Streit um Bildung

"Berufsschulen statt Medizinfakultät"

Handwerkskammer-Präses Kröger hält nichts von den Überlegungen, auch künftige Ärzte in Bremen studieren zu lassen. Als erstes müsse die duale Ausbildung finanziell gestärkt werden, fordert er.
30.07.2018, 22:01
Lesedauer: 5 Min
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Von Florian Schwiegershausen
"Berufsschulen statt Medizinfakultät"

Hat kürzlich die Leitung seiner Baufirma an seinen Sohn – die fünfte Generation – übergeben: Jan-Gerd Kröger.

Christian Kosak

Herr Kröger, momentan ist es echt schwierig, einen Handwerker zu bekommen.

Jan-Gerd Kröger: Wenn bei uns jemand anruft, weil er einen Handwerker oder ein Angebot braucht, packen wir das in die Termine rein. Geht es ums Abarbeiten, sind vorrangig unsere Stammkunden dran. Da ist der Handwerker konservativ. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, gute Handwerker zu finden. Einige Gewerke haben durch Insolvenzen gelitten. Das erwischt uns jetzt alles mit voller Wucht. Unsere guten Handwerker gehen in Rente, gleichzeitig zieht die Konjunktur an. Durch diese Delle gehen wir gerade. Die Firmen, die rechtzeitig immer gut ausgebildet haben, die haben jetzt auch ausreichend Handwerker und Kapazitäten. Ich kann zum Glück alle meine Kunden noch bedienen.

Am Mittwoch startet das neue Ausbildungsjahr. Konnten Sie denn bei sich im Unternehmen alle Ausbildungsplätze besetzen?

Wir suchen auch noch, weil wir bei den Straßenbauern bisher niemanden gefunden haben. Bei den Maurern und den Betonbauern konnten wir aber alle Plätze besetzen.

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Es gibt andere Betriebe, die keine einzige Stelle besetzen konnten, weil sie keinen geeigneten Bewerber gefunden haben. Wie haben Sie das also geschafft?

Ich gebe zu, dass das auch der Sondersituation durch den Besuch des Bundespräsidenten bei uns im Februar geschuldet ist. Dadurch hatten wir schon viel mediales Aufsehen. Wir haben aber auch viel mehr Praktikanten inzwischen. Davon bleibt dann der eine oder andere bei uns. Und bei uns bestimmen die Gesellen und die Poliere bei der Auswahl der Azubis mit. Bei den Praktikanten können sie direkt sehen, ob das passt.

Sie haben sich kürzlich mit dem Chef der Bremer Arbeitsagentur getroffen. Worum ging es?

Um das Thema Ausbildung. Ich bin froh, dass die Arbeitsagentur erkennt, dass es nicht nur um die Vermittlung von Azubis geht, sondern auch um ein Stück Nachbetreuung, wenn es nicht so gut läuft. Und bei den Betrieben, die bei der Ausbildung eine schlechte Erfahrung gemacht haben, ist es meine Aufgabe als Präses der Handwerkskammer, sie davon zu überzeugen, weiter mit auszubilden.

Bei manchen Betrieben sagen die Azubis kurz vor dem Start ab.

Mit Herrn Ossmann habe ich auch vereinbart, dass wir Ende August eine intensive Nachvermittlung machen werden. Gerade die guten Azubis haben nicht nur eine Stellenzusage. Die sagen dann dem einen Betrieb kurz vor Ausbildungsstart ab, weil sie woanders etwas vermeintlich Besseres gefunden haben. Da wollen wir in die Nachvermittlung gehen.

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Gleichzeitig haben wir den Glaser aus Deb­stedt, der per Video im Internet gesucht hat und sich vor Bewerbungen nicht retten konnte. Je mehr ein Betrieb auf sich aufmerksam macht, desto mehr Feedback hat er. Aber das schafft nicht jeder.

Das ist auch ein Problem der Handwerksbetriebe. Die haben keine PR-Abteilung. Sie sind zwar recht kreativ bei der Suche nach Azubis, was ich auch bewundernswert finde. Aber was für uns wichtig ist: Wir müssen im Handwerk auch die jungen Frauen erreichen. Im Zuge der Digitalisierung und Technisierung fällt vor allem die vermeintlich schwere Arbeit weg. Daher gibt es kein stichhaltiges Argument, weshalb Handwerk für Frauen körperlich zu schwer ist. Außerdem haben wir im Handwerk keine Diskussion, dass beispielsweise eine Maurerin oder Malerin weniger verdient als ihr männlicher Kollege. Auch die Aufstiegschancen sind für beide gleich. Und bei der Firmennachfolge wünsche ich mir ebenso viel mehr Frauen. Frauen, Familie und Beruf passt nämlich auch zur Selbstständigkeit.

Ist das Handwerk krisensicherer als andere Jobs, wenn es um Digitalisierung geht?

Durch die Digitalisierung wird sich das Handwerk verändern, aber es wird nicht verschwinden. In vielen Bereichen wird es sogar interessanter. Es wird noch mehr ein lebenslanges Lernen werden für diejenigen, die dort arbeiten. Was man heute gelernt hat, wird nur die Basis sein.

Wie steht es um die neue Ausbildungsvereinbarung im Land Bremen?

Alle Beteiligten werden sich Ende August oder Anfang September gemeinsam dazu äußern. Es soll ja 3000 junge Menschen geben, die als unversorgt gelten, also keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Ich lasse gerade prüfen, wie viele das in Bremen sind und wie viele im niedersächsischen Umland. Mich interessieren da die Gründe. Ein Aspekt ist auch, welche Schulen vielleicht besser auf die Ausbildung vorbereiten.

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Es macht den Eindruck, dass in Bremen die Berufsschulen immer das letzte Glied in der Kette sind bei der finanziellen Ausstattung.

Der Bundespräsident hat ja bei dem Besuch bei uns ganz klar gesagt: „Duale Ausbildung und akademische Ausbildung auf Augenhöhe!“ Deshalb fordert das bremische Handwerk eine gleiche finanzielle Ausstattung beider Ausbildungsbereiche. Es kann nicht sein, dass die Berufsschulen finanziell schlechter ausgestattet sind als die Hochschulen. Da muss ganz klar gleichgezogen werden.

Gleichzeitig übernehmen immer mehr Länder unser deutsches duales Ausbildungssystem.

Wir sind bei unserer dualen Ausbildung ganz weit vorn – das ist aber auch dem großen Engagement der Betriebe zu verdanken, der Ausbilder, aber auch von ganz vielen ehrenamtlich Tätigen. Aber es muss auch gewürdigt werden. Und das wird es nicht, weil keine Gleichbehandlung in der finanziellen Ausstattung stattfindet.

Wie oft haben Sie da im Land Bremen schon interveniert, seitdem Sie Handwerkskammer-Präses sind?

Immer wieder. Es kann nicht sein, dass unsere Berufsschulen den digitalen Ansprüchen unserer Ausbildung nicht mehr standhalten. Da fehlt es an leistungsfähigen Computern und Datennetzen oder auch an Lernmitteln und Lehrbüchern, die auf dem neuesten Stand sind. Auch die Lerninhalte müssen schneller angepasst werden. Und bevor Bremen an der Uni über die Schaffung einer Medizinfakultät nachdenkt, sollten wir unsere Berufsschulen auf einen vernünftigen Stand bringen. So eine Fakultät brauchen wir nicht, nur weil das schick ist. Außerdem: Wenn sich die Universitäten verändern wollen und neue Räume brauchen, dann brauchen sie erst mal gut ausgebildete Handwerker. Sonst wird das nichts.

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Wo müssen die Handwerksbetriebe besser werden?

Wir müssen besser werden bei der eigenen Darstellung des Selbstständigen. Denn „selbst“ und „ständig“ ist bei jungen Familien nicht mehr gefragt. Wir müssen schauen, dass unser eigenes Zeitmanagement für die Selbstständigen auch familiengerecht ist. Sonst bekommen wir noch mehr Probleme im Unternehmernachwuchs. Da muss ein Kunde dann auch mal das Nachsehen haben, wenn er den Handwerker abends nicht erreichen kann.

Und wie sieht es mit der Außendarstellung der Betriebe aus?

Das ist ein weiterer Punkt. Die Zeiten sind vorbei, wo automatisch zuhauf Bewerbungen kamen. Dafür müssen sich die Betriebe besser präsentieren. In Zukunft wollen wir auch die Eltern besser erreichen. Die müssen wissen, dass jemand, der im Handwerk lernt und dort seine Karriere macht, kein Bildungsabsteiger ist. Aber nichts ist so schwierig, wie gegen althergebrachte Vorurteile anzukämpfen.

Was haben Sie aus ihrer Ausbildung für Ihr Leben mitgenommen?

Dass man sich jeden Tag aufs Neue auf neue Situationen und andere Menschen einstellen muss. Und dass mitunter die Baustelle die größte Ansammlung von Egozentrikern ist. Jeder Handwerker ist etwas Besonderes und hat seine Eigenarten. Es gibt keinen Handwerker zweimal.

Die Fragen stellte Florian Schwiegershausen.

Info

Zur Person

Jan-Gerd Kröger, 58, stammt aus einer traditionsreichen Bauunternehmerfamilie in Bremen-Blumenthal. Im Oktober besteht sein Familienunternehmen seit 133 Jahren. Seit Ende 2013 ist Kröger Präses der Handwerkskammer Bremen.

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