Interview mit dem Chef von Robert C. Spies „Impfstoffe geben eine Perspektive“

Homeoffice, Shutdown im Einzelhandel, Krise – was bedeutet das für den Immobilienmarkt und für Bremens Stadtentwicklung? Ein Gespräch mit dem Chef von Robert C. Spies über Hoffnungen und Erwartungen.
15.12.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Impfstoffe geben eine Perspektive“
Von Lisa Schröder

Das Weihnachtsgeschäft erlebt jetzt seine Hochphase. Für den Einzelhandel gibt es nun aber eine Vollbremsung. Was bedeutet das für den Immobilienmarkt in diesem ­Segment?

Jens Lütjen: Der nochmalige Lockdown ist für die Mieter, insbesondere von hoch­preisigeren City-Handelsflächen, ein schwerwiegender Umsatzentgang und -einbruch. Es ist wichtig, diese aktuelle Situation zu antizipieren und mit hoher politischer ­Aufmerksamkeit die stark unter Druck ge­ratenen ­Bereiche zu stärken und zu flankieren. ­Anzumerken ist, dass die Stadtteile und ihre dortigen Handelsflächen bisher durch die Pandemie häufig sehr viel sicherer und in ­Teilen sogar frequentierter kommen, weil die Bewohner dort zum Einkauf bleiben. Zudem hängt es damit zusammen, dass die Mieten im Vergleich zur City deutlich ge­ringer sind.

Wie schätzen Sie es ein: Werden Eigentümer langfristig weitere Eingeständnisse machen? Sonst laufen doch viele Gefahr, ihren Mieter zu verlieren, weil er es nicht schafft.

Etliche Mieter sind seit Wochen im engen Austausch mit ihren Vermietern und Eigentümern, sodass sich in Teilen angepasste Strukturen bereits abbilden. Wir sehen an vielen Stellen einen verantwortungsvollen und verständnisvollen Umgang.

Es gab mit Fortschritten bei der Entwicklung von Impfstoffen auch gute Nachrichten. Aus Ihrer Sicht hat das Bedeutung für die Stadtentwicklung Bremens. Wieso?

Die Impfstoffe geben den gerade schwer getroffenen Bereichen Hotel, Freizeit und Tourismus sowie in Teilen dem Handel wieder eine Perspektive. Es geht dabei auch um die Frage der Finanzierbarkeit. Vor einigen Wochen hätte keine Bank ein Hotel finanziert. Ich werte die Entwicklung der Impfstoffe als Chance in Bezug auf die Entwicklung der Quartiere in Bremen wie das Hulsbergviertel, das Tabakquartier, die Überseeinsel oder den Europahafen. Denn wir können mit dieser Ausgangslage die Durchmischung der Quartiere wieder offensiver denken. Schließlich geht es uns überall dort nicht nur um Ideen fürs Wohnen. Die Banken hätten aber ohne die Impfstoffe vielleicht gesagt, dass vor allem die Wohnbausteine fokussiert werden sollen.

Wie stark verändert die Pandemie den Immobilienmarkt?

Trotz Corona haben wir bei Wohnimmobilien weiter sehr stabile Umsätze. Es gibt nach wie vor eine Flucht in Sachwerte bedingt durch die niedrigen Zinsen und das immer stärker werdende Verwahrentgelt bei Banken. Speziell im Bereich Hotel sehen wir auf der ganzen Welt eine erhebliche Gefährdung. Wir können nur hoffen, dass die meisten Betreiber und Eigentümer Anpassungen ihrer Konditionen gefunden haben, um diese für die Branche außerordentlich schwierige Zeit zu überbrücken. Es trifft insbesondere Businesshotels, weil Geschäftsreisen ausfallen. Im Bereich Tourismus und Freizeit dürfen wir, glaube ich, sagen, dass die Zeit der Öffnung zumindest partiell einen Puffer gebracht hat, und die staatlichen Hilfen haben natürlich gewirkt. Ältere Hotels geraten aber noch stärker unter Druck, sich anzupassen, und sind in Teilen sicher prädestiniert für eine Umnutzung zu Mikroappartments oder Wohnungen für Senioren in der Stadt.

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Was erwarten Sie für den Handel in Bremen?

Es ist kein Geheimnis, dass der Händler im Prinzip heute nur überleben kann, wenn er ein Online-Standbein hat. Weitere Vertriebskanäle neben dem stationären Geschäft sind zwingend notwendig. In Bremen werden wir in einen noch härteren nationalen Wettbewerb um Ansiedlungen eintreten, weil die Stadt auch in den letzten Jahren im Zentrum in Teilen nicht die Handelsformate und Handelsstandorte angeboten hat. Umso wichtiger ist zukünftig, dass die City und die Überseestadt verbunden werden. Wir halten den Standort Brill darum für extrem wichtig. Der Brill ist prädestiniert für Bildungseinrichtungen, wovon wir uns ein neues, jüngeres, lebendiges Publikum und mehr Frequenz versprechen. Das ist unerlässlich als Reiz für die City. Im Moment sehen wir, dass Covid-19 zu noch mehr Onlinebestellungen geführt hat. Das ist eine dramatisch gefährliche Entwicklung für die Innenstädte.

Überhaupt heißt es in vielen Bereichen, dass die Corona-Pandemie Entwicklungen beschleunigt hat. Trifft das in Ihrem Geschäft ebenfalls zu?

Absolut! Der Trend zur Urbanisierung hält im Zusammenhang mit Mobilitätsgedanken weiter an. Das Thema Fahrrad hat nochmals Aufschub bekommen, wie auch die Durchmischung von Wohnen und Arbeiten. Wir denken, dass die Menschen in Zukunft ihre Arbeit an unterschiedlichen Orten leisten werden und halten mobiles Arbeiten für geeigneter als ausschließlich Homeoffice. Die neuen Arbeitswelten bekommen insgesamt eine unglaubliche Dynamik. Wir selbst brauchen – wie viele andere Unternehmen auch – mehr Platz. Coworking oder Showroom-Flächen werden darum in Betracht gezogen. Gleichermaßen haben wir die Chance, den Wohnanteil in der City zu erhöhen, weil Teile des Umsatzes auf dem Büromarkt nicht mehr oder anders erfolgen.

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Und was passiert auf dem Gewerbemarkt?

Wir erleben teils dort, wo das Geschäft unsicherer ist, dass Eigentümer verkaufen, um das Objekt danach selbst zu mieten. Covid-19 treibt zudem die Umsätze von Handelsimmobilien, während die Umsätze von Logistikflächen mit Bezug zur Produktion eine Pause einlegen und im Bereich Automotive sensibler werden. In Bremen wird es einen neuen Masterplan geben müssen, wie man mit Handelslogistik umgeht. Und auch im Umland wird es hohe Flächenanforderungen geben müssen, um Ansiedlungen von Handelslogistik zu nutzen. Wenn in Achim bei Amazon 2000 Arbeitsplätze entstehen, wird ein Großteil der Mitarbeiter auch in Bremen oder am Stadtrand leben und hier einkaufen. In den Innenstädten werden wir weltweit in den Erdgeschossen eine Veränderung sehen. Das ist die größte Herausforderung, wie wir dort spannende und teils temporäre Konzepte entwickeln und Erlebnis und Kultur schaffen. Die Investoren wollen in ihre Bestände in Bremen investieren, doch sie werden Erwartungen an die Stadt haben, den öffentlichen Raum aufzuwerten – wie den Domshof oder die Wallanlagen.

Was Investoren abschreckt, soll dem Vernehmen nach die Vision der autofreien City sein.

Ja, das ist so. Dabei ist zu bedenken, dass viele Projekte nicht alleine aus den Bremer Strukturen heraus entwickelt und finanziert werden könnten. Es liegt mir sehr daran, dass wir in der Autostadt Bremen mit dem wichtigen Werk von Mercedes über autoarm und nicht autofrei sprechen. Ich würde es ohnehin total befürworten, wenn wir mit Mercedes gemeinsam über Mobilität und innovative Parkraumkonzepte in Bremen nachdenken. Die Synergie ist naheliegend. Da sollte es keine Berührungsängste geben.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Info

Zur Person

Jens Lütjen ist seit mehr als zwanzig Jahren geschäftsführender Gesellschafter beim Immobilienberatungsunternehmen Robert C. Spies. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

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Zur Sache

Ideen für den Bestand

An diesem Dienstag diskutiert eine Expertenrunde, unter anderem mit Jens Lütjen von Robert C. Spies, zum Thema „Neue Ideen für alten Raum – Lösungskonzepte für Bestandsimmobilien“. Dabei geht es etwa um die Auswirkungen von Arbeitsformen wie Homeoffice oder Co-working auf den Immobilienmarkt. Zuschauer können sich die virtuelle Veranstaltung des Bremer Netzwerks i2B am 15. Dezember kostenlos per Livestream anschauen und per Mail auch Fragen einwerfen. Beginn ist um 18 Uhr. Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) spricht zum Auftakt ein Grußwort. Mehr Informationen und den Link zum Livestream gibt es unter www.i2b.de.

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