Japanischer Autobauer ruft in Deutschland 216.000 Autos zurück

Autoexperte warnt VW vor den Fehlern von Toyota

Bremen. Der japanische Autohersteller Toyota muss weltweit 4,63 Millionen Fahrzeuge wegen Problemen mit dem Gaspedal in die Werkstätten rufen. In Deutschland sind rund 216000 Autos betroffen. Das Pannendesaster hat die Toyota-Aktie auf Talfahrt geschickt.
05.02.2010, 03:57
Lesedauer: 3 Min
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Von Günther Hörbst

Bremen. Der japanische Autohersteller Toyota muss weltweit 4,63 Millionen Fahrzeuge wegen Problemen mit dem Gaspedal in die Werkstätten rufen. In Deutschland sind rund 216.000 Autos betroffen. Das Pannendesaster hat die Toyota-Aktie auf Talfahrt geschickt und wird einen Milliarden-Schaden anrichten.

Betroffen sind in Europa acht Modelle aus Produktionszeiträumen zwischen 2005 und Anfang 2010. Im einzelnen handelt es sich um die Modelle Aygo (Februar 2005 bis August 2009), iQ (November 2008 bis November 2009), Yaris (November 2005 bis September 2009), Auris (Oktober 2006 bis 5. Januar 2010), Corolla (Oktober 2006 bis Dezember 2009), Verso (Februar 2009 bis 5. Januar 2010), Avensis (November 2008 bis Dezember 2009) und RAV4 (November 2005 bis November 2009).

Bei den betroffenen Modellen besteht nach Angaben des Konzerns die Gefahr, dass das Pedal klemmt und dann dauerhaft Gas gibt. Toyota hat eigenen Angaben zufolge in Europa aber nur wenige Vorfälle registriert, in Deutschland keinen einzigen. Zu Unfällen hat das demnach bislang noch nicht geführt. Auch der ADAC hat für Deutschland bislang noch keinen Schadensfall registriert.

Nach Angaben von Toyota werden die Rückrufe im Kürze offiziell per Brief gestartet. Die betroffenen Halter bekommen einen Brief vom Kraftfahrtbundesamt. Die Gesamtkosten für den Rückruf werden auf bis zu eine Milliarde Euro geschätzt. In den USA will der weltgrößte Autobauer seine Händler mit Schecks in Höhe von 7500 bis 75.000 Dollar bei Laune halten. Der Hersteller hofft, damit sein ramponiertes Image eine wenig aufzupolieren.

Das Image sieht der Autoexperte Stefan Bratzel weniger als Problem. 'Wenn in diesem Jahr keine weiteren gravierenden Probleme bei Toyota auftauchen, werden die Menschen die Pedalpanne schnell vergessen.', sagte der Leiter des Center of Automotive an der Fachhochschule Bergisch-Gladbach dieser Zeitung. 'Wenn aber doch, könnte das nachhaltige Schäden verursachen. Qualität war schließlich lange Zeit der Kern der Toyota-Strategie.'

Der Experte geht jedoch davon aus, dass künftig häufiger mit solchen großen Rückrufaktionen zu rechnen ist. Das hat damit zu tun, die Autohersteller weltweit auf die sogenannte Plattform- und Gleichteilestrategie umgestellt haben. 'Das ist aber Fluch uns Segen zugleich', sagt Bratzel. Einerseits lässt sich ein Auto viel günstiger produzieren, wenn sich mehrere Hersteller die Entwicklungskosten für eine bestimmte Komponente teilen oder Zulieferteile gemeinsam einkaufen. Andererseits steigen mit der gemeinsamen Nutzung aber auch die Risiken, dass der Schaden durch die vielen betroffenen Teile enorm wird.

'Deshalb ist die Qualitätssicherung im Grunde das Wichtigste für Autobauer', sagt Bratzel. Das habe bei Toyota aber stark nachgelassen, vor allem in den vergangenen zwei Jahren. Als Grund nennt der Autofachmann die Wachstumsstrategie der Japaner. 'Von 200 bis 2007 hat Toyota seinen Absatz jährlich weltweit um 3,5 Millionen Fahrzeuge gesteigert. Vor allem in den USA mussten dafür viele neue Partner gewonnen werden. Die konnten aber nicht die von Toyota gewünschte Zuverlässigkeit liefern', erklärt Bratzel. Die Folgen sind bekannt: Die Qualität hat deutlich gelitten. Der Slogan 'Nichts ist unmöglich' galt bald nur noch für die Varianten der Toyota-Pannen. Ein Problem, von dem noch nicht klar ist, wie groß es werden kann, ist das Problem mit Bremspedalen beim Hybrid-Modell Prius.

Der Autoexperte sieht für die Japaner deshalb nur die Chance, die Ursachen bis ins kleinste Detail aufzuarbeiten und die Mängel zu beseitigen. Dass es da noch mehr zu tun gibt für Toyota, beweist auch der Mängelreport der Dekra. Darin gingen aus mehr als 15 Millionen Hauptuntersuchungen im vergangenen Jahr eindeutig die deutschen Hersteller als die Sieger hervor. Toyota, lange Jahre Primus in dieser Disziplin, landete im abgeschlagenen Feld.

Trotz der guten Ergebnisse für die deutschen Autobauer beim Mängelreport warnt Autoexperte Bratzel insbesonder Volkswagen davor, nicht dieselben Fehler wie Toyota zu machen. VW hat sich das Ziel gesetzt, bis 2018 Toyota als größten Autobauer der Welt abzulösen. 'Volkswagen ist bereits jetzt in die Wachstumsdimensionen von Toyota vorgestoßen. Der Konzern muss deshalb aufpassen, nicht dieselben Fehler zu machen', warnt er.

Qualität gehe in diesem Geschäft vor Geschwindigkeit. Das müsse sich jeder Vorstand des Volkswagen-Konzerns immer wieder sagen. 'Sollte VW feststellen, dass mit dem Wachstumstempo bis 2018 unverzichtbare Qualitätsstandards nicht eingehalten werden können, sollte das Unternehmen von dem Ziel Abstand nehmen', rät der Experte. Es sei besser langsamer und dafür nachhaltig zu wachsen, als zu schnell und damit Qualitätsprobleme zu riskieren. 'Das Ziel von VW kann nur sein, dauerhaft oben zu sein', sagte Bratzel. 'Das geht aber nur mit überzeugender Qualität.'

Toyota informiert seine Kunden über seine Internetseite www. toyota.de.Daneben hat das Unternehmen ein Kundentelefon eingerichtet mit der Rufnummer 02234/102-7777.

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