Neuer Ausbildungsberuf

Azubis unter Starkstrom

Den E-Autos gehört die Zukunft, aber wer wird sie reparieren? In einer einmaligen Zusammenarbeit bringt die Bremer Kfz-Innung nun die Ausbildung zum Mechatroniker für Hochvolttechnik auf den Weg.
18.03.2018, 20:30
Lesedauer: 4 Min
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Azubis unter Starkstrom
Von Florian Schwiegershausen
Azubis unter Starkstrom

Noch steckt in diesem roten Flitzer ein Verbrennungsmotor. Die Kfz-Azubis für Hochvolttechnik sollen daraus ein E-Auto machen. Stefan Sündermann vom Fraunhofer-Institut zeigt Bildungssenatorin Claudia Bogedan, wie das gehen soll. Links daneben lauscht Kfz-Innungs-Obermeister Hans Jörg Koßmann, der das Projekt mit auf den Weg gebracht hat.

Frank Thomas Koch

„High Voltage“ ist der Name des allerersten Albums der Hardrock-Band „AC/DC“. So revolutionär, wie das Album damals war, soll es ab August auch bei der Ausbildung der Kfz-Mechatroniker in Bremen zugehen. Denn dann soll es losgehen mit dem neuen Berufsbild des Kfz-Mechatronikers mit Schwerpunkt System- und Hochvolttechnik.

Um das möglich zu machen, kooperiert die Bremer Kfz-Innung hier zusammen mit dem Fraunhofer-Institut an der Bremer Universität, dem eigenen Bildungszentrum „HandWERK“ sowie der Berufsschule an der Weserbahn. Außerdem ist das Institut Technik und Bilder (ITB) der Bremer Uni daran beteiligt. Bei der Vorstellung der neuen Ausbildungsrichtung konnte der Obermeister der Kfz-Innung, Hans Jörg Koßmann, Bildungssenatorin Claudia Bogedan als Schirmherrin für das Projekt gewinnen.

Die neuen Kfz-Mechatroniker werden benötigt, um Elektroautos und Hybrid-Fahrzeuge zu warten. Diese Pkw sind zwar bisher noch in der Minderzahl. Doch Kossmann ist davon überzeugt, dass sich die Stromer schon bald durchsetzen werden: „In drei bis fünf Jahren werden die großen Hersteller viele alltagstaugliche, reine E-Autos im Programm haben.“

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Koßmann weist darauf hin, dass das Lehrprojekt in Bremen bundesweit einmalig ist: „Wir haben hier in Bremen die kurzen Wege. Da ist so was einfacher möglich.“ Hinzu kommt, dass sich die Beteiligten bereits seit Jahren aus dem Kfz-Handwerk kennen. Zusätzlich zu ihrer dreieinhalbjährigen Ausbildung werden die Azubis mit Elektromotoren, Batterien sowie Antriebs- und Umrichtertechnik vertraut gemacht.

Kossmann ist sich sicher: „Wenn die jungen Leute in rund vier Jahren mit ihrer Ausbildung fertig sein werden, verfügen sie über genau die Kenntnisse, die dann stark nachgefragt sein werden.“ Was sie künftig von ihren Kollegen unterscheidet, sagt Berufsschullehrer Kai Schiller: „Herkömmliche Kfz-Mechatroniker dürfen nur mit bis zu 60 Volt herumhantieren. In Zukunft sind das dann 1000 Volt.“ Bei der Systemtechnik geht es in Zukunft um die Assistenzsysteme im Auto. Die müssen ja schließlich auch gewartet werden.

Fraunhofer-Institut wird aushelfen

Wegen der zusätzlichen Inhalte sind die Anforderungen an die Azubis allerdings auch höher als bei der regulären Kfz-Mechatronikerausbildung. „Wir möchten damit junge Leute mit gutem bis mittleren Schulabschluss oder Abitur ansprechen, die überdurchschnittlich leistungsbereit sind und eine Alternative zum Studium suchen“, so Kossmann.

Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels seien die Verdienstmöglichkeiten auch gut. Eine weitere Voraussetzung müssen die angehenden Azubis mitbringen: „Sie sollten nicht farbenblind sein“, so Berufsschullehrer Schiller. Denn Hochvoltleitungen sind orange eingefärbt. Und bei 1000 Volt könnte eine Verwechslung lebensgefährlich sein.

Ein Problem gibt es allerdings noch: Sowohl reine E-Fahrzeuge als auch Autos mit Hybrid-Antrieb sind in den Werkstätten derzeit selten anzutreffen. Und hier kommt nun die bundesweit einmalige Kooperation ins Spiel. Denn da wird das Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und angewandte
Materialforschung (IFAM) aushelfen. Das Institut betreibt in verschiedenen Abteilungen Grundlagenforschung zur Elektromobilität.

Aufstockung bedeutet auch zusätzliche Kosten

IFAM-Projektleiter Stefan Sündermann sagt: „Aus unseren Erfahrungen heraus bieten wir seit einigen Jahren Weiterbildungsseminare zu unterschiedlichen Fragestellungen an. Und dieses Wissen wollen wir in diesem Projekt in die Berufsausbildung übertragen, damit die Auszubildenden von heute nicht den Anschluss an die Technik von morgen verlieren.“

In den Seminaren gehe es darum, wie die Kfz-Mechatroniker sicher an den Elektrofahrzeugen arbeiten oder wie die Batterien und Elektromotoren für zukünftige Fahrzeugkonzepte aussehen könnten. Sündermann ergänzte: „Es gibt als Beispiel die Idee, die Elektromotoren jeweils in die Räder zu verlagern.“ Statt eines großen Elektromotors gebe es also vier kleine Motoren.

Anfänglich war bis zum August mit 15 Azubis gerechnet worden. Doch bei der Vorstellung der Ausbildungsrichtung zeigte sich Kfz-Innungs-Obermeister Kossmann zuversichtlich, „dass wir 25 junge Leute für diese spezielle Ausbildung gewinnen können“. Diese Aufstockung bedeutet für die Innung allerdings auch zusätzliche Kosten, wie Koßmann bereits in seiner Rede beim Neujahrsempfang der Kfz-Innung sagte: „Wir nehmen für diese Qualifizierung pro Azubi einen vierstelligen Betrag in die Hand. Denn wir Selbstständige und Unternehmer wollen was bewegen und stehen dafür auch in schwierigen Zeiten ein.“

Bisher eher eine Männerdomäne

Während ihrer Ausbildung werden die Azubis ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor in ein Elektroauto umbauen. Das werden sie in der Kfz-Abteilung im Kompetenzzentrum „HandWERK“ tun. Auch ein schnittiger roter Flitzer steht dafür bereit. In der Einrichtung besuchen Azubis aus allen handwerklichen Berufen regelmäßig Lehrgänge, die überbetrieblich stattfinden. Die Schulbänke befinden sich direkt in der Werkstatt inmitten der Autos.

Schulsenatorin Claudia Bogedan hofft auch auf das Interesse von Bewerberinnen: „Je mehr Köpfchen gefragt ist in der ­Ausbildung statt nur rein schwere körperliche Arbeit, umso mehr sollten sich auch Schülerinnen angesprochen fühlen.“ Die Zahlen zeigen, dass das Reparieren von Fahrzeugen bisher eher eine Männerdomäne ist. Auch die Kfz-Innung hätte nichts gegen eine steigende Zahl von Bewerberinnen.

Wenn die Azubis mit Schwerpunkt System- und Hochvolttechnik ihre Lehrgänge machen, kann es gut sein, dass ihnen dabei ihr Meister aus dem Betrieb über den Weg läuft. Denn schließlich müssen auch die in der Hochvolttechnik weitergebildet werden, um zu wissen, worum es geht. Die entsprechenden Programme werden gerade beim IFAM und beim ITB an der Bremer Uni erarbeitet.

Werbung an den Schulen

Zudem wird das Mehr an Technik auch in die Berufsschullehrerausbildung beim ITB einfließen. Und das Ressort von Claudia Bogedan kann mithelfen, indem es bei der Lehrerschaft an den Schulen Werbung für diese neue Schwerpunktausbildung macht. Denn nur, wenn die Lehrer von der Existenz dieser Berufsrichtung wissen, können sie dies an ihre Schüler weitergeben.

Jugendliche, die sich für diesen neuen Ausbildungsberuf interessieren, und Betriebe, die einen Ausbildungsplatz im Rahmen des neuen Lehrprojekts zur Verfügung stellen möchten, können sich an die Geschäftsstelle der Bremer Kfz-Innung bei der Bremer Kreishandwerkerschaft wenden, und zwar unter der Telefonnummer 0421-22280-615 oder mit einer E-Mail an die Adresse info@bremen-handwerk.de.

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