen gar nicht vor. Nur: Wer nach Fachkräften schreit, muss Fachkräfte ausbilden. Wir müssen uns darum überlegen, wie wir Bewerber und Unternehmen stabilisieren können.

Die Zahlen machen die Entwicklung deutlich: Im Mai sind in der Stadt gut 20 Prozent weniger Ausbildungsplätze gemeldet worden – ein tiefer Einschnitt.

Marahrens-Hashagen: Bei der Handelskammer sind derzeit 9,4 Prozent weniger Ausbildungsverträge gemeldet als im Vorjahr. Außerdem fangen viele Unternehmen nun noch mal an zu suchen. Die Großbetriebe haben ihre Ausbildungsstellen im Dezember alle besetzt. Da war von Corona noch nicht die Rede.

Wie halten Sie es mit der Ausbildung?

Marahrens-Hashagen: Wir sind in meinem eigenen Unternehmen wegen der Kreuzfahrtindustrie in einer schwierigen Lage. Ich halte es aber für extrem wichtig, an der Ausbildung festzuhalten. Das ist unser Nachwuchs. Wir gehen alle irgendwann in Rente, und dann müssen andere die Firma übernehmen. Wir haben aber selbst bei der Suche Probleme. Als wir endlich einen Kandidaten für eine Ausbildung im digitalen Druck hatten, haben wir ihm den Vertrag zugeschickt und dann nichts mehr gehört. Es gibt auch diese Seite.

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Viele Unternehmen leiden an den Auswirkungen der Pandemie, Ausbildung ist zunächst eine Investition.

Marahrens-Hashagen: Klar, man investiert. Unsere Auszubildenden machen nach drei Jahren aber den Sprung zum Gesellen und können dann Verantwortung übernehmen. Das bringt ein Unternehmen doch voran! Als Unternehmen ist man stolz, wenn ein Auszubildender mit einer guten Leistung aus dem Betrieb kommt. Schlimm finde ich, dass die duale Ausbildung, um die uns das ganze Ausland beneidet, durch die Hochschulausbildung zurückgedrängt wird. Darunter leiden wir alle.

Bremen ist Logistik, Bremen ist Export, Bremen ist Industrie. Das birgt in dieser Krise Risiken. Leidet die Ausbildung in der Hansestadt wegen Corona besonders?

Düring: Dass Bremens Wirtschaft stärker betroffen ist, wirkt sich natürlich auf die Ausbildung aus. Was muss also passieren? Wir müssen an die jungen Leute ran und ihnen Orientierung geben. Die Jugendberufsagentur müssen wir stark in die Verantwortung nehmen.

Als DGB fordern Sie gemeinsam mit der Arbeitnehmerkammer einen Zukunftsfonds für das Land Bremen. Worum geht es genau und wer soll ihn zahlen?

Düring: Wir richten unsere Forderung an die Politik und die Unternehmen. Bremen sollte selbst Geld aufnehmen, um mehr Ausbildung im öffentlichen Dienst zu schaffen. Wenn wir viele junge Leute nicht unterbringen, sollten zudem die Betriebe in einen Ausbildungsfonds einzahlen – und zwar alle. Wer ausbildet, bekommt Geld aus diesem Fonds.

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Die Wirtschaftssenatorin plant doch eine solche Ausbildungsabgabe, wenn die Bremer Vereinbarung nicht Ergebnisse bringt. Reicht das nicht?

Düring: Wir stellen eins fest: Durch die Krise 2008 sind die Ausbildungszahlen massiv und dauerhaft abgesackt. Jetzt passiert das wieder. Wenn wir weiter Ausbildungsplätze verlieren, woher sollen dann die Fachkräfte kommen?

Und rechnen Sie sich Chancen aus, dass Ihre Forderung auf Zustimmung stößt?

Düring: Die Politik muss sich Gedanken machen, wie Ausbildung hier in Bremen weiterläuft. Ein „Weiter so“ kann es nicht geben, dann fahren wir vor die Wand. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ohne Berufsausbildung wird sonst steigen. Die ist jetzt schon ziemlich hoch. Das kann die Politik nicht durchhalten.

Was halten Sie vom Fonds?

Marahrens-Hashagen: Den Zwangsfonds lehnen wir entschieden ab. Das ist noch eine Belastung für die Betriebe, wir zahlen bereits diverse Abgaben. Und es wäre ein Nackenschlag für alle, die gerne ausbilden wollen, aber keine Auszubildenden kriegen.

Auf Bundesebene ist eine Prämie für Ausbildung durch das Kabinett beschlossen worden. Ein sinnvolles Instrument?

Marahrens-Hashagen: Die Bundesinitiative finde ich gut – vor allem die Unterstützung für Betriebe, die Auszubildende insolventer Betriebe übernehmen. Wir sind sonst auch einer Meinung: Wir wollen so viele Ausbildungsplätze wie möglich schaffen.

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Wie schätzen Sie die Wirkung der Prämie ein?

Düring: Das ist sicher eine Motivation. Wir gewinnen damit aber keine zusätzlichen Ausbildungsplätze. Darum halte ich einen Fonds für notwendig. Wir müssen selbstkritisch feststellen: Unsere Vereinbarungen in Bremen haben nicht das Ziel erreicht. Wir haben auf den guten Willen gesetzt. Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem wir sagen müssen: Der gute Wille funktioniert nicht. Wir haben seit Jahren eine gleichbleibend hohe Zahl an arbeitslosen Jugendlichen.

Was könnte noch helfen?

Marahrens-Hashagen: Die Stimmung unserer Auszubildenden ist gerade auf dem Nullpunkt, denn die Schulpläne erreichen sie nicht vernünftig. Das schadet auch unserer dualen Ausbildung. Wenn die Berufsschule funktioniert, wäre es für uns Unternehmen deutlich einfacher. Die Betriebe stellen sich digitaler auf und bilden entsprechend aus. Wir brauchen aber die Begleitung in den Berufsschulen. Und dann stelle ich mir die Frage: Warum sollen wir in einen Fonds einzahlen, wenn die Grundvoraussetzung nicht stimmt?

Düring: Da sind wir alle dran. Der Tenor ist: Die Berufsschule nach Corona muss eine andere sein. Wir haben einen großen Nachholbedarf bei der Ausstattung. Bildung ist ein Riesenschiff, das sich ganz langsam bewegt. In der Zeit läuft aber eine rasante digitale Entwicklung. Die Berufsschule rennt immer ein bisschen hinterher.

Wie geht es bei der Bremer Vereinbarung für Ausbildung weiter? Es soll nach dem Sommer einen Abschluss geben.

Düring: Wir sind auf einem guten Weg und haben uns bei Eckpunkten geeinigt. Ich bin optimistisch, aber es fehlen noch ein paar Hausaufgaben. Es geht um die Frage: Wer macht was? Ich schließe keine Vereinbarung mehr und hinterher ist keiner zuständig.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

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Zur Person

Janina Marahrens-Hashagen

ist Präses der Handelskammer Bremen und geschäftsführende Gesellschafterin der Marahrens Group, einem Spezialisten für Schiffsbeschilderungen.

Annette Düring

ist Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes in der Region Bremen-Elbe-Weser.

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Zur Sache

Mutmacher für beide Seiten

Die Prämie für Ausbildungsbetriebe begrüßt der Präses der Handwerkskammer Bremen Thomas Kurzke. „Ich freue mich über die weitblickende Entscheidung für die Ausbildungs- und Übernahmeprämie", kommentierte Kurzke den Beschluss. Damit mache die Bundesregierung deutlich, wie sehr sie die duale Ausbildung wertschätze. Die Prämie sei ein Mutmacher für die Betriebe und die Jugendlichen. Gedacht ist sie für kleine und mittelständische Unternehmen, die trotz Schwierigkeiten ihre Ausbildungsplätze erhalten oder sogar ausbauen.

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