Zahlreiche Fälle in Bremen und Niedersachsen

Vielen Solaranlagen droht das Aus

Zum Jahresende läuft die erste EEG-Förderung für Solaranlagen aus. Tausende Anlagen könnten darauf hin vom Netz gehen – wenn nicht noch eine Gesetzeslücke geschlossen wird.
25.08.2020, 05:00
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Vielen Solaranlagen droht das Aus
Von Stefan Lakeband
Vielen Solaranlagen droht das Aus

Für Solaranlagen, die vor 20 Jahren installiert wurden, läuft nun die EEG-Förderung aus. Das bringt große Probleme mit sich.

Rolf Haid/dpa

Tausende Solaranlagen müssen zum Jahreswechsel eventuell abgeschaltet werden. Dafür sorgt eine Lücke im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Wer bislang Öko-Strom ins Netz eingespeist hat, der hat dafür eine Vergütung bekommen. Für maximal 20 Jahre sieht das EEG eine solche Förderung vor. Für die ersten Anlagen, die davon profitiert haben, läuft diese Frist nun ab. Was danach kommt, ist noch unklar.

Eigentlich sollte das EEG dafür sorgen, dass der Umstieg von Atom- und Kohlestrom auf umweltfreundliche Energiequellen schneller gelingt. Nun bremst es den Wandel aus. Allein zum Ende dieses Jahres entfällt für rund 18 000 Anlagen die EEG-Förderung. Betroffen ist eine Leistung von 72 Megawatt. Im Vergleich zu jetzt ist das nicht viel: 2019 wurde mehr als das 50-fache dieser Leistung neu zugebaut. Für erste anlagenstarke Jahrgänge mit einer höheren Megawatt-Zahl endet ab 2025 die Förderung.

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In Bremen und Niedersachsen trifft das Förderungsende erst einmal knapp 1400 Fotovoltaik-Anlagen, wovon etwa neun Prozent auf die Hansestadt entfallen. Im Laufe der Jahre wird die Zahl aber steigen. Anfang 2023 sind dann in Summe bereits mehr als 4500 in Bremen und Niedersachsen aus der Förderung gefallen.

Ohne EEG-Förderung den Strom einfach einspeisen, das dürfen Anlagenbesitzer nicht; sogenanntes wildes Einspeisen ist illegal. Auf Nachfrage heißt es aus dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, dass es andere Möglichkeiten für Betreiber sogenannter Ü 20-Anlagen gebe. Sie könnten ihren erzeugten Sonnenstrom einfach selbst verbrauchen oder direkt vermarkten. Dabei bieten die Privatpersonen ihren Strom zum regulären Marktpreis selbst an der Strombörse an.

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Experten warnen dennoch davor, dass mit dem Jahreswechsel viele Anlagen vom Netz gehen könnten, sollte keine andere Lösung gefunden werden. „Der überwiegende Teil der Ü 20-Betreiber wird sich nur dann für einen Weiterbetrieb der Solarstromanlagen begeistern lassen, wenn dieser zumindest weitgehend kostendeckend möglich ist“, sagt Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW). Nach aktuellem Stand sei das aber nicht der Fall. Bei den meisten privaten Solaranlagen-Betreibern sei die produzierte Strommenge sehr gering, der Aufwand für die Direktvermarktung aber sehr groß. Sollten Betreiber den Strom künftig komplett selbst nutzen wollen, müssten häufig die technischen Gegebenheiten zu Hause geschaffen werden. Das sei mit Kosten verbunden, die oft in keinem Verhältnis zum Ertrag der Solaranlagen stünden. „Die Außerbetriebnahme Tausender funktionstüchtiger Solaranlagen bei einem gleichzeitig rasant wachsenden Ökostrombedarf würde ohne Frage bei Bürgerinnen und Bürgern auf großes Unverständnis stoßen“, sagt Körnig. „Wir appellieren an die Politik, mit einer entsprechenden Gesetzesänderung noch in diesem Herbst Solaranlagenbetreibern den Weiterbetrieb ihrer Ü 20-Solardächer zu ermöglichen.“

Im Wirtschaftsministerium von Peter Altmaier (CDU) ist man sich dieser Problemlage bewusst. Es werde mit der EEG-Novelle angegangen, teilt eine Ministeriumssprecherin auf Anfrage mit. Ein Entwurf soll nach der Sommerpause kommen. Darauf setzt man auch in Bremen. Jens Tittmann, Sprecher von Umwelt- und Klimaschutzsenatorin Maike Schaefer (Grüne), hofft, dass es Anreize geben wird, um Ü 20-Anlagen weiterhin zu betreiben. Die könnten beispielsweise geringer sein als die Einspeisevergütung, aber doch so hoch, dass Kosten für Umrüstung und Reparaturen gedeckt seien.

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Zudem sieht der Ressortsprecher noch ein weiteres Problem, wenn jetzt zeitgleich viele Solarmodule abgeschaltet würden: die Entsorgung. Solarzellen bestehen aus mehreren Hundert Gramm Silizium, aus Blei, Zink, Zinn und manchmal auch etwas Silber. Die Rohstoffe sind allesamt wertvoll, durch die Verarbeitung der Solarzelle aber schwer voneinander zu trennen. Laut Tittmann gibt es aktuell nicht genügend Kapazitäten, um alle Altanlagen fachgerecht zu recyceln.

Erst im Juni hatte der Senat eine Fotovoltaik-Pflicht für alle geeigneten Neubauten im Land Bremen beschlossen. Zuvor hatten sich bereits Hamburg und Baden-Württemberg für eine Solarpflicht entschieden.

Diese Unsicherheit fällt in einer Zeit, in der die Solarbranche gerade so etwas wie einen Boom erlebt. Im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden laut BSW 20 Prozent mehr Fotovoltaik-Leistung neu in Betrieb genommen als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Zudem hat sich die Geschäftserwartung der Branche erheblich aufgehellt. So einen schnell gewachsenen, positiven Ausblick habe es seit 15 Jahren nicht mehr gegeben.

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