Autobranche Autoindustrie lässt Wirtschaft einbrechen

Die von den USA angezettelten Handelskonflikte bremsen das Exportgeschäft, dazu kommen Probleme der Autohersteller im Zuge der Diesel-Krise.
14.11.2018, 21:10
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Von Friederike Marx, Eckart Gienke und Ralf Krüger

Die konjunkturellen Bremsspuren sind schon länger unübersehbar – auch in Bremen. So ist der Autoumschlag in Bremerhaven in den ersten neun Monaten des Jahres um vier Prozent zurückgegangen, auf 3,37 Millionen Tonnen. Das Mercedes-Werk in Sebaldsbrück fährt in diesem Jahr seine Produktion um rund 20 000 Fahrzeuge zurück. Die von den USA angezettelten Handelskonflikte bremsen das Exportgeschäft, dazu kommen Probleme der Autohersteller im Zuge der Diesel-Krise.

Die Leitbranche hat nicht nur im Nordwesten, sondern in ganz Deutschland ein solches Gewicht, dass ihre Schwierigkeiten inzwischen auf der gesamten Konjunktur lasten: Erstmals seit dreieinhalb Jahren ist die deutsche Wirtschaft wieder geschrumpft. Das Bruttoinlandsprodukt sank im dritten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 0,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt mitteilte.

„Der Aufschwung wurde im dritten Quartal nur unterbrochen. Ursache war die WLTP-Problematik in der Kfz-Industrie“, erklärte das Bundeswirtschaftsministerium. Hintergrund sind die Probleme wegen der Umstellung auf den neuen Abgas-Prüfstandard WLTP. Weil nicht alle Auto-Modelle rechtzeitig eine Genehmigung für eine Neuzulassung hatten, mussten Hersteller die Produktion herunterfahren. „Die aufgrund fehlender Zulassungen gedrosselte Automobilproduktion wird in den kommenden Monaten aufgeholt, das Wachstum dann entsprechend größer sein“, sagte Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater.

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Die Probleme der Autobauer schlugen im Zeitraum Juli bis September auch auf den Privatkonsum durch, der als Stütze der Konjunktur gilt. Die Verbraucher im In- und Ausland warteten mit ihren Autokäufen ab. Das drückte die Konsumausgaben gegenüber dem Vorquartal. Der Export fiel als Wachstumstreiber aus. Nach vorläufigen Berechnungen gab es im Sommer weniger Ausfuhren, aber mehr Importe als im zweiten Quartal des Jahres. Auch ohne die Probleme in der Autoindustrie wäre die deutsche Wirtschaft wegen nachlassender Nachfrage aus China kaum noch gewachsen, erläuterte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Die Industrie hat inzwischen ihre Exporterwartungen für das laufende Jahr reduziert. Der Bundesverband der Deutschen Industrie rechnet mit einem Wachstum der Ausfuhren von drei Prozent, zunächst war er von einem Plus von 3,5 Prozent für 2018 ausgegangen.

Umschlag der Seehäfen stagniert

Die deutsche Hafenwirtschaft geht davon aus, dass sie ihren Umschlag in diesem Jahr allenfalls stabil halten kann. Der Zentralverband der Seehafenbetriebe rechnet damit, dass er in den 22 Seehäfen zwischen Emden und Ueckermünde rund 300 Millionen Tonnen erreichen wird. Das wäre auf dem Niveau des Vorjahres. Für 2019 erwarte die Branche „Zuwächse in allen Ladungssegmenten“, sagte der Verbandspräsident, BLG-Chef Frank Dreeke.

Allerdings erwarten die Häfen nur ein Plus von 1,5 bis 1,7 Prozent. Zudem sind die Prognosen umstritten; Logistik-Experten können die Auswirkungen der protektionistischen US-Politik und des Brexits auf den Transport von Seegütern nur schwer einschätzen.

„Die deutsche Hafenwirtschaft ist extrem leistungsfreudig, innovationsfreudig und optimistisch“, sagte Dreeke. Sie investiere jedes Jahr Hunderte von Millionen Euro unter anderem in Digitalisierung, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Wann genau autonome Fahrzeuge, Kräne und Umschlaganlagen auf den deutschen Terminals eingeführt werden, lasse sich noch nicht genau sagen. Es gebe neben den technischen auch noch rechtliche Fragen zu klären.

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Für die kommenden Monate erwarten Ökonomen eine Fortsetzung des Aufschwungs in Deutschland, das weitere Wirtschaftswachstum dürfte aber an Stärke verlieren. Volkswirte, internationale Organisationen sowie die Bundesregierung hatten zuletzt ihre Konjunkturprognosen gesenkt.

So rechnen die „Wirtschaftsweisen“ inzwischen für dieses Jahr mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von 1,6 Prozent und für 2019 von 1,5 Prozent. Etwas optimistischer ist die Bundesregierung. Sie ging zuletzt von einem Plus von jeweils 1,8 Prozent aus. Im vergangenen Jahr hatte die deutsche Wirtschaft noch um 2,2 Prozent zugelegt.

Niedersachsens Konjunktur wird nach Ansicht der NordLB dieses Jahr unter dem Bundesdurchschnitt bleiben und sich 2019 weiter abschwächen. Bei der Präsentation einer Rangliste der 100 größten niedersächsischen Unternehmen sagte Regional-Analyst Eberhard Brezski: „Niedersachsen hat bereits im ersten Halbjahr mit 1,3 Prozent deutlich schwächer als erwartet abgeschnitten, das haben wir in dem Ausmaß nicht vorhergesehen.“ Zwar wachse die Wirtschaft weiter, doch fehle es an Dynamik. Das werde auch die zweite Jahreshälfte prägen. Auch der Konjunkturreport der Handelskammer in Bremen hatte zuletzt deutlich gemacht, dass die dortigen Firmen skeptischer auf ihr Geschäft blicken.

Bundesbank warnt vor Risiken

Die im dritten Quartal bundesweit geschrumpfte Wirtschaftsleistung wertete NordLB-Chefvolkswirt Christian Lips als eine Art Konjunkturdelle. Die großen niedersächsischen Firmen blieben auf Erfolgskurs. Laut Analyse der NordLB rechnen sie fürs laufende Geschäftsjahr mit einem Plus von vier Prozent. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum steigerten sie 2017 ihren Umsatz um sechs Prozent auf 436 Milliarden Euro, die Belegschaft vergrößerte sich um 21 350 Mitarbeiter auf rund 1,3 Millionen Beschäftigte. Volkswagen führt die Rangliste der wirtschaftsstärksten Unternehmen im Land weiter an, vor Continental, Tui, Talanx und Salzgitter.

Der VW-Konzern macht mit seinen 231 Milliarden Euro Umsatz mehr als die Hälfte der Gesamtumsätze aller 100 Topunternehmen aus. Der höchste Sprung nach vorne gelang dem Batterie-Hersteller Johnson Controls, der von Platz 15 auf Platz 6 aufrückte. Dahinter folgt der Energiekonzern EWE, zu dem auch der Bremer Versorger SWB gehört.

Im Euroraum rangiert Deutschland beim Wachstum auf dem vorletzten Platz. Nur Litauen schneidet schwächer ab. Allerdings liegen noch nicht die Daten aller 19 Eurostaaten vor. Im gemeinsamen Währungsraum insgesamt stieg das Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorquartal um 0,2 Prozent, wie das Statistikamt Eurostat mitteilte.

Die Bundesbank warnt angesichts wachsender Risiken für die deutsche Konjunktur vor einer Verwundbarkeit des Finanzsystems. „Jetzt ist es daher an der Zeit, stärkere Abwehrkräfte und Puffer für schlechtere Zeiten aufzubauen“, mahnte Bundesbank-Vizepräsidentin Claudia Buch bei der Präsentation des aktuellen Finanzstabilitätsberichts. Internationale Handelskonflikte könnten die Exportnation Deutschland empfindlich treffen. Zudem sei ein ungeordneter Brexit nach wie vor nicht auszuschließen.

Sorge bereitet der Bundesbank, dass Finanzinstitute in der nach wie vor guten wirtschaftlichen Lage künftige Kreditrisiken unterschätzen könnten. Sollte sich die Konjunktur überraschend abkühlen, könnten Kreditausfälle die Folge sein. Das belaste die Eigenkapitalpuffer der Institute. Die Folge: Die Geldhäuser könnten die Kreditvergabe einschränken. Das kann einen Konjunkturabschwung verstärken, weil Verbraucher und Unternehmen weniger Geld für Investitionen haben.

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