Azubi-Stellenmarkt in Bremen

Freie Ausbildungsplätze bis in den Herbst

Der Bremer Ausbildungsmarkt ist bis mindestens Oktober in Bewegung. Langsam zeichnet sich aber ab, dass Handel und Handwerk bei den Ausbildungsverträgen die Zahlen aus dem Vorjahr nicht erreichen werden.
16.09.2020, 19:54
Lesedauer: 4 Min
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Freie Ausbildungsplätze bis in den Herbst
Von Florian Schwiegershausen
Freie Ausbildungsplätze bis in den Herbst

Die Wahrscheinlichkeit, eine Azubi zu finden sinkt. Dennoch hat so mancher Betrieb in Bremen die Suche noch nicht aufgegeben.

Martin Schutt /zb /dpa

Bei der Bremer Steuerberatungsgesellschaft Mülling & Partner ist man verhalten optimistisch. Bereits Ende Juli suchten sie noch einen Azubi für die Ausbildung zum Steuerfachangestellten. Gefunden haben sie ihn oder sie bisher noch nicht. Aber es liegen noch einige Bewerbungen auf dem Tisch, da könne eventuell ein geeigneter Kandidat drunter sein, heißt es.

Die Bremer Traditionsfirma Gebrüder Schoemaker hat den Kandidaten für eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann leider nicht mehr gefunden. „Was ist das insgesamt für ein Jahr?“, war die Feststellung des Unternehmens, das spezialisiert ist auf die Versorgung von Kreuzfahrt- und Frachtschiffen mit Lebensmitteln. Gern hätten sie dort noch einen Azubi eingestellt. Nun hoffen sie, dass sie es im kommenden Jahr können.

Keinen Chemikant-Azubi gefunden

Auch beim Bremer Unternehmen Nehlsen hatte der WESER-KURIER Ende Juli gefragt. Der Entsorgungsbetrieb suchte damals noch junge Leute für die Ausbildung zur IT-Systemfachkraft, zum Berufskraftfahrer und zum Chemikanten. Personalchef Patrick Heiermann sagt nun: „Zumindest den IT-Systemfachkraft-Azubi haben wir gefunden. Aber das zeichnete sich da schon ab.“ Denn die entsprechende Bewerbung habe bereits auf dem Schreibtisch gelegen. Doch Nehlsen ist eher die Ausnahme. Viele Betriebe aus dem Handwerk und dem kaufmännischen Bereich sind in diesem Jahr leer ausgegangen. Durch die Pandemie begannen die Betriebe erst zeitlich verzögert mit Bewerbungsgesprächen – coronakonform.

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Allerdings meldet die Handelskammer Bremen, dass im August noch 600 Ausbildungsverträge geschlossen wurden. Das sind laut dem zuständigen Geschäftsführer Michael Zeimet 13 Prozent mehr als im August vor einem Jahr. Das liegt allerdings auch daran, dass in den Monaten zuvor weniger Ausbildungsverträge geschlossen wurden verglichen mit dem Vorjahreszeitraum. Die Bandbreite der Berufe, in denen die Verträge geschlossen wurden, ist groß. Da gebe es nicht den einen, der heraussticht. Klar sei aber auch, dass die Zahl der Verträge in diesem Jahr unter der von 2019 liegen werde.

Die Statistik vom Bundesinstitut für berufliche Bildung in Bonn zeigt aber, dass bereits im vergangenen Jahr die Zahl der Bewerber um eine Ausbildungsstelle zurückgegangen war. So schreiben die Wissenschaftler in ihrem aktuellen Datenreport, dass die Nachfrage zum Stichtag 30. September 2019 um 1,8 Prozent auf knapp 599.000 gesunken ist. Sie lag damit erstmals unter 600.000.

Anstieg auch auf Bewerber mit Fluchthintergrund zurückzuführen

Im Report heißt es: „Die positive Entwicklung der beiden Vorjahre hat sich somit nicht fortgesetzt. Der Anstieg der Nachfrage in den Jahren 2017 und 2018 war auch darauf zurückzuführen, dass zunehmend Bewerberinnen und Bewerber mit Fluchthintergrund auf dem Ausbildungsstellenmarkt ankamen.“ Die Zahl der Geflüchteten unter den bei der Bundesarbeitsagentur gemeldeten Azubi-Stellenbewerber 2019 nicht weiter angestiegen.

Zeimet zeigt sich flexibel bei den Betrieben, die jetzt doch noch einen Azubi finden: "Wir haben da unseren Werkzeugkasten, damit das System nicht ganz so starr ist." Demnach sei es möglich, dass eine Ausbildung auch erst zwei Monate später enden könne. "Außerdem haben wir ja Prüfungen im Sommer und im Winter. Wenn also ein Bewerber recht spät eingestiegen ist, könne man überlegen, ob er seine Prüfung nicht erst im Winter ablegt.

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Auf der anderen Seite ist es bei entsprechend guten Leistungen auch möglich, dass er seine Ausbildung um ein halbes Jahr verkürzt." Die Berufsschulen in Bremen haben ihm signalisiert, dass sie auf diese verschiedenen Szenarien flexibel reagieren können. "Die Berufsschulen machen einen wirklich guten Job. Ihrer Hilfe ist es zu verdanken, auch durch die Verfügungstellung von Räumen, dass wir trotz Corona noch rechtzeitig die Prüfungen der nun fertigen Azubis abnehmen konnten", lobt der Geschäftsführer für Ausbildung.

Andreas Meyer, Hauptgeschäftsführer der Bremer Handwerkskammer sieht ebenso, dass noch Bewegung im Ausbildungsmarkt ist: „Mit späten Einstellungen von Azubis kann das Handwerk gut umgehen.“ Hier finden durchaus noch bis Oktober Betriebe und Bewerber zueinander. Bei denjenigen, die aber erst noch später eingestellt werden, sieht er aber eher eine Herausforderung, weil manche dieser Kandidaten am Ende nicht mehr das aufholen können, was sie in der Berufsschule bereits verpasst haben.

Einstiegsqualifizierung vor der Ausbildung

Wenn diese dann mit der Ausbildung im Ende Oktober 2023 fertig werden, müssen sie bis Januar warten, bis sie ihre Prüfung machen können. „So lang gelten sie als ungelernt“, gibt Meyer zu bedenken. „Es hängt am Ende auch vom Bewerber ab, ab wann für ihn nicht vielleicht eine Einstiegsqualifizierung sinnvoller sei, um im Jahr darauf mit der Ausbildung zu starten.“

Es mache sich außerdem in Niedersachsen die Umstellung von zwölf Schuljahren zurück auf 13 Schuljahre bemerkbar, wie der Kammer-Geschäftsführer erklärt: „Dadurch fallen von dort die Abiturienten weg. Die Stellen, die diese jungen Leute sonst wahrgenommen haben, werden nun von Realschülern besetzt. Und die, die Realschüler genommen haben, nehmen jetzt Hauptschüler.“ Laut Meyer hat sich die Einpendlerquote der Azubis aus Niedersachsen nach Bremen gegenüber dem Vorjahr halbiert.

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Daher glaubt er, dass die Situation in Bremen aus Sicht der jungen Leute am Ende weniger dramatisch sei, als am Anfang befürchtet. Viele Betriebe haben keinen Bewerber gefunden. Und so merkt Meyer auch an, dass in den vergangenen Monaten bei den Gesprächen über eine neue Bremer Vereinbarung der Plan für einen Landesausbildungsfonds kein Thema war. Bis Anfang September wurden in Bremen 800 Ausbildungsverträge geschlossen. Das sind 180 weniger als im Vorjahreszeitraum.

Michael Zeimet sieht im Hinblick auf einen neuen Bremer Ausbildungspakt auch mehr Anstrengungen, damit das Matching von Betrieb und Bewerber besser passe: „Da habe ich das Gefühl, dass die Einstiegsqualifizierung als ein mögliches Mittel von allen Seiten besser akzeptiert wird.“ Was dem Ausbildungsgeschäftsführer der Handelskammer und seinem Team schon jetzt klar wird, ist, dass die Corona-Auswirkungen sie noch weit über den Jahreswechsel hinaus beschäftigen werden.

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Im abschließenden Serienteil folgt ein Fazit zur aktuellen Ausbildungssituation.

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